Reifenplatzer in der Pampa vor Zouala, Marokko (27.08.2006)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
26. Mai 200828. Mai 2008

Dienstag, 27. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Bishapur, Bandar Bushehr, Bandar Gonaveh

So wie gestern Abend angedacht, findet die Abfahrt pünktlich um zehn Uhr statt. Es dauert nicht lange, bis die Strecke wieder nur aus heißgeliebten Serpentinen besteht, doch heute geht es vorwiegend nach unten, was mit dem Karren um einiges mehr Spaß macht als nach oben. Und heute geht es nicht nur runter, sondern so richtig runter: Nach vielen Wochen über 1.000 Meter erreichen wir mal wieder dreistellige und dann sogar zweistellige Höhenwerte – ein ungewohnter Anblick auf dem PDA.

In Bushehr erreichen wir schließlich Höhe null, sind zum zweiten Mal am Persischen Golf. Diesmal jedoch nicht wie vor drei Wochen mit dem Flugzeug – das ist eigentlich stinklangweilig – sondern mit dem eigenen Karren von München selbst hierher gefahren. Das ist dann doch nochmal ein anderes Gefühl, selbst wenn der Flug zuvor auch nur ab Tehran ging.

Bei schwülen 41 Grad steigen wir aus dem Auto aus und suchen erst mal etwas zu essen. Der folgende Rundgang durch die affenheiße Stadt bietet nicht viel. Wir laufen einmal komplett an der Küstenstraße um die Altstadt herum und schließlich auch noch durch letztere mittendurch bis zum Karren, doch nichts reißt uns vom Hocker. Die Küstenseite der Straße ist bis auf wenige Stellen eh mit Hafen und der Schifffahrtsindustrie zugebaut und daher nicht gerade etwas fürs Auge, aber genauso wenig ist es auch die Stadt selbst. Der Lonely Planet schreibt, die Meinungen der Leser über die Stadt reichen von »A living museum« bis hin zu »Grozny after the third russian war!«. Wir schließen uns dann wohl doch eher der letzteren Zuschrift an: Grozny... ähh... Bushehr ist nicht besuchenswert.

Nur wenige hundert Meter, nachdem wir losgefahren sind, um aus der Stadt abzuhauen, hält uns ein Soldat vom Straßenrand an, sagt irgendetwas, macht eine einladende Geste auf die Tür hinter ihm. Da ich denke, dass er sich einfach nur freut, uns zu sehen, und auch nicht weiß, was das für ein Eingang hinter ihm ist, steige ich aus, um mit ihm zu reden. Es ist eine Polizeistation. Nach einer halben Minute sind ein paar Bullen begrüßt, die Freundlichkeiten ausgetauscht, und ich steige wieder ein, um weiterzufahren, da kommt ein junger Typ in Zivilklamotten zusammen mit dem Soldaten ans Auto und verlangt »Passport!«.

Ja, das hätte er wohl gerne. Ich gebe ihm sehr bestimmt zu verstehen, dass das unsere Pässe sind und ich es nicht im Geringsten einsehe, warum wir ihm diese aushändigen sollten. Daraufhin geht er in das Gebäude und kommt mit einem Polizisten wieder heraus, der die Anfrage einfach wiederholt. Dem geben wir dann etwas widerwillig die Pässe und folgen der Anweisung, dass wir parken und hereinkommen sollen.

Drinnen geht es aber einigermaßen freundlich zu, man bietet uns wie üblich gleich zwei Sessel an, während vier Polizisten unsere Pässe begutachten. Das Interessante dabei ist, dass sie immer nur bis zur Seite mit dem iranischen Visum blättern, die Visaverlängerung aber eine Seite weiter ist. Anhand dessen und anhand der Gesprächsfetzen, die wir aus ihrer Unterhaltung verstehen, sind sie im Glauben, dass unsere Visa bereits abgelaufen seien. Umso erstaunlicher, dass sie uns am Ende dann einfach weiterschicken, ohne die vermeintlich abgelaufenen Visa zu beanstanden oder sonst ein Wort darüber zu verlieren.

Wenn das Visum also wirklich abgelaufen wäre, hätten wir zumindest hier keine Probleme bekommen. Warum wir aber vom Wachsoldaten beim Vorbeifahren an der Polizeistation angehalten werden und dann gleich mal richtig Personalien kontrolliert werden, bleibt uns ein Rätsel. Wahrscheinlich sehen die hier so dermaßen wenig Auto fahrende Touristen in der Straße vorbeikommen, wenn es hoch kommt ein Auto pro Jahr, dass der Wachposten gleich ein bisschen Unterhaltung und Abwechslung gewittert hat.

Bushehr war nun neben Kish der südlichste Punkt unserer Reise und auch das südlichste, was wir bisher jemals mit dem Auto erreicht haben. Von nun an geht es wieder in Richtung Norden und damit letztendlich auch in Richtung Heimat. Weil wir meinen, extrem schlau zu sein und die Strecke ins weiter nördlich an der Küste gelegene Bandar Dig abkürzen zu können, fahren wir wenige Kilometer hinter Bushehr vom Persian Gulf Freeway gen Norden auf einer neu asphaltierten Straße ab.

Warum diese Straße niemand benutzt, wird uns erst nach über einem Dutzend Kilometern klar: Die Straße ist noch nicht fertig und es geht lediglich auf einer Piste weiter. Das wäre ja für sich genommen noch nicht weiter schlimm, doch obwohl wir mehrere Karten konsultieren und das GPS immer hilfreich zur Seite steht, kommen wir nicht so recht weiter.

Das Problem ist, dass die Karten in diesem Bereich sehr ungenau sind und sich die Pistenführung auch öfter zu ändern scheint. Wir befinden uns auf einem Gebiet, welches hunderte Quadratkilometer Schwemmland umfasst. Die wenigen Straßen sind hier alle erhöht gebaut und haben alle paar hundert Meter einen Wasserdurchlass, manchmal sogar eine 50 Meter lange Senke in der Straße, über die das Wasser in großen Mengen fließen kann. Es ist im Moment nur schwer vorzustellen, dass all diese Fläche, die, soweit das Auge reicht, nicht aufhört, überschwemmt werden kann, denn jetzt ist sie – bis auf wenige Stellen, wo richtige Flüsse gen Meer fließen – furztrocken.

Im Wirrwarr der Pisten stehen wir schließlich an der Küste vor einem über das Meer führenden Viadukt, der eine Insel mit dem Festland verbindet. Auf unserer Karte ist der Ort Shif auf dem Festland, auf der anderen ist er gar nicht drauf und hier vor Ort erzählt uns eine der zwei einzigen Seelen weit und breit, das da drüben sei Shif. Eigentlich würde ich mir den Laden schon gerne anschauen und mit dem Camper da rüberfahren, aber da Robert ziemlich dringend große Geschäfte verrichten muss, verziehen wir uns erst mal wieder ins Hinterland und fahren nach einem kurzen Stopp, wo wir mal wieder getrocknetes Salz von nahem betrachten und schmecken können, weiter.

Mehrere Kilometer weiter, wir sind auf der einzigen hier führenden, asphaltierten Straße unterwegs, treffen wir einen Typen auf dem Motorrad, der die Pisten hier wie seine Hosentaschen zu kennen scheint und uns zum kürzesten Weg nach Bandar Rig begleitet. Ohne ihn hätten wir die Piste nie gefunden, denn die Abzweigung liegt am Hauptplatz eines kleinen Dorfes, sodass man wegen der Häuser die dahinter abgehende Piste nicht erkennen kann.

Aufgrund der super Wegbeschreibung des Motorradfahrers und dank des omnipräsenten GPS-Signals kommen wir bestens in Bandar Rig an und machen uns sogleich auf die Suche nach einem Strand. Seit heute morgen wollen wir schon baden und in Bushehr hatten wir dies auch fest vor, doch der kleine Abschnitt, der dort zumindest halb nach Strand aussah, war eher weniger einladend, genauer gesagt ziemlich widerwärtig. So kommen wir hier in Bandar Rig also mit extremem Badedrang zur Küste und finden vor: Watt. Watt, soweit das Auge reicht.

Baden Fehlanzeige!

Selbst die Schiffe baden hier nicht, sondern liegen alle brav zur Seite geneigt auf dem sandig-nassen Untergrund. Es gibt aber einen Damm, der hinaus aufs Meer führt und an dessen Einmündung von der Straße wir einen Wachposten und eine LKW-Waage vorfinden. Ich steige aus, um ein bisschen Fotos von den Schiffen auf dem Trockenen zu machen, komme dann aber eher mit den Leuten vom Posten ins Gespräch. Die schenken mir gleich erst mal ein Eis, das ich bei den Temperaturen dankend annehme, und kurz danach nutze ich die Gelegenheit, um zu fragen, ob wir deren Waage benutzen könnten.

So kommt es, dass wir zum ersten Mal unseren Karren wiegen können und – zumindest auf dieser Reise – wissen, was wir da so tagtäglich durch die Landschaft jagen. 2.830 Kilogramm zeigt das Display, was uns ehrlich gesagt dann doch etwas überrascht, da wir uns mit allen vollen Tanks plus Robert auf dem Fahrersitz eine Drei auf der Tausenderstelle vorgestellt hatten.

Über die anderthalb Kilometer lange und noch im Bau befindliche Mole fahren wir aufs Meer hinaus und erreichen das »richtige« Wasser. Die Frage, warum man dieses lange Ding mitten aufs Meer hinaus baut, ist dann auch recht schnell von einem der Arbeiter beantwortet: Es soll draußen einen immer benutzbaren Hafen geben, damit die Schiffe nicht die Hälfte der Zeit auf dem Trockenen sitzen müssen.

Wir könnten nun auch unsere Trockensitzerei beenden und hier draußen endlich baden, denn da, wo das Wasser endet, gibt es sogar einen richtigen Strand. Doch Robert hat da offenbar überhaupt keinen Bock drauf und verunsichert mit seiner Antwort im genervten Ton auch noch die um uns herum stehenden Arbeiter, die nicht wissen, ob sie vielleicht dran schuld sind. Schuld ist aber offensichtlich die extreme Hitze, die ihm nicht allzu gut zu bekommen und eine komische Laune zu bescheren scheint. Neuerdings ist er deshalb wohl auch am Auto angewachsen und hat sich den ganzen Tag über lediglich wenn es wirklich vonnöten war – also fürs Essen, für die Polizei, zum Wasser Tanken und zum Scheißen – die Mühe gemacht, auszusteigen. Von wegen, die Hitze mache nichts aus.

Da das hier mit Baden also nichts wird, fahren wir weiter und erreichen schließlich kurz vor Sonnenuntergang noch Bandar Genaveh. Obwohl wir das Baden beide bereits abgeschrieben und nur noch mit einer Dusche gerechnet hatten, werden wir hier genialst belohnt. Der riesige Sandstrand, auf dem wir hunderte Meter ganz für uns alleine haben, das kristallklare, wunderbar warme Wasser des Persischen Golfes, alles zusammen erscheint wie das Paradies nach einem Tag, wo man sich bei schwülen 42 Grad die Schweißdrüsen wund schwitzt.

Nach einem ausgiebigen Bad, das wohl fast eine Stunde dauert, duschen wir beide und machen uns gerade fertig, um essen zu gehen, als ein junges Pärchen aufkreuzt und sich sehr für unseren Camper interessiert. Wir reden kurz die üblichen Dinge, die mir langsam zum Hals heraushängen. Es wäre schön, bald auch mal wieder mehr mit Leuten reden zu können, als nur woher, wieso, wie lange, pipapo, etc. pp. und bla bla. Dazu muss aber entweder unser Persisch erweitert werden, das Land verlassen oder nach Tehran gefahren werden. Ansonsten wird es weiter so laufen.

Die zwei verabschieden sich jedenfalls wieder, doch nachdem sie vielleicht zehn Meter vom Karren weggelaufen sind, kommen sie zurück und der Junge fragt, ob sich seine Freundin den Camper anschauen dürfe. Wir sind zwar gerade am Gehen und haben auch schon abgesperrt, aber für die gute Ische können wir den Laden schon nochmal aufsperren. So mache ich also auf und setze mich auf die Sitzbank, in der Erwartung, dass die Type nun reinkommen und sich umsehen wird. Stattdessen bittet sie mich aber heraus. Um sie nicht zu stören, setze ich mich um auf die seitliche Bank, doch auch jetzt bittet sie mich heraus, und der Junge zeigt genauso, dass ich rauskommen soll und sie erst dann eintritt.

Warum die das so wollen, ist mir nicht klar, und Robert kriegt die Szene eh gerade nicht mit. Fakt ist, dass wir nach dem Handyklau in Qazvin gesagt haben, dass wir bei Camperbesichtigungen besser aufpassen und vor allem immer mit drin sein wollen. An diese selbst gemachte Regel will ich mich nun halten und breche daher die ganze Chose – zugegebenermaßen etwas rüde, indem ich einfach auf Farsi »Nein. Entschuldigung.« sage, aussteige und wieder absperre – ab. Nie werde ich das sich bis gerade eben auf die Besichtigung freuende Gesicht des Mädels vergessen, das sich in diesem Moment in eine erstaunte und gleichzeitig zutiefst traurige Miene verwandelt. Ich kann ihr förmlich ansehen, wie für sie in diesem Moment irgendetwas zusammenbricht und sie sich zu fragen scheint, wieso das Leben gerade so böse zu ihr ist und sie in diesem Land gefangen hält.

Wie gesagt, ich weiß nicht, warum ich überhaupt hätte rausgehen sollen. Natürlich wäre es illegal gewesen, doch bisher hatte noch niemand ein großes Problem damit. Noch während wir weggehen und ich mich aus hundert Metern Entfernung umdrehe, sehe ich die zwei neben dem Camper stehen und die Ische uns ungläubig nachschauen, während ihr Freund irgendetwas auf sie einzureden scheint. In diesem Moment hätte ich umdrehen und alles wieder gut machen sollen, doch alles ging so schnell, dass ich erst ein paar Minuten brauche, um die Dinge korrekt zu rekapitulieren und zu verstehen, was überhaupt vor sich gegangen ist.

Letztendlich habe ich jetzt wegen ein paar dreckigen, asozialen und gesteinigt gehörenden 14 Jahre alten Qasviner Arschlöchern diesem Mädel – und mir genauso – den Abend versaut. Irgendwo muss man die Grenze ja ziehen. Bei der nächsten Besichtigung wäre womöglich das nächste Telefon weggekommen und ich würde mich genau umgekehrt ärgern. Trotzdem: Cheilly bebachschin chanom, es tut mir leid.

Als wir nach dem Essen die Promenade, an der auch direkt unser Pennplatz liegt, entlang laufen, sind die zwei zwar leider nicht ausfindig zu machen, aber es ist richtig was los. Unten auf dem Sand spielen viele Jungs Fußball, oben wird flaniert – oder mit dem Motorrad zwischendurch gebraust. Auf jeden Fall ein richtiges Küstenorturlaubsgefühl. Nachdem uns beim Strandspaziergang auch noch ein Typ aufgabelt, den wir erst mit Mühe wieder los werden, geht es für beide um Mitternacht ziemlich geschafft ins Bett. Ich freue mich aber schon aufs Guten-Morgen-Baden gleich nach dem Aufstehen.

26. Mai 200828. Mai 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.