Mittwoch, 28. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Bandar Gonaveh, Bandar Deylam, Bandar Mahshahr, Ahvaz, Chogha Zanbil
Trotz geöffnetem Seitenfenster herrscht in der Nacht eine Affenhitze. Gestern hat das erstmalige Öffnen des Seitenfensters auf dieser Reise noch einen spürbaren Vorteil gebracht, sodass die Nacht richtig angenehm war. Heute Nacht merkt man davon nicht mehr viel, doch ehrlich gesagt will ich lieber gar nicht wissen, wie es mit geschlossenem Fenster gewesen wäre. Da ist es mir auch egal, ob mir jemand reinschauen kann – die Alternative wäre nämlich das Ertrinken im eigenen Schweiß. Der Persische Golf kennt kein Erbarmen.
Die Entschädigung für all unsere Urlaubsqualen lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Um kurz nach zehn baden wir im kristallklaren Wasser und haben dabei natürlich einen hundert Meter langen Strandabschnitt allein für uns. In der ganzen Bucht sind vielleicht zwanzig Leute. Nur an der Temperatur hapert es ein wenig – für eine Abkühlung ist es selbst jetzt am Morgen zu warm.
Wenige Minuten nach elf fahren wir fast planmäßig ab. Es ist der Beginn einer achteinhalbstündigen Reise gen Nordwesten, also in Richtung Grenze, letztendlich in Richtung Heimat. Nach gut 70 Kilometern an der Küste entlang erreichen wir den Ort Bandar Deylam. Auch hier gibt es zwar einen schönen Sandstrand, doch da wir gerade erst vor einer Stunde geduscht haben, sparen wir uns die Mühe und fahren ohne auszusteigen weiter.
Als wir in einem Kaff namens Hendijan, welches fast am nördlichsten Punkt des Golfes liegt, nach einer direkten Piste in Richtung Bandar Mahshahr fragen wollen, spiele ich zu Roberts Verwunderung auf einmal mit den Pedalen verrückt und lasse den Motor absterben. In meinem Fußraum tummelt sich munter eine Kakerlake! Mit Insekten hab ich es eh nicht so, und mit Kakerlaken ehrlich gesagt erst recht nicht. (Der Duden behauptet übrigens allen Ernstes, es hieße »ein Kakerlak«!)
Im ersten Moment schaffe ich es sogar, das Viech hinauszubefördern, doch ich kann meinen Augen kaum trauen, als es einfach so mir nichts, dir nichts, wieder hineinfliegt. Über den Batteriekasten verkriecht sich das Biest ehe wir es uns versehen unter mein Bett und taucht erst mal nicht mehr auf. Unter den kuriosen Blicken des Jungen, den wir eigentlich nach dem Weg fragen wollten, fangen wir an, den Bettkasten nach und nach auszuräumen. Auch hier entwischt uns der Störenfried, taucht aber kurz danach in der Dusche wieder auf, wo ihn Robert heldenhaft mit einem Becher einfängt.
Nachdem alles wieder eingeräumt ist und ich die Kakerlake im Sicherheitsabstand von fünfzig Metern freigelassen habe, fahren wir weiter. Die von uns angedachte Piste finden wir nicht, stattdessen nehmen wir die asphaltierte aber dafür längere Straße.
Mit jedem Meter in Richtung Nordwesten wird es wärmer und wärmer bis das Thermometer schließlich 44 Grad Außentemperatur anzeigt. Dass es derb heiß ist, merkt man aber auch ohne Temperaturanzeige. Auf der Fahrerseite bläst mir schon seit Stunden ein heißer und starker Wind ins Gesicht, der stellenweise sogar fast schon auf der Haut weh tut. Da merkt man, was es bedeutet, wenn sich die Luft auf der Arabischen Halbinsel in unzähligen Wüstenkilometern aufwärmen kann.
Nichts als Wüste ist auch um uns herum auf dieser Strecke. Die dunkle Straße, die sich meist schnurgerade durch die khakifarbene Landschaft schmiegt und nur alle paar zig Kilometer mal eine kleine Kurve macht, ist aber selbstverständlich bestens geteert. Interessanterweise führt sie laut GPS direkt auf Al-Basra zu, die wichtigste Stadt im Süden des Irak, wo die Briten ihr Hauptquartier haben. Mit jedem Meter nähern wir uns also der irakischen Grenze, bis das Zweistromland nur noch weniger als einhundert Kilometer entfernt ist.
In Mahshahr wollen wir nämlich eine Piste oder vielleicht inzwischen asphaltierte Straße, die auf dem direkten Weg vom Imam Khomeini Hafen nach Ahvaz dem Verlauf eine Pipeline folgt, finden. Doch wegen der unzureichenden Detailtreue unserer Karten und dem Wirrwarr an neu gebauten Straßen und teils alter Ausschilderung gelingt uns das nicht. Da wir außerdem an einer Stelle sogar nichtmal weiterkommen, weil wir nicht unter den Höhenbegrenzungsstangen einer Selbstbaubrücke hindurch passen, gurken wir teils recht planlos auf den außerhalb der Orte unbeschrifteten Straßen rum, bis wir zufällig die Brücke über eine Autobahn erreichen.
Eine richtige Autobahn, also mit blauen Schildern, Standstreifen und höchstwahrscheinlich mautpflichtig. Eine Autobahn, die wohl besser ausgebaut ist als eine deutsche. Da die Autobahnen oder mehrspurigen Kraftfahrstraßen im Iran oft nur wenige richtige Anschlussstellen haben, behilft man sich mit kleinen aufgeschütteten Pisten oder Feldwegen, die direkt auf die Fahrbahn führen. Mit diesem super System kann quasi jeder in seinem Garten eine Privatausfahrt haben.
Das kommt uns jetzt zu Gute – wie schon öfters im Norden, als wir noch Autobahnen nutzten – denn wir fahren einfach wieder von unserer Brücke runter und nehmen die Fernstraße, welche auf keiner unserer Karten eingezeichnet ist und für uns die direkteste Verbindung nach Ahvaz darstellt. Es ist natürlich toll, dass die hier durch die absolute Pampa einen »Persian Gulf Freeway« bauen, aber es sei auch erwähnt, dass wir mit 20.000 Rial den fünffachen Preis der bisher teuersten Maut bezahlen. Aber die anderthalb Euro lassen sich schon verkraften.
Die an sich an Langeweile nicht zu überbietenden 70 Kilometer Autobahn nach Ahvaz sind geprägt von einem interessanten Wetterphänomen. Es wird immer dunkler, und was von weitem noch wie ein reiner Sandsturm aussah, scheint in Wirklichkeit ein allgemeiner, gleichmäßiger Dunst oder Nebel zu sein, der beim Blick in den Himmel wie eine tiefhängende, kontrastlose Decke grauer Wolken aussieht. Fast wie deutsches Grauwetter.
Den 42 bis 44 Grad tut das jedoch keinen Abbruch und ich vermisse die Sonne deshalb ehrlich gesagt nicht im Geringsten. Diese Temperaturen plus zusätzlich noch Sonne hatten wir in den letzten Stunden zur Genüge. Dafür lässt sich aber etwas anderes Interessantes beobachten: Der Nebel scheint in Teilen zu kondensieren, sodass sich ein ganz leichter Regen bildet. Hält man die Hand aus dem Fenster, spürt man auch kleine Tropfen auf der Haut, doch auf der Windschutzscheibe sieht man auf den ersten Blick – gar nichts! Schaut man jedoch genauer hin, trocknen die Tropfen auf der Scheibe in weniger als einer Sekunde, also so schnell, dass man sie aufgrund der geringen Anzahl mit dem Auge gar nicht wahrnimmt. Stattdessen merkt man nur, wie die Scheibe schleichend dreckiger wird, da jeder Tropfen einen dicken Sandrand hinterlässt.
Durch Ahvaz fahren wir bis auf einen kleinen Stopp zum Wasser Kaufen, den ersten seit sieben Stunden, durch. Die Reiseführer stimmen überein, dass es in dieser Statt nichts zu sehen gibt und man seine wertvolle Zeit lieber an schöneren Orten verbringen sollte als in einer hässlichen Stadt, die ihre Daseinsberechtigung wohl nur der Ölindustrie zu verdanken hat. Da müssen wir uns wohl noch was für den »Where do you?«-»Where is you?«-Mustapha ausdenken, damit er nicht böse ist, dass wir uns nicht bei ihm gemeldet haben.
Von den beiden Soestern haben wir noch nichts gehört. Das mag zwar auch an Irancell liegen, dessen Netzabdeckung dermaßen beschissen ist, dass wir nichtmal die Hälfte des Tages erreichbar sein dürften, aber wir schicken zur Sicherheit einfach mal selbst eine SMS mit unserem aktuellen Standort. Außerdem wechseln wir nun mehrmals am Tag zwischen der Irancell- und der o2-Karte hin und her, denn vielleicht melden sich die beiden ja auf der letzteren, wenn sie merken, dass das mit Irancell nichts wird.
Seit gestern gibt’s komischerweise auch öfters kuwaitische Mobilfunknetze, in die wir uns aber leider mit keiner unserer Karten einbuchen können. Ganz verstehe ich es eh nicht, denn Kuwait liegt um die 200 Kilometer entfernt und die Reichweite eines 900 MHz-Netzes habe ich mit um die 36 Kilometer in Erinnerung. Wie soll das gehen?
100 Kilometer hinter Ahvaz finden wir einen Pennplatz bei Chogha Zanbil. Ich hab da gerade nicht so die Ahnung, aber Robert hat sich heute belesen und diese zum Weltkulturerbe zählende Stätte wollen wir morgen als erstes besuchen. So trifft es sich gut, dass wir einen wunderschönen Platz in einem kleinen Wäldchen inklusive Schatten spendendem Baum finden, wo wir sogar noch bei Helligkeit zu Abend essen können.
Robert geht um zehn ins Bett. Dass es um diese Uhrzeit noch 38 Grad hat, ist hier eigentlich eher weniger erwähnenswert, doch irgendwie ist es schon lustig: In Deutschland würde ein 38-Grad-Tag in den Nachrichten erwähnt werden und wäre mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit der wärmste Tag des ganzen Jahres. Hier hat es abends um zehn Uhr 38 Grad, alles juckt und schwitzt und man weiß gar nicht, wie man so die Nacht überleben soll.
Doch erst mal müssen wir uns um profanere Dinge, wie zum Beispiel Mücken und andere Insekten zur Strecke zu bringen, kümmern. Ich schreibe gerade Bericht und höre Musik, als Robert Alarm gibt und nun schon zum zweiten Mal heute Kakerlakenaction angesagt ist. Keine Ahnung, was das Viech oben in Roberts Bett macht, aber er reagiert schnell und nimmt es mit einem Taschentuch gefangen. Dummerweise glaubt er, es zerdrückt zu haben und übergibt es mir zur Entsorgung, doch da die Übergabe nicht ganz so musterhaft ist, fliegt mir das Ding im Nu aus der Hand und verkriecht sich in der nächstbesten Ecke.
Über eine halbe Stunde muss ich warten, bis ich das Biest hinter der Schiebetürverkleidung entdecke und hervorlocke. Nach Roberts Anweisung, fix und ohne Zögern zu handeln, setze ich dem unsinnigen Leben dieses unnützen Viechs ein Ende, indem ich es auf dem Trittbrett vor der Schiebetür mit dem Daumen und einer Küchenrolle zerdrücke – diesmal wirklich. Ich hoffe mal, das war’s jetzt mit den Kakerlaken. Wir wissen weder, wo wir uns die eingefangen haben, noch wie viele es sind. Wir werden uns überraschen lassen, doch jetzt ist hoffentlich erst mal Ruhe.