Beim Tizi-n-Tinififft, Marokko (03.09.2006)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
1. Juni 20083. Juni 2008

Montag, 2. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tuysarkan, Bisotun, Kermanshah

Um halb neun wache ich auf und gehe eine knappe halbe Stunde später ins Haus zum Frühstücken. Bis auf Abbas, dem Mann der Schwester, sind natürlich wieder alle drei da und zu meiner Überraschung gibt es sogar Diskussionsstoff für eine ganze Stunde. Seien es nun die Dieselpreise, die Benzinrationierung, die Supermarktgröße hier und in Deutschland oder was auch immer, ich hätte nicht gedacht, dass doch nochmal so viel zu reden sein würde. Neuer Tag, neue Ideen.

Um zehn gehe ich runter, um Robert zu wecken. Viel bringen tut das jedoch nicht, denn um ihn wirklich aus dem Bett zu kriegen, muss ich da bleiben, da reicht es nicht, ihn aufzuwecken, die Uhrzeit zu sagen, um eine Quittung der Kenntnisnahme zu bitten und wieder abzuziehen. So schicke ich eine Dreiviertelstunde später Amin runter, der ebenfalls selbst Lang- und Vielschläfer zu sein scheint und sich schon einige Aktionen zum Aufwecken ausgedacht hat. Doch leider kann er im Camper keinen Eimer Wasser verwenden, noch kann er dem Robby eine Watschn geben, da dieser mit dem Kopf in Fahrtrichtung liegt, der Einstieg in sein Bett aber hinten ist.

Als er wieder hoch kommt, erzählt er also auch nur, dass Robby »Ok, ok.« gesagt haben und sofort wieder eingenickt sein soll, was für heiteres Gelächter am Tisch sorgt. Eine Viertelstunde später ist der Mister aber dann doch am Start und holt mit zwei gekochten Eiern noch sein Frühstück nach.

Um zwölf machen wir einen Abmarsch. Eine einfache Geburt ist das nicht, denn natürlich denken sich die beiden, also eigentlich eher Amin, alles Mögliche aus, um uns noch zum Bleiben zu bewegen. Das fängt an mit einer Einladung zum Mittagessen und hört mit der »Warnung« vor den drei Stunden Fahrt nach Kermanshah, in denen wir nichts zum Essen haben werden, auf. Um die Sache etwas abzukürzen und Amin das inzwischen zehn Minuten andauernde, sinnlose Stöbern im Englischlehrbuch zu ersparen, akzeptieren wir, dass uns die beiden noch bis zur Stadtgrenze hinaus begleiten, wo wir sie auch verabschieden.

Nun kann es also losgehen nach Kermanshah, wo wir eigentlich schon gestern Nachmittag ankommen wollten. Auf dem Weg liegen zwei Ortschaften, die in den Reiseführern erwähnt und angeblich interessante Dinge bieten sollen. Die erste, Kangavar, lassen wir, ohne mit der Wimper zu zucken, links liegen, in Bisotun halten wir jedoch am »Berg der Könige« an, um uns irgendwelche antiken Reliefs anzuschauen.

Abgesehen davon, dass mir so Zeug langsam zum Hals rauszuhängen beginnt, ist diese Stätte hier wirklich nicht so das Non-plus-ultra. Aus der Kategorie »Kann man sich sparen«. Besser als die Reliefs, die man nur von dreißig Meter Entfernung inklusive Genickstarrenposition auf fast 90 Grad Blickwinkel betrachten kann, ist da noch die in den Fels gehauene Herkulesstatue und die Karawanserei, die sich Robert alleine anschaut, während ich mich im Marokkanerdasein übe, indem ich mich auf die Wiese unter einen Baum lege.

Die wahre Überraschung des Tages wartet aber auf uns, als wir zum Auto zurückkehren: Neben unserem Karren steht ein weißer Puch-Camper aus dem Oberallgäu! Klaus und seine Frau sind seit letztem August unterwegs und gerade auf dem Weg von Indien zurück nach Deutschland, wo sie bald wieder weiter arbeiten müssen. Eine Stunde lang reden wir über dies und das, wobei natürlich auch eine Besichtigung des jeweils anderen Heims nicht fehlen darf.

Und wieder sind die Leute von unserem Gefährt fasziniert! Wir fahren hier mit einer alten Rostlaube durch die Gegend und können damit immer wieder alle möglichen Reisenden beeindrucken, die selbst ein vermeintlich viel besseres Mobil haben. Hört sich im ersten Moment vielleicht etwas paradox an, doch der Punkt ist der: Die Leute sind mit ihrem teuren Camper oder Expeditionsmobil – in diesem Fall hat es um die zwanzig Mille gekostet, aber auch das Fünffache haben wir schon kennen gelernt – unterwegs und bekommen vorgeführt, dass wir mit unserer zweieinhalbtausend Euro billigen Schrottkarre genauso weit kommen.

Dazu kommt oftmals die Einsicht, dass weniger manchmal mehr ist. Wir treffen Leute mit allen möglichen Problemen, die uns fremd sind oder die wir gar nicht haben können. Solaranlage, drei Batterien, die nicht genug Strom für den ganzen Technikkrempel bieten, und was weiß ich, was wir alles schon an nicht funktionierenden Teilen und Systemen mitbekommen haben. So was haben wir aber gar nicht an Bord. Wozu braucht es für die Dusche eine Pumpe, wenn die Arbeit auch von der Schwerkraft besorgt werden kann? Und was nicht da ist, das kann auch nicht kaputt gehen.

Wenn wir dann noch sehen, wie sehr sich unsere Besichtigungsgäste immer über »Kleinigkeiten«, wie den angeblich so dermaßen im Überfluss vorhandenen Platz im Wohnteil, äußern und sich ständig auch an unserem dreiflammigen Gasherd und der großen Küchenzeile sowie der phänomenalen Stehhöhe ergötzen, kommen wir langsam zu dem Schluss, dass wir mit der Wahl unseres Reisemobils einen wirklichen Volltreffer gelandet haben.

Es ist ja wirklich so: Bis auf wirkliche Offroadstrecken kommen wir überall hin, selbst viele Pisten sind kein Problem. Wir würden mit dem Ding bis nach Peking oder sonstwohin kommen. Mit 2.500 Euro ist im Falle eines Totalverlustes wegen Diebstahl, Herabstürzen der Böschung oder Baden gehen im Fluss nicht gleich die halbe Welt verloren. Es ließe sich jedenfalls ohne weiteres verkraften – der Karren ist sowieso schon abgeschrieben. Und was den Komfort angeht, man mag es kaum glauben, sind wir auch nicht so schlecht, wie man auf den ersten Blick meinen mag.

Was bringt denn schon der ganze Schnickschnack, den andere mit ihrem Expertenausbau oder sonstwas haben? Das ist letztendlich nur Spielerei. Bei uns lautet die Devise: Wenn sich eine Schraube lockert, dann drehen wir sie halt wieder rein. Wenn sie nicht mehr halten will und ganz rausfällt, dann nehmen wir halt eine größere. Wo nicht geschraubt werden kann, wird Tape benutzt – oder wir versuchen es einfach mal mit hässlichem Kleber. Auf diese Weise haben wir die summierten knapp 30.000 Kilometer auf inzwischen fast vier Monaten Reisen bestens überstanden. Aufwand: Eine Kartusche Kleber, eine Rolle Tape, ein Schraubenset. Was will man mehr?

Was also Einfachheit und Effizienz angeht, können wohl nur die zwei Franzosen aus Yazd mit uns mithalten, deren Situation eine ganz ähnliche ist. Karren für zweieinhalbtausend Euro, 80 Höchstgeschwindigkeit, keine Leistung, einigermaßen Platz.

Wo wir schon bei den Franzosen und Yazd sind, muss auch gleich mal wieder erwähnt werden, wie klein die Welt für uns doch ist. Während wir Klaus und seiner Frau so erzählen, dass wir in Yazd am Silk Road Hotel, vor dem sie übrigens auch eine Nacht standen, Laure und Freddy getroffen haben, geht ihnen ein Licht auf: Sie kennen die beiden aus Kathmandu oder Islamabad – genau wissen sie es gerade nicht so recht.

Und dass zum Beispiel jeder Deutsche Reisende hier www.pistenkuh.de kennt, ist schon faszinierend. Burkhard und Sabine Koch sind mit ihrem Lila Deutz jedem ein Begriff und gegenseitig kann man sich auf den jeweils aktuelleren Stand bringen, zum Beispiel, wo sie gerade in Afrika unterwegs sind, oder von der »Größten Katastrophe der Pistenkuh«, dem Einsacken im Salzsee vor einigen Monaten, erzählen. Klaus und Gemahlin haben die beiden sogar bei einem der letzten Därr-Treffen kennen gelernt. So gibt es, angefangen von der Pistenkuh, Touratech Quo Vadis und Pathaway bis eben hin zum Därr, mit Deutschen auf Reisen lustigerweise immer gemeinsame Themen, über die zumindest ich in der Heimat nie mit jemandem diskutieren kann.

Irgendwann geht es schließlich nach Kermanshah, wo wir nach nur weiteren 25 Kilometern Strecke ankommen. Kermanshah ist mit über 600.000 Einwohnern die größte und geschäftigste Stadt im mittleren Westiran und das merkt man auch bereits beim Durchfahren. Die zehn Kilometer lange Hauptstraße erinnert an Tehraner Verhältnisse und auch die Ischen sind seit Hamadan wieder auf dem richtigen Weg: Der Schminkpegel hat sich seit dem Süden wieder vervielfacht, die Kopftücher sind wieder in anderen Farben zu sehen, die Kleidung wieder enger. Zwar wird man hier natürlich nicht wie in der Hauptstadt Frauen in komplettem Weiß finden, und genauso schlecht ist es auch um die Englischkenntnisse bestellt, doch nach der »Durststrecke« im Süden ist das hier auf jeden Fall wieder eine willkommene Abwechslung. Von Shiraz war ich in dieser Hinsicht eh enttäuscht, denn die Iraner selbst scheinen davon zu schwärmen, nennen es außerdem zweitliberalste Stadt des Landes. Mein Eindruck? Pustekuchen! Und die Kontaktaufnahme, die scheint sowieso nur in Tehran und Isfahan einfach zu funktionieren. Hier jedenfalls nicht, auch wenn es anders aussehen mag.

Man rate nun, was wir als erstes in Kermanshah machen. Richtig! Reliefs anschauen. So schnell wie hier waren wir wohl noch nie auf dieser Reise wieder aus einer Kulturstätte draußen, denn auch wenn die Reliefs hier noch so toll und wichtig sind – ich kann sie nicht mehr sehen. Da ist es schon interessanter, auf dem Rückweg bei einem der Dutzenden alle paar Hundert Meter mit Schlauch in der Hand am Straßenrand stehenden Gärtner Wasser für unsere vollkommen auf dem Trockenen befindlichen Tanks zu besorgen.

zur Parkplatzsuche fahren wir ins Zentrum der Stadt zum Shirin Park. Auch wenn wir bisher im Iran Parks bis zum Abwinken gesehen haben – der hier ist anders. Der ganze Park besteht letztendlich nur aus einem großen Felsen, der begrünt und mit entsprechender Infrastruktur wie Toiletten und Spielplätze versehen wurde. Eine Straße führt schneckenförmig hoch und von oben hat man erwartungsgemäß eine super Aussicht auf die Stadt. Hier lassen wir unser Auto für die Nacht und ziehen zu Fuß weiter.

Bei einem Mausoleum, das einzige Teil, das wir noch anschauen wollen, jedoch vor verschlossenen Türen stehen, ruft uns ein Mann von oberhalb der Treppen irgendetwas zu. Als wir uns aber etwas fragend umdrehen erkennt seine blonde (!) Tochter selbst auf zwanzig Meter, dass wir wohl nicht die richtigen Ansprechpartner sind. Wieder oben begrüßen wir kurz die vier- oder fünfköpfige Familie und werden in unserer Vermutung – es ist eh fast schon eine Sicherheit – bestätigt: Tehranis. Die blonde Ische, die man mit ihrem mit ihrem Gesicht sofort nach Deutschland oder auch Skandinavien stecken könnte, ohne dass sie auffallen würde, packt dann auch gleich, ohne mit der Wimper zu zucken, bestes Englisch aus, und nach drei ausgetauschten Sätzen verabschieden wir uns wieder. Tehranis sind einfach anders. Und auf drei Meilen erkennbar.

Da wir eh nichts Besseres zu tun haben, gehen wir durch den Bazar und ich fotografiere die einen oder anderen Normalitäten. Irgendwie fotografiere ich oft jeden Shit, den wir besuchen, und jede angebliche Besonderheit, doch die ganzen Dinge, die uns hier wegen der langen Zeit oder auch den anderen Reisen total normal vorkommen, werden nicht abgelichtet. Dabei sind genau sie es, die eine Reise ausmachen und die den generellen Eindruck des Landes prägen.

So frage ich auch den einen oder anderen Ladenbesitzer, ob ich seinen Schuppen fotografieren könne. Nicht, dass die Herren gleich Ja oder Nein sagen, nein, im Iran läuft das anders. Schon seit Wochen. »Where are you from?«, »Kodjai?«, »Az kodja«, »Made in country?«, »My country is...?« – das sind die Variationen der Standardfrage, die vor jeder Unterhaltung und eben auch jeder Fotoerlaubnis gestellt werden muss. Das Lustige dabei: Jedes Mal kommt es uns so vor, als sei das Fotografieren, oder was auch immer wir gerade wollen, nur Deutschen gestattet, denn erst nachdem wir »Alman« gesagt haben, erhellt sich die Miene der Iraner schlagartig und sie würden scheinbar alles für uns tun oder erlauben. Deutschland ist der beste Passepartout im Land. Wie machen das eigentlich Amerikaner, Briten oder wer auch immer? Sagen die auch, sie seien Deutsche?

Wobei das überhaupt mitzuteilen mitunter gar nicht so einfach ist. Am simpelsten wäre wohl die rechte Hand zum Gruß zu heben, so wie es der eine oder andere Iraner mit uns macht. Am zweitsimpelsten wäre, »aria« zu sagen, denn dann wäre zum einen klar, dass wir aus Deutschland sind und zum anderen müssten wir uns dann nicht noch anhören, dass Deutsche und Iraner Brüder sind, bei denen eine ganz besondere Verbindung besteht. Was wir schon von selbst sagen, muss man uns ja eigentlich nicht mehr erzählen. Das mit den Ariern kommt nämlich wirklich bei neun von zehn Leuten, die wir treffen, innerhalb der ersten paar Minuten.

Aber all das wollen wir nun mal nicht tun oder sagen und so kamen wir vor sechs Wochen ins Land mit dem Wissen, dass Deutschland auf Farsi »alman« heißt. Brav benutzten wir mit unserer damals wohl noch ziemlich schlechten Aussprache das Wort, wenn wir nach der Herkunft gefragt wurden, doch in mehr als der Hälfte der Fälle wiederholte unser Gesprächspartner »Ah, almanistan!«. Schön, dachten wir uns, die Endsilbe »stan« steht wohl für sowas wie »Land« und »almanistan« folglich für Deutschland, siehe Turkmenistan, Kurdistan, und dergleichen. – Aber warte! Sagten sie vielleicht nicht »armenistan«?

So ist es, sie meinten Armenien. Aber weil sich da in deren und unserer Aussprache sowie scheinbar auch im Gehör der ein oder andere Chinese eingeschlichen hatte, waren das L und das R ziemlich oft einerlei. Nicht wenige Gesprächspartner kamen erst darauf, wo wir wirklich herkommen, als Bayern München erwähnt wurde, und auch nicht wenige Leute denken wohl noch bis heute, wir seien Armenier gewesen. So wie die Jungs in Ardabil, wo wir das Missverständnis erst nach einer Stunde bei denen zu Hause auflösten.

Seit dieser Zeit sind inzwischen fünf bis sechs Wochen vergangen und natürlich wissen wir jetzt, worauf wir aufpassen müssen. Einerseits betonen wir das L jetzt immer sehr stark und andererseits passen wir sehr gut darauf auf, wenn jemand das Land wiederholt und zum Beispiel »erman« für Armenier sagt. Wenn sogar »stan« im Wort auftaucht, läuten alle Alarmglocken und wir bemühen uns Klarheit zu schaffen. Und vor ein paar Tagen verstand jemand statt Alman sogar Oman. Na dann mal Prost auf unseren Araber-Look.

Zurück zum Tag. Wir sind gerade aus dem Bazar heraus und laufen eine Hauptstraße mit dichtem Verkehr entlang, als fünf Meter vor uns eine Frau ihren Paykan aus der Halteposition am rechten Fahrbahnrand heraus auf die Straße führen will. Dabei passt sie wohl zu sehr auf eine mögliche Lücke im fließenden Verkehr auf und fährt deshalb mit der rechten Ecke der vorderen Stoßstange einen alten Mann um, der gerade – wie alle anderen auch – die Fahrbahn entlang läuft.

Ich beobachte die ganze Szene, bin aber zu weit weg, um zum Beispiel rechtzeitig auf den Kofferraum zu klopfen. Selbst nachdem der Mann bereits umgefallen ist, gehen die Bremslichter für meine Begriffe erst sehr spät an. Während der Mann das Fluchen beginnt und vom Boden aus mit dem freien Bein zornig gegen das Auto tritt, versammelt sich in Windeseile eine große Menschenmenge um den Ort des Geschehens. Die Kermanshaher Frau, die in diesem Falle ganz klar zu dumm zum Fahren war, diskutiert – ohne dass sie oder ihre Freundin auf dem Beifahrersitz aussteigt! – lautstark, aggressiv und offenbar abwehrend mit mehreren Passanten durch das Fenster, während die anderen um den immer noch am Boden sitzenden Mann herumstehen und ihm einerseits zu helfen und ihn andererseits zu beruhigen versuchen. Etwa fünf Minuten geht das so weiter, bis der Mann im komplett dreckigen Anzug weghumpelt und der Paykan mit der offensichtlich sehr verunsicherten Frau im Verkehr davon fließt.

Leider habe ich nicht schnell genug meine Kamera draußen gehabt, um den Mann und das Auto klar im Bild zu haben, denn das wäre echt ein guter Schnappschuss geworden. Stattdessen ist nun die ganze Horde Menschen, die herumstehen, mit abgelichtet.

Unser erster Echtzeitunfall war das nicht, in Shiraz waren wir zugegen, als ein Paykan mit lautem Knall auf einen anderen Paykan auffuhr. Ansonsten haben wir immer nur die Folgen gesehen, also meist Blechschäden mit darum stehenden Personen. Vor allem an den Wüstenstrecken gab es oft umgekippte LKW am Straßenrand, neben oder unter denen manchmal sogar Menschen ihren Teppich ausgebreitet hatten und schliefen oder Tee tranken. Den schwersten Unfall sahen wir bisher kurz nach Samsun in der Türkei, als ein umgekippter PKW im Graben lag und mindestens ein Insasse noch im Fahrzeug war. – Erst eine Viertelstunde weiter kam uns die Ambulanz entgegen.

Nachdem wir kurz nochmal am Camper waren, suchen wir, während es gerade dunkel wird, ein Coffeenet auf, wo wir die Homepage aktualisieren und noch ein bisschen anderen Shit machen können. Etwas später wird die Sitzung jedoch schließlich von einem Stromausfall beendet und wir müssen im Licht des Handydisplays aus dem im Keller befindlichen Laden den Weg nach draußen finden. Ich finde das immer interessant zu sehen, wie bei einem Stromausfall eine Straßenseite komplett dunkel ist, während auf der anderen das Leben normal weitergeht. Diese permanenten Stromausfälle pro Straßenblock haben schon einen gewissen Charme.

In einem ebenfalls im Keller, aber in einem anderen Block befindlichen Restaurant essen wir gut und normal teuer für 7.000 Tuman zu Abend und gehen dann zurück zum Shirin Park, wo wir uns auf eine Sitzbank neben den Karren setzen und so den Rest des Abends verbringen. Viel ist nicht los, aber einige komische Gestalten laufen schon rum. Als Robert nach Mitternacht im Bett ist, kommen auch zweimal Leute vorbei, die eindringlichst davor warnen, hier die Nacht zu verbringen. Normalerweise haben wir für solche Warnungen nicht so viel übrig und verlassen uns lieber auf unsere eigene Einschätzung, da die meisten Leute übertreiben und Gefahren überall sehen, aber hier könnte ich den Leuten sogar recht geben. Nicht zuletzt, weil ein betrunkener oder unter Drogen stehender, sehr komischer Kauz just in dem Moment bei unserem Camper auftaucht, sich anlehnt und trotz offensichtlicher geistiger Abwesenheit so tut, als würde er dazugehören, als mich die eine Gruppe gerade vor diesen Leuten warnt.

Um zwanzig nach eins stehe ich vor der Entscheidung, ins Bett zu gehen oder umzuparken. Sie wird mir aber abgenommen von den freundlichen Männern im Staatsdienst, die gerade aufkreuzen. Mit einer kuriosen Sicherungsformation – erster Polizist klopft an den Camper, zweiter Polizist steht um die Camperecke herum und beobachtet, Soldat steht hinter der Tür des Polizei-Benzes und hat die Kalaschnikov richtig in der Hand und nicht wie sonst herumbaumelnd – bitten sie mich aus dem Karren heraus und wollen erst mal Personalien kontrollieren.

Gefühlsmäßig sind die Streifen mit Soldat und auch noch zwei roten Blinklichtern auf dem Dach nicht so der willkommenste Besuch, aber die Leute hier sind netter als in vergleichbaren Situationen. Wie immer hilft es sehr, dass sie sehr zufrieden mit ihrem Benz und wohl extrem froh sind, keinen Polizei-Paykan fahren zu müssen. Jeder Polizist, der im Benz ankommt, lobt erst mal überschwänglich das Auto, sobald er den Deutschen Pass sieht. Während der eine also auf mich einredet, dass wir woanders hinfahren sollen, schnappen sie gleich noch jemand anderen Rumlungernden auf, der direkt vorm Camper all seine Taschen entleeren muss und dann erst mal mitgenommen wird.

Mit Robby oben drin folge ich dem Bullen-Benz. Von unserer wunderschönen Stelle im Park mit Aussicht über die Stadt bringen sie uns zu einem Kreisverkehr, wo auch eine Polizeistation ist. Begeistert bin ich von diesem Patz nicht gerade, denn aus dem gemütlichen Aufstehen morgen wird wohl genauso wenig wie aus dem ruhigen Schlaf. Ich bedanke mich trotzdem und die drei ziehen ab.

Gerade bin ich am Einschlafen, als um Viertel nach drei direkt vor dem Camper ein LKW zu hupen beginnt. Erst wundere ich mich über die akustische Nähe, doch als der Typ immer intensiver und nerviger – wohlgemerkt um diese Uhrzeit – zu hupen beginnt, fange ich an zu ahnen, dass er ein Problem mit uns haben könnte. Die Vermutung wird eine Minute später bestätigt, als der Typ an die Scheibe klopft und irgendetwas labert. Da ich mir nicht noch die halbe Nacht ein Hupkonzert anhören will, bleibt mir nichts anderes übrig, als herauszugehen und den Typen nach seinem Problem zu fragen.

Er meint, ich solle den Camper an eine andere Stelle parken, weil er mit seinem fetten LKW da stehen will, wo wir jetzt stehen. Ich sage ihm, dass die Polizei uns genau diesen Platz hier zugewiesen hat, doch er tut daraufhin weiterhin nur erwähnen, dass er nun mal ein großes Auto habe. Natürlich, sehr »bozorg«, is ja gut. Um dem Ganzen ein Ende zu setzen, starte ich um diese inhumane Zeit nochmal die Maschinen und parke unser mobiles Heim um. Zwar nicht dahin, wo er wollte, aber immerhin so, dass er seinen fetten Trailer problemlos neben uns abstellen kann. Der Rest des Kreisverkehrs ist in der letzten Stunde offenbar schon von anderen LKW zugeparkt worden.

Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie sich der junge Fahrer mit Lichthupe und Handzeichen bedankt, winke aber nichtmal zurück, mache vorne wieder dicht, steige hinten ein und mache Feierabend. Jetzt endlich kann die Nacht kommen. Gut einschlafen tu ich aber trotzdem nicht.

1. Juni 20083. Juni 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.