Deutscher Qualitätsexport überall, Schaufenster in Tabriz, Iran (21.04.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
5. Juni 20087. Juni 2008

Freitag, 6. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tacht-e Soleyman, Zendan-e Soleyman, Mahabad

Die Nacht war zwar kalt, wie erwartet, aber dennoch ok. Um zehn Uhr beginne ich, irgendwelche Sachen zu machen und bekomme alsbald Besuch von einem Iraner, der mit seiner Familie hundert Meter weiter auf der anderen Seite des Baches sein Zelt aufgeschlagen hat. Im Schlepptau hat er einen kleinen Jungen und es dauert nicht lange, bis noch ein anderer rüberkommt und wir zu viert vor dem Camper stehen. Eigentlich ist er rübergekommen, um Brot anzubieten und zu sehen, wer da so dieser Ausländer ist, doch natürlich endet es damit, dass ich den Karren dicht mache und mich rüberbegebe, wo die Gruppe ihr Zelt aufgestellt und ihre Teppiche ausgebreitet hat.

Die »Familie« besteht heute aus 15 Leuten, deren Verwandtschaftsverhältnisse ich im Großen und Ganzen zwar verstanden habe, aber nicht unbedingt nochmal erläutern muss oder kann. Nebst ein paar älteren Damen und Herren, also den Papas und Mamas, sind die zwei 22 und 27 Jahre alten Iraner, die mich vom Camper abgeholt haben, und auch ein paar Ischen im Alter von 14, 17, 18 und 24 vor Ort. Die letztere hat mit dem 27-jährigen den vier Monate alten Abdulfasl am Start, der gleichzeitig auch das unterste Ende der Altersskala markiert. Auf den Zwischenrängen gibt es dann noch zwei acht bis zehn Jahre alte Jungs und eine vielleicht ein, zwei Jahre ältere Type, die hier als einzige komplett in Schwarz rumläuft.

Obwohl die Englischkenntnisse der Gruppe mit etwa 30 Wörtern von Fatima und jeweils zehn von Tahereh und Golzar bereits vollständig beschrieben sind, macht die Unterhaltung mit den Leuten richtig Spaß. Mit jedem Tag, an dem wir mehr Farsi drauf haben, müssen die anderen weniger Englisch können. Es geht natürlich erst mal vorwiegend um das Übliche, aber interessant wird es meist erst nach einer halben Stunde, wenn die Standardfragen aufgebraucht sind und es um Sachen geht, die man nicht sowieso immer diskutiert. Außerdem ist das dann eine schöne sprachliche und pantomimische Herausforderung.

Eines der Themen, die zwar nicht am Anfang, aber doch sehr oft auf der Tagesordnung sind, ist die Religion. Die meisten Leute, die uns darauf ansprechen, gehen natürlich davon aus, dass wir Christen sind, und fragen dann mit einer schon positiv formulierten Frage nochmal danach, um die Bestätigung zu erhalten. Mit unserer wahrheitsgetreuen Antwort »hitchi din«, also keine Religion, haben wir bisher jeden der Nachfragenden verstört. Es gab wirklich keinen, der diese Antwort einfach so hingenommen hat! Stattdessen fragen die meisten verwundert ein zweites Mal nach, weil sie an ein Missverständnis glauben, und sind dann umso überraschter, dass sie bereits richtig verstanden haben.

Oft zählen sie daraufhin ein paar Religionen auf, die sie kennen, also erst mal Islam, dann Christentum, machen dann manchmal weiter mit Hindu oder gar Judentum, doch uns bleibt nur zu wiederholen: Hitchi! Der letzte vermeintliche Anker, an den sich die Leute dann noch hängen, ist Gott. Sie fragen also, ob wir denn wenigstens einen »Choda« hätten, an den wir glauben oder uns wenden könnten. Nachdem selbst diese Frage verneint ist, kommt so gut wie immer noch ein »Chera?«, »Warum?«, auf das wir jedoch nichtmal auf Deutsch eine Antwort haben und damit die Diskussion darüber meist mit einem kleinen Schweigen dahinstirbt.

Ich bin nicht einmal getauft worden, Robert ist ausgetreten und glaubt nicht, also sagen wir nur die Wahrheit, doch wir haben schon vor einigen Wochen darüber nachgedacht, ob wir in Zukunft nicht einfach sagen sollen, wir seien Christen. Das würde die Fragenden auf jeden Fall zufriedener stellen und ich glaube kaum, dass allzu viele Leute über spezielle Dinge in dieser Hinsicht nachhaken würden. Wer also seine Gesprächspartner nicht aus der Reihe bringen oder deren Weltbild zerstören will, der sollte auf jeden Fall irgendeine – welche ist wahrscheinlich überhaupt nicht wichtig – Religion nennen. Andererseits glaube ich auch, dass es sich gehört, den Leuten zu zeigen, dass nicht jeder richtige Europäer automatisch Christ ist oder überhaupt eine Religion hat, wie sie es hier zu glauben scheinen. Deshalb ist es auf der anderen Seite also nicht allzu schlecht, drei komplizierte und vielleicht etwas unangenehme Diskussionsminuten über sich ergehen zu lassen, wenn man damit den Horizont der anderen erweitern kann.

Robert taucht jedenfalls auch irgendwann auf, halb zwei dürfte es gerade in etwa sein, und kurz darauf gibt es Mittagessen. Das servierte Zeug hier heißt zwar auch Abgousht, wie damals der erste Fraß in Tehran, aber es schmeckt um einiges besser. Wie immer kommt auch heute irgendwann der Zeitpunkt, wo die Luft raus ist, und so verabschieden wir uns eine knappe halbe Stunde später, um den Rest des Tages noch so zu verbringen, wie wir es angedacht hatten.

Einen Kilometer weiter erreichen wir also den Parkplatz von Tacht-e Soleyman, zu Deutsch Thron des Salomo, wo uns gleich irgendein Tehraner auf Französisch anspricht. Die Kultstätte, die auf einem Hügel umgeben von einer Wehrmauer liegt, ist nicht wegen den Ausgrabungen, sondern wegen dem dort befindlichen See sensationell. Der von einer unterirdischen Quelle gespeiste Vulkansee ovaler Form ist die Hauptattraktion der Stätte, wenn man nicht gerade allzu sehr archäologisch interessiert ist. Hier haben die Sassaniden früher das Wasser verehrt und die Araber haben es nicht zerstört, weil sie kurzerhand behaupteten, Salomo sei hier gewesen, was aber nicht stimmt.

Während wir noch darüber reden, dass es schön wäre, hier jetzt zu baden, springt auf einmal ein paar Dutzend Meter weiter ein Mann mit Hechtsprung ins Wasser und beginnt zur Mitte zu schwimmen. Sofort ruft und pfeift ein in Blau gekleideter Aufseher, der jedoch ob der nicht wahrnehmbaren Reaktion des Schwimmers darauf abzieht, um Verstärkung zu holen.

Eine Minute später, inzwischen haben sich viele Leute um den See versammelt und beobachten die ganze Szenerie, kommen zwei Polizisten ans Ufer, von denen der offensichtlich jüngere wohl gern den Rambo markieren würde. Erst ruft er noch recht grantig, der Schwimmer solle rauskommen, doch ohne ihm auch nur 20 Sekunden zur Reaktion zu geben, zückt er seine Pistole und gibt vor komplett versammeltem Publikum einen Warnschuss ab.

Der Schwimmer lässt sich davon zwar anscheinend nicht allzu sehr beeindrucken, macht sich aber trotzdem auf den Weg in Richtung Ufer, wo er von den beiden Polizisten empfangen wird. Er begrüßt den Rambo grinsend mit »Salam alaikum« und benimmt sich in meinen Augen so, als hätte er nichts falsch gemacht. Hat er ja eigentlich auch nicht. Die Polizisten schicken inzwischen die ganzen Schaulustigen weiter, holen den Typen aus dem Wasser und befehlen ihm, sich hinter einem Hügel umzuziehen.

Obwohl die Polizisten noch länger dastehen sieht es so aus, als sei die Geschichte damit beendet, denn ich sehe sie nicht mehr mit dem Schwimmer und seinem »Helfer« reden. Überrascht bin ich hingegen über die schnelle Verwendung der Knarre. Ich weiß zwar nicht, wie es in Deutschland ist, aber ich schätze mal, dass ein bayerischer Polizeibeamter erst mal einen ewig langen Bericht erstellen muss, wenn er von seiner Waffe Gebrauch gemacht hat. Der würde nicht mal einfach vor 70 Leuten einen Schuss abgeben, wo ein einfaches Rufen garantiert sowieso gehört wird.

Als der Rambo mit weiterhin gezückter und entsicherter Waffe an Robert und mir vorbei am Ufer entlang lief, um zur Stelle zu gelangen, wo der Schwimmer seine Sachen deponiert hatte, beäugte er uns erst etwas überrascht, tauschte daraufhin das Magazin seiner Knarre und steckte sie weg. Kann mir gut vorstellen, dass unsere Präsenz zumindest zu einem kleinen Teil dazu beigetragen hat.

Als wir kurz darauf auch durch die Mauern der Ausgrabung laufen, spricht uns ein etwas älterer Herr auf Deutsch an und fragt, woher wir seien. Er sei vor 35 Jahren auch öfter mal in München gewesen, zu der Zeit, als er in Wien gelebt habe. Nun wohne er mit seiner Frau in Tehran und wünscht uns noch eine gute Reise. Seinen Nick auf irgendeiner Fotoseite gibt er uns auch noch mit auf den Weg: mreza198. Hehe, mich würde es nicht wundern, wenn es schon 197 andere Mohammed Rezas dort gäbe.

Nichtmal zwei Minuten vergehen und wir hören, wie uns von hinten jemand »Auf Wiedersehen!« zuruft. Wir drehen uns um und eine Ische fragt »Seid ihr Deutsche?«. Nachdem wir die paar Meter zurückgelaufen sind, erzählt uns die Tehranerin, dass sie in Heidelberg studiert, aber inzwischen ihr ganzes Deutsch vergessen habe. Lustigerweise kommt der Typ von gerade eben auch vorbei und gibt im Vorbeigehen als Kommentar »Ja sehen Sie, jeder spricht hier Deutsch!« zum Besten.

Mit dem – sehr lohnenden! – Besuch in Tacht-e Soleyman sind wir nun fertig und fahren drei Kilometer weiter zum Zendan-e Soleyman, dem Gefängnis des Salomo. Mit Salomo hat das genauso wenig zu tun, aber das soll uns nicht weiter stören. Es handelt sich um einen 110 Meter hohen Kegel mit einem 70 Meter breiten und 100 Meter tiefen Krater in der Mitte. Was auf den ersten Blick wie ein Vulkan scheint, wurde im Laufe der Jahrmillionen vom Druck der unterirdisch befindlichen, mit Gasen angereicherten Quelle aufgeschichtet.

Von unten schaut es sehr interessant aus, wie die ganzen bunten Punkte auf den Berg hinauflaufen, um von oben in den Krater zu schauen. Wir machen das natürlich auch und werden oben mal wieder von einer Type mit Familie angesprochen, diesmal jedoch auf Englisch und nicht, wie ich vermutete, aus Tehran. Aserbaidschan – die Provinz ist gemeint – antwortet sie auf meine Nachfrage, ob sie aus Tehran sei, auf die sie irgendwie komisch gegrinst hat und welche sie fast als Kompliment zu werten schien.

Es ist nun vier Uhr und wir sind mit den hiesigen Schuppen nun fertig, können uns also auf den Weg in Richtung Orumiyeh-See machen. Leider haben wir von den Soestern noch nicht gehört, ob sie auch bereits heute Abend oder erst morgen Abend dort sein werden, aber zur Not verbringen wir halt erst noch einen Tag alleine irgendwo.

Als ich unterwegs mal wieder die SIM-Karte wechseln will, um zu sehen, ob die Soester geschrieben haben, geht das beschissene K610i einfach nicht mehr an. Ich versuche alles Mögliche, Akku dutzende Male raus und rein, alle möglichen Tasten zusätzlich zur Einschalttaste, andere SIM-Karte, keine SIM-Karte, Ladegerät mit und ohne Akku anschließen – das dumme Ding will einfach nicht mehr!

Das ist natürlich eine schöne Bescherung! Roberts Telefon geklaut, meines kaputt, nun sind wir komplett ohne Funk! Das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir den nicht zum Beispiel unbedingt bräuchten, um uns mit den Soestern zu treffen, und wenn wir nicht noch ein paar Abschieds-SMS an unsere iranischen Freunde schicken wollten. Außerdem sind wir wohl noch über einen Monat unterwegs und werden uns noch öfter mit irgendwem verabreden oder treffen müssen. Krasser Mist!

Im Ort Miyandoab stehen wir nun vor der Entscheidung, ob wir an die Ost- oder an die Westküste des Sees wollen. Die Ostküste soll schöner, aber schwerer erreichbar sein, die Westküste weist mehr Infrastruktur und Orte auf, ist aber vielleicht etwas überlaufener und nicht so toll. Fahren wir nach Westen, kommen wir außerdem heute noch in Mahabad vorbei, wo wir vom Martin eine Telefonnummer bekommen haben und somit auch jemanden hätten, der uns zum Beispiel in der Kommunikation mit den Soestern weiterhelfen könnte.

Wir sind also ohne Funk, haben kein Wasser mehr in den Tanks, Rial im Gegenwert von lediglich zehn Euro in den Taschen, nichts zu verdauen im Magen, und die Stadt ist so ungefähr das Hässlichste, was uns in den letzten Wochen untergekommen ist. Nette Basis für eine Entscheidungsfindung.

Eher zufällig fällt die Wahl auf den Westen. Zum einen wegen Mahabad, zum anderen aber auch, weil wir bei Problemen dort schnell nach Orumiyeh fahren könnten und außerdem somit auch schon näher an der Grenze sind.

In Mahabad fangen wir an, unsere Mängelliste zu beseitigen: An einer Tanke gibt es Wasser und unsere Tanks sind nach zehn Minuten wieder randvoll. Immerhin etwas. Nun würden wir gerne die Soester anrufen, doch da die nur eine deutsche Nummer haben, müssen wir in einen International Phone Laden gehen. »Finden« lautet hier jedoch erst mal die Devise! Es ist Freitagabend und so gut wie alles hat zu. Wir fragen einen Melonenverkäufer auf dem zentralen Meydan nach einem Phone- oder Internet-Schuppen und dieser steigt gleich ein. Die halbe Stadt fährt er mit uns ab, von einem geschlossenen Laden zum nächsten, bis wir nach gut 20 Minuten endlich etwas Offenes mit sowohl Internet als auch Telefon finden. Auf dem Weg zurück zum Meydan, um den Melonenverkäufer zurück zu bringen, tu ich kurz unsere SIM in sein Mobiltelefon und schreibe den Soestern, dass unser Funkgerät kaputt ist.

Zurück im Laden: Das Internet hier ist grottenlahm, taugt nichtmal fürs Abrufen der Mails, geschweige denn für Skype oder ähnliches, sodass wir es nach zwei Minuten sein lassen. Stattdessen diktieren wir dem Typen Carls Mobilnummer und lauschen in Kabine III, was passiert: Nichts. Das Gerät scheint nicht an zu sein, obwohl die SMS vor einer halben Stunde noch ankam. Krasser Mist!

Von einer Telefonzelle unterwegs versuchen wir Hivas Cousin anzurufen, also die Nummer, die wir vom Martin bekommen haben. Bis jetzt hatte wir nie Probleme mit dem Telefonieren mit unserer Telefonkarte aus öffentlichen Telefonzellen, doch hier heißt es »The caller’s number is restricted!«. Hä?!? Wie bitte? Die Nummer des Anrufers ist beschränkt oder gesperrt? Was’n dat bitteschön für’n Mist?

Da das also nichtmal was mit dem Anrufen einer lokalen Nummer wird, beseitigen wir einen weiteren Mangelpunkt auf unserer Liste, indem wir uns für unsere vorvorletzten 60,000 Rial richtig viel Kebab in den Magen stellen. Danach fahren wir zu einem Park zurück, den wir vorhin gesehen haben, müssen aber zu unserer Enttäuschung feststellen, dass dieser nichtmal mit einem Klo aufwarten kann. Krasser Mist.

Das Armband meiner Uhr ist heute auch kaputt gegangen und ich versuche es mit Isolierband zu fixen. Hab zwar eine Ersatzuhr dabei, aber jetzt will ich eigentlich mit meiner normalen weitermachen. Schaut jedenfalls mal richtig hässlich aus mit dem schwarzen Band, aber morgen werde ich sehen, ob es hält. Um halb zwölf machen wir Feierabend, Robert geht ins Bett, ich eine halbe Stunde später. Morgen läuft’s hoffentlich wieder besser.

5. Juni 20087. Juni 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.