Freitag, 30. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Khorramabad, Dodurd, Samen, Hamadan
Die Nacht ist super, denn ich schlafe wunderbar ohne lästige Mücken oder ähnlichen Krempel durch. Ist aber bei der Müdigkeit von gestern Abend auch kein Wunder.
Geweckt werde ich um halb zehn von lautem Klopfen an das Fenster gegenüber unserer Haustür. Als ich die Gardine aufziehe, glotzt mich ein Polizist blöd an und sagt, ich solle vom Karren runterkommen. Im Hintergrund sehe ich zwei Polizeiautos und entsprechend viele Uniformträger stehen.
Jetzt sind wir schon fast anderthalb Monate hier und unsere sowieso nie groß gewesene Obrigkeitshörigkeit hat auf ein Minimalmaß abgenommen. Das fängt damit an, dass wir uns bei den Polzeikontrollposten schon lange nicht mehr anschnallen und manchmal sogar durchfahren, obwohl uns eindeutig ein Stopp gezeigt wird. Hundert Meter danach verlangsamt man kurz, zeigt damit prinzipiellen Anhaltewillen, schaut sich die Reaktion des Bullen im Spiegel an, und wenn er nicht gerade seine Waffe zückt, kann man wieder aufs Gaspedal drücken.
Neun von zehn Polizeikontrollen, die wir haben, finden eh nur statt, weil den Leuten gerade langweilig ist und sie sich mal die komischen Touris oder den auffälligen Karren anschauen wollen. Oder wie vor drei Tagen, als zwei Bullen extra ins Auto gestiegen sind, uns überholt haben, ein paar Kilometer weiter vorne einen Posten eingerichtet und nur uns gestoppt haben – um dann nur blöd vor unserem Fenster zu stehen und zu grinsen. Erst als ihm nach einer halben Minute bewusst wurde, dass er uns schließlich für irgendwas gestoppt haben muss, fängt er an, irgendwas zu fragen. Nicht etwa nach dem Pass oder unseren Namen, nein, nach dem Modell des Autos! Der Gute war einfach neugierig und wollte offensichtlich auch mal ein paar Wörter Englisch ausprobieren.
Nun ja, so steht also der Bulle vor unserem Fenster und will, dass ich rauskomme, doch als ich ihn frage, warum, sieht man ihm die Überraschung im Gesicht förmlich an. Als er nochmal sagt, ich solle runterkommen, und ich ihm dasselbe antworte, wird er ein bisschen hilflos, schaut kurz rechts und links durchs Fenster rein, fragt aber nicht die üblichen Fragen, sondern ob wir was mit dem fünf Meter von uns entfernt stehenden Kia Pride zu tun hätten, um den auch fast der ganze Rest der Cops stehen. Ich negiere seine Frage und gebe ihm zu verstehen, dass ich jetzt gerne weiterpennen würde, woraufhin er nach ein paar weiteren Sätzen erst mal einen Abgang macht.
Aus dem Schlafen wird aber nichts mehr, denn hier ist zuviel los. Kurz darauf klopft es an der Tür und jemand anders steht da, fragt mich, ob ich wüsste, wann das Auto dort abgestellt worden sei. Ich kann lediglich darüber Auskunft geben, dass es heute Nacht zwischen elf und zwölf noch nicht da stand, aber heute Morgen habe ich nichts Spezielles gehört. Offenbar ist das Auto hier verlassen, mehr oder weniger mitten im Weg stehend und ohne zugehörige Leute aufgefunden worden.
Als ich inzwischen aufgestanden und doch rausgekommen bin, scheint ein Polizist mit dem nächstbesten Kia-Schlüssel anzukommen und öffnet doch glatt den Karren ohne weitere Probleme. Ein Auto vom Gericht, übrigens ein VW Caddy, ist auch zugegen und soweit ich das verstehe, hat das den Schlüssel gebracht. Spricht nicht gerade für Kia, wenn jeder Gerichtskarren dein Auto einfach öffnen kann. Nachdem das Vehikel durchsucht wurde, kommt ein Vier-Sterne-Bulle vorgefahren, dessen erste Aktion es ist, mich freundlich zu begrüßen während seine Kollegen vor ihm stramm zu stehen scheinen. Danach setzt er sich mit dem Schlüssel in den Pride und fährt mit ihm einfach, ganz so als wäre es sein Privatauto, los – und die ganzen grün gestreiften Autos hinterher.
Wir wollen heute zwar in Richtung Hamadan, aber vorher machen wir noch einen Abstecher nach Dorud, welches nicht auf dem direkten Weg liegt. Von hier aus wollen wir eigentlich die im Reiseführer empfohlenen Wasserfälle erreichen, doch die ganze Aktion fällt nicht zuletzt dadurch, dass wir uns wie richtige Reisenoobs benehmen, astrein ins Wasser. Denn obwohl im Lonely Planet klipp und klar drinnen steht, dass die Wasserfälle nicht mit dem Auto, sondern lediglich mit der Bahnlinie, die durch das Tal führt, erreichbar sind, versuchen wir es trotzdem. Wer glaubt schon dem Gipsy? Und seit wann hält der Gipsy überhaupt nennenswerte Informationen für Selbstfahrer bereit?
So fahren wir also die kleine Straße ins Tal hinein, die Bahnlinie weiter unten immer im Blick und ziehen bereits über den lügenden LP her, als sich die Straße ab dem ersten Bergdorf von einer schmalen, aber gut asphaltierten Fahrbahn in eine enge, aber noch hinnehmbare Piste verwandelt. Noch glauben wir, wir seien die Schlauen. Doch als die Piste nach einer Hand voll Kilometern immer dürftiger wird, fragen wir schließlich doch mal jemanden, der gerade zufällig am Straßenrand steht.
Zum Abshar? Naa, zum Wasserfall könnt ihr nicht mit dem Auto fahren. Ich mag es ihm nicht so recht glauben und habe eher Verständigungsprobleme im Verdacht, da der Typ genau null Wörter Englisch spricht, doch selbst nachdem ich zum fünften Mal nachhake, beteuert er, dass das nicht ginge. Ich weiß übrigens gar nicht, wie hier jemand zurecht kommen soll, der auf Persisch nur Hallo und Tschüss sagen kann. Da die Straße laut seiner Aussage jedenfalls sechs Kilometer später enden soll, wollen wir es trotzdem versuchen, auch wenn uns das halbe Dutzend wohl eine Stunde kosten wird.
Soweit kommt es dann aber doch nicht, denn ein paar hundert Meter weiter treffen wir vier Jugendliche auf dem Motorrad, die ebenfalls felsenfest behaupten, man könne einzig und allein mit dem Zug von Dorud zu den Wasserfällen fahren, nicht jedoch mit dem Auto. Nun sind wir überzeugt. Unverrichteter Dinge drehen wir also um und quälen uns die Piste und dann die Straße zurück bis Dorud.
Dass wir nichtmal auf die Idee gekommen sind, vorher jemanden zu fragen, zeugt schon von extremer Überheblichkeit oder einfach nur schlichter Dummheit. Sucht euch das Passende aus. Und die Moral von der Geschicht? – Der Einsame Planet lügt doch nicht!
Da wir offenbar aber noch nicht genug haben, fahren wir von Dorud aus eine andere Straße gen Süden. Die 23 Kilometer sind zwar vollkommen asphaltiert und nur ein Viertel davon sind richtig nervige Serpentinen, doch wirklich lohnen tut sich der Abstecher trotzdem nicht. Am Ende der Straße befindet sich ein Parkplatz, wo selbstverständlich einige Familien picknicken und wir mal wieder, wie letztendlich sowieso jeden Tag seit über einem Monat, die eine oder andere Einladung ausschlagen müssen. Von diesem Platz geht es außerdem über einen 18 Kilometer langen Fußweg zu einem abgelegenen See, der sehr schön und einsam sein soll. Letzteres kann ich mir gut vorstellen, denn wenn dieser Ort hier in der Pampa die nächstgelegene Straßenverbindung zu dem See ist, muss dieser wirklich am ADW liegen. Und wer, außer den zwei Typen mit einem Rucksack voller Ausrüstung, die wir gesehen haben, läuft schon 18 Kilometer dorthin?
Nach diesen zwei bis auf schöne Landschaftsblicke etwas sinnlosen Intermezzi geht es endlich in Richtung Hamadan. Auf etwa halber Strecke in Samen essen wir in einem richtig tollen »Restaurant« zu Abend. Der ganze Laden ist nur ein Raum, in dessen Mitte zwei Tische für die Gäste und außenrum die ganzen Einrichtungen und Maschinen stehen: In einer Ecke der Kühlschrank, in einer anderen ein Stapel Töpfe, an einer Wand das Waschbecken, gegenüber gleich beim Eingang der Grill. Dazu kommen noch die zwei total netten Herren, denen wir somit die ganze Zeit bei der Arbeit zuschauen können, was die Atmosphäre erst recht richtig heimelig macht.
Das Essen ist ebenfalls genial und rundet die Sache damit schön ab. So ein Restaurant müsste man fast dem Gipsy melden, doch welcher Backpacker hat in diesem verlassenen Kaff schon etwas zu suchen? Die beiden Restauranttypen setzen jedenfalls sogar noch eins drauf, denn als wir am Abdampfen sind, wollen sie uns nichtmal zahlen lassen. Dass uns mal eine Autobahnmaut oder ein Eintritt erlassen wird, ist ja normal, aber das ist jetzt nach anderthalb Monaten im Land das erste Mal, dass uns Restaurantbesitzer das komplette Essen erlassen wollen, und das, obwohl wir nichtmal groß mit denen über etwas anderes als das Essen geredet haben.
Die mickrigen 55.000 Rial für das gute Essen wollen wir aber bezahlt wissen und so stecke ich dem einen Typen das Geld einfach in die Brusttasche, sodass wir guten Gewissens einen Abgang machen können. Obwohl wir es nicht geplant und nicht gedacht hätten, erreichen wir heute Abend sogar noch Hamadan. Da die Gipsy-Karte hier im Gegensatz zu gestern richtig gut zu sein scheint und Robert damit bestens navigiert, macht das Durchfahren zur Pennplatzsuche richtig Spaß.
Am Ende landen wir schließlich wieder wie üblich an einem Park, der wegen des heutigen Freitagabends vor Picknickern und Lunaparkbesuchern überzuquellen scheint. Nach zwei Rundgängen ohne jegliche Ansprache zu Einheimischen – in diesen Situationen sehne ich mich wirklich nach Tehran oder Isfahan – und ein bisschen Lesen im Reiseführer sowie dem Schreiben dieser Zeilen hier geht es dann endlich ins Bett.