Donnerstag, 29. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Chogha Zanbil, Haft Tappeh, Shush, Khorramabad
Die Nacht ist die ätzendste der ganzen bisherigen Reise. Hier kann kein Mensch pennen!
Irgendwelche Minibiester, die um ein Vielfaches kleiner als normale Mücken sind, schwirren zu Hauf im Camper rum und stechen uns im Zehn-Sekunden-Takt. Die Fliegennetze sind selbstverständlich montiert, helfen jedoch nicht viel, da die Viecher jede noch so kleine Schlaufe in der Befestigung am Klettverschluss ausfindig machen und den Camper unaufhörlich stürmen.
»Klatsch!«. »Klapp!«, »Klatsch!«. So hört sich das die ganze Zeit an, weil jeder von uns beiden möglichst viele der Biester auf dem eigenen Körper erledigen will, bevor sie zustechen. Letztendlich hilft es jedoch nicht allzu viel, denn auf zwei getötete Biester kommt eines, das zum Stich kommt. Unzählbar viele, ohne Übertreibung vielleicht fünfzig oder mehr Stiche sammeln wir die Nacht über ein. An manchen Stellen gleich fünf auf einer zwei Daumen großen Fläche. Dass sich die Stiche zudem nicht wie normale Stiche anfühlen, sondern stark pieksen und einen heftigen Juckreiz hervorrufen, ist dem Einschlafen nicht gerade förderlich. Klipp und klar: An Schlafen ist überhaupt nicht zu denken.
Um vier Uhr, wir sind schon seit sechs respektive vier Stunden »im Bett«, wird uns die Chose zu blöd und Robert kommt runter, um zwei Kippen zu rauchen. Eigentlich war mein Vorschlag, von hier abzudampfen, woraufhin Robert jedoch sagte: »Wir können noch was ganz anderes dampfen!«. So sitzen wir nun um vier Uhr nachts da, rauchen und – dies vor allem – hoffen. Doch die Hoffnung ist vergebens, die Stechrate wird auch im verrauchten Camper nicht geringer, der Juckreiz verständlicherweise sowieso nicht.
Als Nächstes versuchen wir einen anderen Platz. Um halb fünf parke ich den Camper um, fahre ein paar hundert Meter weiter in der Hoffnung, dass die Biester nur da waren, weil wir bei den falschen Bäumen und vor allem direkt unter einem von diesen standen.
Ein bisschen hilft’s sogar! Doch eben nur ein bisschen. Die Biester sind weiterhin vorhanden, nur die Frequenz unserer »Klatsch« und »Klapp« hat abgenommen. Von Schlafen sind wir weiterhin weit entfernt, nicht zuletzt natürlich, weil wir inzwischen sowieso viel zu angenervt von der ganzen Situation sind. Um viertel vor fünf ziehe ich daher die Notbremse und starte wie immer, mit Stuhl, Musik und Bericht in den neuen Tag, während Robert weiter das Pennen versucht, aber auch nicht gerade allzu weit kommt.
Bei Tageslicht wollten wir eigentlich die UNESCO-Stätte anschauen, doch hier fährt Robert mal wieder eine seiner typischen Joke-Aktionen. Zweimal sagt er, er komme gleich runter, um zusammen den Laden zu besichtigen, doch als ich ihn dann nach nochmaligen zehn Minuten des Wartens wieder rufe, will er auf einmal Pennen. Toll, und nun? Wer geht bitte um halb sieben in der Früh Pennen? Fragt sich außerdem, ob er überhaupt pennen kann, denn gewollt haben wir das beide schon die letzten acht Stunden.
Um Punkt sieben stehen wir dann schließlich doch beide auf der Matte des Pförtners der über 3.000 Jahre alten Stufenpyramide. Erstmalig auf unseren Reisen sind wir wohl zu früh am Morgen bei etwas, denn der Laden macht eigentlich erst um acht auf. Wir sollen schon mal reingehen und die Tickets später kaufen, meint der Nachtwächter. Als wir jedoch zurückkommen und wir mit einem Typen, der so etwas wie der Manager der Stätte sein dürfte, reden, werden wir eingeladen und dürfen nichtmal Tickets bezahlen.
Ein paar Kilometer weiter in Haft Teppeh geht das Programm weiter. Das Museum ist ganz nett, aber die Außenanlage haut uns überhaupt nicht vom Hocker. Bis auf die Tatsache, dass wir auch hier so früh da waren, wie wohl noch nie bei einer anderen Sehenswürdigkeit, ist zu dem Laden nichts Besonderes anzumerken.
Eine knappe halbe Stunde später erreichen wir die Stadt Shush. Abgesehen von einer nicht besichtigbaren Festung, die von französischen Archäologen mit antiken Ziegelsteinen gebaut wurde, sowie der Ausgrabungsstelle Apadana, welche wir uns gleich sparen, da sie vom früheren Glanz, der gleichauf mit Persepolis gewesen sein soll, so ziemlich alles eingebüßt hat, verpflichtet diese Stadt wegen meinem Namensbruder, dem Propheten Daniel, zum Halt. Der Bursche liegt hier begraben, hat sich ein nettes Mausoleum hinstellen lassen und wird etwas über Gebühr verehrt, da er für den Islam an sich eigentlich überhaupt keine wichtige Rolle gespielt hat. Der Gang vorbei am sein Grab beinhaltenden Kasten zusammen mit der glitzernden Raumdecke und den betenden Leuten ist zwar bei weitem nichts Einmaliges oder Neues, hier beim Daniel aber auf jeden Fall ganz nett.
Nach einem kleinen Mittagessen in Form von zwei Sandwiches und einer großen Fanta für lächerliche 1.000 Tuman – entweder der Typ hat’s vercheckt oder irgendwas davon war gesponsert – sowie dem Auffüllen unserer Wassertanks an einem Kiosk und dem Konsumieren je eines Rani-Safts – wir trinken das Zeug hier jeden Tag – kann es weiter in Richtung Khorramabad gehen.
Da wir inzwischen über 24 Stunden wach und daher ziemlich fertig sind, gilt mal wieder Schichtbetrieb: Die ersten zwei Stunden ab Shush fahre ich, die restlichen zwei bis Khorramabad ist Mister Robert am Kommando. Während ich hinten auf dem nicht ausgeklappten Bett schlafe, passiert dasselbe wie damals in Marokko, als ich krank war und Robert Serpentinen gefahren ist: Der obere Lattenrost fällt, mit mir darauf, zur Seite an die Küchenzeile und der untere klappt in die andere Richtung hoch, sodass der obere in seiner Position blockiert wird.
Für den schlafenden Menschen, der darauf liegt, sieht das ungefähr so aus, dass er in dem Moment aufwacht, als er mit der Schnauze und den Händen direkt auf die Küchenschränke kracht und danach mehr oder weniger unbeweglich zwischen diesen und dem Lattenrost gefangen ist. Da dauert es schonmal ein paar Sekunden, bis man überhaupt versteht, was gerade vor sich geht. Wie vor zwei Jahren fährt Mister Robert aber sofort rechts ran und ist blitzschnell zur Stelle, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien.
Das ist aber nicht das Einzige, was es aus der Zeit meines Schlafes zu berichten gibt, denn als Robby bergab bei durchgezogener Linie trotz Gegenverkehrs an sieben LKW vorbeiheizt – so machen wir das schon die ganze Zeit, wie richtige Iraner eben – wird er von einem hinter ihm fahrenden Peugeot wild angehupt. »Wart halt, bis ich vorbei bin!« denkt er sich da noch, doch als der Karren ihn überholt und dabei auf einmal eine Kelle aus dem Fenster gehalten wird, sieht die Sache schon etwas anders aus.
Erst mal passiert nichts. Warum? Weil die Bullen im Auto hocken bleiben. Wie wir inzwischen zur Genüge beobachten konnten läuft das hier nämlich so, dass der angehaltene Fahrer immer zum Auto der Bullen laufen muss, da diese sich meist nichtmal die Mühe machen, überhaupt auszusteigen, geschweige denn zum angehaltenen Fahrzeug zu laufen. Als sie merken, dass bei uns niemand Anstalten macht, den Karren zu verlassen, kommen sie schließlich doch dahergelaufen und erzählen erst mal das Übliche: Salam. Woher? Passport! Sprechen Sie Farsi? – Nein, sprechen Sie Englisch? Daraufhin natürlich ein Nein, begleitet von einem Grinsen. Schließlich noch zwei Sätze, bei denen er auf die Straße zeigt und von Straßenmarkierungen, Überholverbot oder weiß der Geier was, erzählt und dann ist das Problem mit »Welcome to Iran! Goodbye!« aus der Welt geschaffen.
Khorramabad ist eine sympathische Stadt am Fuße eines Berges, die auf den ersten Blick recht einladend wirkt. Die Leute sind offenbar extrem freundlich, doch wenn mich nicht alles täuscht, ist dies interessanterweise die erste Stadt seit Astara – also über einem Monat – in der uns die Ischen im Großen und Ganzen nichtmal eines halben Blickes zu würdigen scheinen. Und das, obwohl sie mir hier liberaler als in so manch anderem bisherigen Ort vorkommen. Zu gern wüsste ich den Hintergrund dafür, warum viele Städte so dermaßen eindeutige Eigenheiten aufweisen, wie zum Beispiel damals in Kashan, wo uns so viele Leute angesprochen haben wie nirgendwo sonst im Iran.
Nach Besichtigung der Festung und einen Rundgang durch den Bazar haben wir das, was wir in Khorramabad sehen wollten, auch abgehakt. Es ist schade, wenn die Städte keine offensichtlichen Treffpunkte bereithalten, wo abends die Leute einfach zugegen sind und man leicht in Kontakt mit denen kommt, die einem auch taugen. Wo man also in gewissem Maße selbst auswählen kann, mit wem man es zu tun hat. In Isfahan gibt es gleich mehrere solcher Plätze, allen voran der Imam Square, aber auch die Si-o-se Pol oder die dritte Brücke weiter flussabwärts. In Städten wie dieser hier oder auch in Shiraz gibt es hingegen scheinbar nur die Parks, die für diese Art Kontaktaufnahme, wie ich sie oben angedeutet habe, aber eher ungeeignet sind.
Also machen wir uns einfach auf zu einem Internet Café. Entweder eines aus dem Reiseführer oder eines, das ich vorhin beim Durchfahren schon erspäht habe, aber nicht mehr genau weiß, wo es war. Leider ist die LP-Karte der Stadt so dermaßen mies, dass wir damit schlichtweg gar nichts anstellen können. Ein 500-Rial-Schein wäre hier genauso gut zum Navigieren wie diese Karte. Übrigens die erste LP-Karte, die dieses Urteil verdient, denn die anderen bisher benutzten waren top. Das Fahren nach Karte fruchtet jedenfalls gar nichts und so bleibt uns nichts anderes übrig, als jede Kreuzung, wo wir laut unserem Track heute rechts abgebogen sind, nochmal aufzusuchen. Warum? Weil ich mich nur erinnere, dass das Coffenet an einer unserer Rechtskurven lag.
Man mag es kaum glauben, aber auch so findet man zum Ziel. Da wir eh nicht viel Besseres zu tun haben und auch schon wieder müde sind, habe ich mal Zeit, ein paar Kleinigkeiten an der Homepage zu richten, und selbstverständlich werden auch die neuen Berichte, Koordinaten und Routeninformationen hochgeladen. Dass die vorkriegszeitlich aussehenden Rechner außerdem überraschend mit USB 2.0 daherkommen, macht neben der auch nicht allzu lahmen, sondern für Iran bestens akzeptablen Verbindung dieses Coffenet zu einem der besten bisher im Iran besuchten.
Nach einem netten Abendessen für 46.000 Rial fahren wir wieder – na, wer errät es? – zu einem Park mit Klo und lassen uns dort häuslich nieder. Als ich dort auf der Suche nach einem Platz zum Scheißen bin, weil das Klo abgesperrt ist, halten mich drei Bullen an und fragen viel zu unfreundlich und auf viel zu schnellem Persisch irgendetwas, dass ich nicht verstehe. Als sie merken, dass ich keine Ahnung habe, was sie wollen und selber nicht gerade freundlich mit denen umgehe, kommt einem die Idee, dass ich zu dem unten stehenden deutschen Auto gehören könnte. Sobald ich dies bejahe, entschuldigen sich die drei vielmals für ihre rüde Art, sagen mir, dass sie noch einige Stunden hier seien und ich mit allen Problemen zu ihnen kommen könnte. Selbst ein offenes Klo zeigen sie mir, dem, den sie gerade noch für einen – so sagen sie – Dieb gehalten hatten. Ja genau, ein Dieb in heller Hose, auffälligem Karohemd und mit bei jedem Schritt klappernden Badelatschen an den Füßen, der sich durchs Gehölz durchschlägt.
Von den Soestern erfahren wir per Telefon, dass sie in Shiraz eine zweiwöchige Visaverlängerung bekommen haben. In Yasuj hätten sie hingegen gar keinen Stempel gehabt und von Isfahan hat eine der Schrapnellen telefonisch mitgeteilt, dass eine Visaverlängerung absolut ausgeschlossen wäre und sie darüber hinaus 30.000 Tuman pro Tag und Kopf zahlen müssten, die sie sich über die Gültigkeit des Visums hinaus im Land aufhalten. Isfahan scheint bezüglich Visaangelegenheiten also wirklich der letzte und assligste Grattlerhaufen der Nation geworden zu sein. Gut, dass dieser Tage ein neuer Lonely Planet für den Iran erscheint.
Den 5. Juni machen wir mal als Stichtag für ein Treffen mit den Soestern in Orumiyeh aus. Meine Überzeugungsarbeit scheint übrigens sehr gefruchtet zu haben, denn sie werden sich in Tehran um Syrienvisa bemühen und wissen deshalb noch nicht, wie lange sie dort festgehalten sein werden. Auf alle Fälle sieht es so aus, als würden wir nochmal ein paar Tage mit ihnen zusammen verbringen, zum Beispiel von Orumieyh bis Al-Qamishli oder so. Mal schauen. Ich freue mich jedenfalls drauf. Unsere letzten Übernachtungsplätze und Tagesabläufe hätten den beiden mit Sicherheit getaugt und auch gestern Abend wäre es zu viert bestimmt lustig gewesen.
Wenn danach nur nicht die Biester gekommen wären.