Donnerstag, 5. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Sanandaj, Tacht-e Soleyman
Als wenn sich die Iraner abgesprochen hätten, dass wir jetzt jeden Morgen genervt werden müssten, fängt irgendein Homofürst um neun Uhr an, direkt neben unserem Karren mit seiner Musikanlage zu posen. Ich habe ihn nicht gesehen, weiß auch nicht, was er für ein Auto fährt, aber er sollte sich lieber mal eine andere Freizeitbeschäftigung suchen, als mit seinem Billig-Paykan oder einem ach so tollen Peugeot 405 den halben Berg zu beschallen. Krasser Penner!
Mit Ohrstöpseln versuche ich mich dann nochmal in einer halben Stunde Schlaf, muss jedoch feststellen, dass es dafür bereits zu heiß und stickig im Camper ist – bleibt also nichts anderes als notgedrungenes Aufstehen. Bis Robert auch so weit ist, vergehen zwar nochmal fast drei Stunden, doch dann verlassen wir unsere Stellung und suchen unten in Sanandaj nach der Post, damit ich meine Hand voll Postkarten los werde.
Der erste Typ, den ich frage, ist einer der üblichen Karren-auf-der-Straße-hin-und-her-Schieber. Ein anderer Iraner kommt auch gleich dazu und hört sich an, was der alte Typ zu sagen hat: Er versucht sich auf Englisch in der Wegbeschreibung, obwohl ich ihm die ganze Zeit mit Persisch auf die Sprünge helfe und auch alles darin wiederhole, was er sagt. Komisch nur, dass er mich in diesen Momenten immer nichts verstehend anglotzt, während der andere Iraner grinsend genau mein Gesagtes bestätigend wiederholt. Als wir schließlich weitergehen, bringt Robert die Situation auf den Punkt: »Der kann gar kein Persisch und versuchts deswegen auf Englisch!«. Und der andere Typ lachte sich einen ab und übersetzte für uns auf Farsi.
Beim Eintreten in das Hauptpostgebäude der Stadt bietet sich uns ein ganz anderes Bild als erwartet. Stelle ich mir eine Post immer total überlaufen vor, mit allein 50 Rentnern, die für ihre Rente anstehen, 20 Leuten, die Geld irgendwo hinschicken wollen, und vielleicht zehn Leuten, die Pakete oder Briefe loswerden wollen, so ist hier – niemand! Die große Halle mit etwa 15 Schaltern drum herum ist leer. Im ersten Moment scheint es sogar, als sei nichtmal ein Postbediensteter da, doch dann entdecken wir einen Hijab hinter dem Tresen und gehen zu der jungen Frau, die hier als einzige »allein im großen Haus« die Stellung hält. Allzu kompetent scheint sie mir zwar nicht und sie muss auch erst mal die Preise für Europa nachschauen, verlangt dann 2.000 Tuman und gibt aber zu verstehen, dass alles ok sei. Naja, schaumamal.
Die Burg der Stadt kann man von innen sowieso nicht besichtigen, aber von außen soll sie ganz ok sei, heißt es. Da wir aber offenbar unfähig sind, im Straßenwirrwarr dorthin zu gelangen, streichen wir diesen Punkt aus dem Tag heraus und wollen nur noch ins Regionalmuseum, wo typisch kurdische Sachen ausgestellt sein sollen. Nach fünf Minuten erleidet dieser Programmpunkt aber das gleiche Schicksal, denn das Museum ist geschlossen.
Zum Schluss wollen wir hier noch Kurdenklamotten kaufen. Während wir im entsprechenden Bazar stehen und man uns den Krempel anzieht, kommen mehr und mehr Leute, die alle stehen bleiben und schauen, was die zwei dummen Ausländer da machen, bis wir eine Traube von vielleicht zwanzig Leuten um uns herum haben. 30.000 Rial lässt jeder von uns da und in den Baggies folgen wir jemandem die Straße entlang, um neues Geld zu tauschen. Ohne den Klamottenkauf wären wir bestens noch bis zur Ausreise zurecht gekommen, doch so müssen wir entweder tauschen oder zusehen, dass wir mit unseren Rial im Gegenwert von 20 Euro die paar Tage noch zurecht kommen.
Da die Wechselstube geschlossen ist, sieht es derzeit eher nach letzterem aus. In unseren Klamotten fahren wir also los in Richtung Norden, ziehen sie aber bei der nächsten Tanke, wo wir endlich wieder Diesel für unseren fast leeren Tank kriegen, aus, da sie uns viel zu heiß sind. Unsere normalen Klamotten waren ja noch drunter.
Der Weg nach Tacht-e Soleyman ist zwar landschaftlich sehr schön und reizvoll, doch die Fahrt an sich ist eher schlauchig. Irgendwann haben wir mal wieder Bullen hinter uns, die mit eingeschaltetem Blau folgen und ab und zu auch kurz ihre Sirene anmachen. Mir ist schon klar, dass die uns zum Anhalten bewegen wollen, aber dann sollen sie das bitte auch richtig signalisieren – wozu haben die denn sonst bitte ihre Kelle? Außerdem werden die in ihrem Benz unsere lahme Gurke doch bitte überholen können!
Einige Minuten geht das so, während wir mit teils 35 km/h den einen oder anderen Hügel hochschleichen, bis es ihnen offenbar zu dumm wird und mit Lichthupe und Handzeichen aus dem Fenster heraus – wohlgemerkt nicht mit der Kelle – zeigen, dass wir rechts ranfahren sollen. Ich fahre also aufs Kiesbett und gehe vom Gas, doch was passiert? Die zwei Typen fahren fröhlich hupend, winkend und in Ekstase grinsend an uns vorbei, um gen Horizont zu verschwinden, während wir komplett anhalten müssen, weil auf dem Kiesbett ein fetter Stein liegt und unsere Schleicherschlange inzwischen auch schon am Überholen ist. Toll ausgebremst. Und warum das Ganze? Weil die Typen uns grüßen wollten, aber unfähig zum Überholen waren.
Um kurz nach acht kommen wir bei Tacht-e Soleyman an, irgendner wichtigen Stätte, die wir uns aber erst morgen anschauen werden. Jetzt ist erst mal Kochen angesagt. Hinter einem Hügel finden wir einen von der Straße nicht einsehbaren, aber schönen Platz bei einem Bach und machen es uns in den letzten Minuten des Sonnenunterganglichtes gemütlich.
Während draußen eine der besten Sternennächte der Reise anbricht, erfreuen wir uns am Mittlerer-Osten-Reiseführer aus den sechziger Jahren, den Robert mitgenommen hat. Tehran wird da mit knapp zwei Millionen Einwohnern beschrieben und auf den richtig guten Karten, die das kleine Ding zu bieten hat, heißen die Tehraner Straßen noch komplett anders. Genauso wie auch manch iranischer Ort übrigens, der nach der Revolution seinen an die Shah-Phalavi-Ära erinnernden Namen verlor.
Auch was den Rest angeht, könnten sich Reise-Know-How und Konsorten von diesem »Les guides bleus – Die blauen Führer« ruhig eine Scheibe abschneiden. Für den »Automobilisten« sind etliche genaue Kilometerangaben zu finden und die Information zu einigen Themen ist um einiges ausführlicher als das Zeug, das wir sonst dabei haben. Und das obwohl er die Länder Libanon, Syrien, Jordanien, Irak und Iran auf demselben Umfang wie ein RKH vereint. Köstlich ist auch der Schreibstil sowie die Anmerkungen von Roberts Vater Matthias, die zwischen den Zeilen die geschriebenen Fakten genauestens erweitern oder korrigieren – übrigens sogar unter Beachtung aller grammatikalischen Änderungen, wenn zum Beispiel im Text aus zwei Säulen eine Säule gemacht wird.
Um Mitternacht gehe ich in Erwartung der wohl kältesten iranischen Nacht ins Bett. Schon vorhin beim Abendessen haben wir erstmalig im Iran unsere Jacken rausholen müssen und nun prophezeien die siebeneinhalb Grad, dass wir wohl mit je zwei Decken mal wieder gut bedient sein werden. Aber solange es kein Palandöken II wird, ist alles in Ordnung.