Si-o-se Pol in Isfahan, Iran (14.05.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
7. Juni 20089. Juni 2008

Sonntag, 8. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Bandar-e Golmankhaneh, Orumiyeh, Serou

Den ganzen Vormittag, besser gesagt auch den Mittag und den halben Nachmittag, verbringen wir am See. Der Wasserspiegel ist über Nacht gestiegen, sodass wir nun vom Wasser umgeben sind und die Soester Schlappen weggeschwemmt wurden. Bis auf zwei oder drei Typen von der Baracke nebenan sind wir alleine und Robert läuft – nachdem er irgendwann gegen eins oder so mal aufgestanden ist – nur in Unterwäsche rum. Weil uns die ganze Chose mit dem Salz zu anstrengend ist, gehen wir nicht nochmal baden, sondern latschen – heute barfuß – ein bisschen um die Autos herum, fressen Kekse, machen Fotos und genießen im Großen und Ganzen das Nichtstun.

Um drei Uhr ziehen wir ab in Richtung Orumiyeh, wo wir noch unsere letzten Erledigungen vollbringen wollen, bevor wir zur türkischen Grenze fahren. Calle und Arne haben noch eine Million Rial auf den Kopf zu hauen, deren Rücktausch sich kaum lohnen wird, und so suchen wir nach Funkgeräten, die uns das gemeinsame Konvoifahren in den nächsten Wochen sehr erleichtern würden. Das Durchfragen ist total hart, denn im Wörterbuch stehen weder »Funk« noch »Funkgerät« und die Leute hier meinen – selbst nachdem wir Pantomime spielen oder alles aufmalen – wir würden einen Mobilfunkladen suchen.

Jemand, der es schließlich doch verstanden hat, führt uns in einen Laden, wo uns wirklich zwei Funkgeräte angeboten werden. Diese UHF/FM-Transceiver aus Asien sind so ungefähr das Letzte, was in Deutschland zugelassen werden würde. Nachdem die Akkus extra für uns geladen und wir nach einer Stunde wiedergekommen sind, testen wir die Teile im Straßeneinsatz und sind zum einen enttäuscht von der geringen Reichweite und zum anderen befremdet vom offensichtlichen Funktionsproblem, das eines der beiden Geräte hat.

Außer den gut zehn Tuman für unseren letzten Kebab im Iran lässt der ausgiebige Gang durch den Bazar die Kohle auch nicht geringer werden und so machen wir uns mit den Autos auf die Suche nach einer Art Autowäsche. In einer Werkstatt, die auch einen Hochdruckreiniger am Start hat, entfernen wir das speziell für unseren Rostkarren tödliche Salz vom Unterboden und fahren den Camper nach fast einer Stunde des Waschens beider Autos schließlich so sauber vom Platz, wie er wahrscheinlich noch nie war. Jedenfalls können wir uns nicht daran erinnern, ihn so dermaßen blitzblank, reflektierend und funkelnd gesehen zu haben.

Um acht Uhr sind wir wenige Kilometer vor der Grenze angelangt und ich denke, dass wir nun zum letzten Ort vor der Türkei abbiegen und dort einen Schlafplatz suchen. Die anderen drei meinen aber, wir sollten noch heute rüber, da es ja sowieso noch hell wäre. Naja, dass die Formalitäten mal leicht zwei Stunden in Anspruch nehmen können, scheint wohl egal zu sein. Hell wäre es dann jedenfalls auch drüben nicht mehr. Und ob die Typen kurz vor Dienstschluss – die Grenze ist nämlich nachts geschlossen – noch soviel Bock haben, uns abzufertigen, sei auch mal dahingestellt.

Die Grenze zwischen Serou im iranischen Teil und Esendere im türkischen besteht aus einer überschaubaren Ansammlung von Gebäuden zwischen zwei Hügeln. Es herrscht nur wenig Betrieb, so gut wie kein Aas ist hier am Start, gerade mal ein Auto parkt noch neben uns, und entsprechend familiär geht es hier im Gegensatz zu sonstigen Grenzposten zu, die meist viel geschäftiger sind. Zoll, Ein- und Ausreise, all diese Dinge sind hier im selben Gebäude vereint.

Das heißt aber nicht, dass die Abfertigung hier einfacher funktioniert. Im Gegenteil, man kann das Gefühl haben, dass die Leute hier viel weniger mit Europäern zu tun haben, als zum Beispiel die Grenze in Bazargan. Der gemächliche Typ, der sich um unsere Ausreise kümmert, fragt dann also auch bald nach unseren iranischen Kennzeichen, die wir nicht haben. Wir hatten erstens in Tehran keinen Bock, zu dieser Stelle zu fahren, und zweitens hätte das sicher auch ordentlich Kohle gekostet, sodass wir uns gedacht haben, dass wir das getrost lassen können. Jetzt langweilt der Typ jedoch genau damit rum, gibt sich schließlich aber offensichtlich damit zufrieden.

Stattdessen fährt er ganz neue Geschütze auf: Unter herben Verständigungsschwierigkeiten erklärt er uns, wir sollten zur ein Kilometer entfernten Tanke zurückfahren und dort einen »Fiche«, also einen Zettel mit was weiß ich was drauf, abholen. Hä? Was soll denn das bitte für ein Scheiß sein? Wir fahren zurück zur Tanke und hören uns an, was der dortige Typ zu sagen hat. Doch anstatt dass sich die Situation aufklärt, wird sie noch verwirrender, denn dieser Penner will allen Ernstes für jedes unserer Autos um die 70 Dollar!

Alle Tassen im Schrank hat der gewiss nicht mehr! Von so einer Prozedur haben wir noch nirgendwo gehört, geschweige denn gelesen, und jetzt erzählt uns dieser Typ doch glatt, dass er für jeden Liter Diesel in unseren Tanks ein halbes Vermögen einsackeln will. Uns ist schon klar, dass das Ganze irgendwie als Ausfuhrsteuer gedacht ist, doch dass für die Literanzahl einfach mal pauschal irgendein aus der Luft gegriffener Wert angesetzt ist und der Preis pro Liter auch mehr oder weniger willkürlich auf einem im Büro hängenden Ausdruck festgelegt scheint, riecht schon sehr nach reiner Abzocke.

Selbst nachdem Arne einen Freund in Isfahan anruft, um zwischen dem Tankenpenner und uns übersetzen zu lassen, klärt sich die Situation keineswegs auf. Die einzige Neuigkeit, die dabei herauskommt, ist, dass wir die teuer bezahlten Liter theoretisch sogar bekommen könnten, wenn wir denn nur wollten. Klingt fast wie ein kleines Zugeständnis – ganz so als könne man über unsere Abzocke auch noch verhandeln. Glaben die allen Ernstes, wir wollen Diesel zu solch einem Mondpreis?

Da haben sich die Deppen hier aber krass getäuscht. Wir steigen aufs Dach und holen unsere Kanister zum Umfüllen runter. Die Kanister selbst sind zwar eigentlich noch gar nicht das Problem gewesen, doch wenn hier schon der Diesel in den Tanks Probleme macht, wie soll das erst mit den Kanistern werden. Außerdem darf man bei den Türken nur 25 Liter einführen, und da wir die mit Umfüllen wohl ziemlich genau erreichen werden, trifft sich das gerade ganz gut.

Unvermeidlicher Weise geht natürlich auch ein guter Liter auf den Boden vor der Tanke, und zu unserer Überraschung fängt der Tankenpenner daraufhin an, uns anzumotzen. Der scheint echt nen krassen Schatten zu haben. Soll er sich doch mal andere Tanken im Iran anschauen, da bräuchte man Plateauschuhe, um nicht mit den Füßen im Diesel zu schwimmen. Außerdem hat er überhaupt nichts zu melden, da wir mit Leuten, die uns bestehlen wollen, nicht unbedingt auf bestem Fuß stehen.

Entsprechend beende ich seine Motzerei vom Dach aus auch mit einem lauten und extrem genervten »Mashallah!« sowie dem Hinweis, dass dieser Ort hier nach sieben Wochen im Iran der schlechteste und ungemütlichste sei, den wir gesehen haben. Fertig umgefüllt ziehen wir – ohne Fiche – ab und lassen den Penner mit seinem Diesel in den Zapfsäulen und auf dem Boden alleine. Eigentlich hätte er uns den verschütteten Liter ruhig zu seinem absurden Preis bezahlen können.

Zurück an der Grenze ist der andere Komiker nicht gerade erfreut über unser ficheloses Aufkreuzen. Er besteht darauf, dass wir das Ding kaufen müssen. Er könne da keine Ausnahme machen, doch wenn wir wollten, sollten wir morgen zu seinem Chef gehen, der ab acht Uhr morgens hier sein Dasein fristen wird. Kooperation sieht jedenfalls anders aus, denn abgesehen von der schwierigen Kommunikation lässt der Typ, der übrigens nichts zu tun und sich eher zu langweilen scheint, überhaupt nicht mit sich reden.

Arne ist wegen der ganzen Aktion schon ungewohnt stinkig und wir natürlich ebenfalls angenervt, doch was soll man denn bitte machen? Wir sind die Bittsteller. Wir wollen raus. Wir wollen nicht zahlen. Der Typ hier sitzt am längeren Hebel und es ist letztendlich ja sogar nett, dass er uns darauf hinweist, es morgen zu versuchen. Schließlich endet der Abend für uns dann auch hundert Meter entfernt auf einer kleinen Kiesfläche.

Wir campen zwischen der Schranke zum Grenzkomplex und dem Ausreisetor auf der iranisch-türkischen Grenze. Toll! Hört sich vielleicht nach einer spannenden Sache an, ist letztendlich aber doch wie an jedem anderen Ort auch. Nur dass während unserem Abendessen hinter uns halt dauernd Personengruppen vorbeilatschen, die gerade ins Land rein- oder rauskommen. Bis auf einen Polizisten interessiert sich außerdem niemand für uns, und da die Grenze in der Nacht geschlossen ist, lässt sich diese auch einigermaßen gut verbringen.

Wenn wir es morgen schaffen, hier rauszukommen – mit oder ohne Fiche, das wird sich dann zeigen – werden wir sieben Wochen und zwei Tage im Land gewesen sein. 51 Tage im Iran sind eine lange Zeit und schon für sich genommen länger, als unsere bisherigen Reisen mit An- und Abfahrt waren.

Sie sind aber auch genug.

Ich freue mich wieder auf etwas mehr Westen und vor allem auf weniger Aufmerksamkeit. Das ständige »Mister, where do you?« kann einem nach einer gewissen Zeit doch wirklich sehr auf den Keks gehen. Freute man sich anfangs noch über so viel Offenheit und Kontakt, so sehnt man sich fast zwei Monate später nach etwas Ruhe. Gleiches gilt für die immer gleiche Kommunikation mit den Leuten: Es mag mehrere Wochen ganz nett gewesen sein, Farsi auszuprobieren, indem man über die Herkunft, das Alter und das übliche Zeug spricht, doch wenn sich dasselbe Spiel dutzende Male pro Tag wiederholt und man im letzten Monat nur wenige Male über dieses Gesprächslevel hinausgekommen ist, wünscht man sich manchmal eher Einsamkeit und Eremitendasein als die abermalige Wiederholung des gleichen Films. Die Folge ist, dass ich zum Beispiel in den letzten zwei Wochen extrem selektiert habe, mit wem ich überhaupt das Reden angefangen oder auf wessen Fragen ich reagiert und wen ich einfach links liegen gelassen oder explizit mein Desinteresse vermittelt habe.

Klar, der Iraner sieht einen Touristen alle paar Monate, und wenn uns jemand trifft, freut er sich natürlich, mit uns zu reden. Das letzte Mal ist ja schon ein paar Monate her, da kann er ruhig mal wieder wen ansprechen. Wir aber sehen Iraner alle drei Sekunden. Und wenn uns einer im guten Glauben anlabert, dann haben wir den letzten nunmal erst vor anderthalb Minuten verabschiedet.

Es ist also nicht das Reisen an sich, was etwas zu nerven beginnt, sondern das Reisen im gleichen Land. Natürlich waren die Kurden in den letzten Tagen eine willkommene Abwechslung, und wenn der Iran nicht so viele unterschiedliche Gesichter hätte, wären diese Zeilen wahrscheinlich auch schon viel früher geschrieben worden. Doch irgendwann reicht es einfach doch.

In diesem Sinne: Es war wunderschön im Iran und ich würde gerne irgendwann wieder zurück kommen. Doch nun freue ich mich auf eine einmonatige Rückreise durch andere Länder und andere Kulturen.

7. Juni 20089. Juni 2008

Aktuelles ...

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Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.