Montag, 26. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Margoon-Wasserfälle, Yasuj, Bishapur
Mein Schlaf am Morgen ist offenbar so gut, dass ich nichtmal mitkriege, wie Mister Calle und Mister Arnold ihren Hano starten und einen Abgang machen. Ich saß bei laufendem Motor zwar noch nicht in ihrem Wagen, doch der Lärm soll so krass sein, dass man sich bei schneller Fahrt nur schreiend unterhalten kann. Als Robert vor ein paar Tagen vom Hano in unseren LT umstieg, lernte er unsere Fahrruhe richtig zu schätzen. Naja, mich hat’s heute früh jedenfalls nicht wach gekriegt.
Entgegen unseren Erwartungen ist der Parkplatz überhaupt nicht überbevölkert, als ich aufstehe. Lediglich drei mickrige Autos stehen rum, wobei eines davon seine Insassen gleich nebenan beim Picknicken gelassen hat und deshalb nicht gerade viele Leute bei den Wasserfällen sein können. Ich gehe einfach mal die 500 Meter Weg vor und bin gespannt, was mich erwartet.
Den oberen Teil der Fälle konnte man bereits vom Parkplatz aus über die Bäume hinweg sehen, doch als ich vor Ort ankomme, bin ich schlichtweg überwältigt! Der Weg führt etwa zwanzig Meter unterhalb der vielen kleinen Wasserfälle, die auf zehn bis 30 Meter Höhe dem Felsen entspringen und unten in ein flaches, etwa 30 Zentimeter tiefes Becken fallen. Von diesem Becken fließt das Wasser Stein für Stein, Stufe für Stufe noch diese zwanzig Meter bis zum Beginn des Baches herunter, wo auch der Weg endet und ich jetzt stehe.
Die vielen Minifälle auf den (natürlichen) Stufen kann man hoch gehen und somit direkt unter den Fällen stehen. Oder man kann seitlich den Berg aufsteigen und die ganze Szenerie von oben betrachten. Lediglich ein Kind mit seinem Vater sind vor Ort und verziehen sich auch, kurz nachdem ich komme, sodass das imposante Naturspektakel nur für mich alleine da ist. Faszinierend! Das dürfte einer der schönsten Plätze sein, an denen ich je gewesen bin!
Zurück am Camper erreicht mich auf der o2-Nummer – wir haben dafür gestern extra die SIM-Karte gewechselt, da die Netzabdeckung von Irancell in etwa die Dichte eines von einer Großstadt aus sichtbaren Sternenhimmels hat – eine SMS von Karl: Sie sind unterwegs nach Shiraz und werden uns in den nächsten Tagen mal anrufen. Offenbar hat die Visaverlängerung in Yasuj aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt. Schade, denn so werden wir jetzt wohl erst mal wieder bis Kermanshah oder gar Orumiyeh alleine unterwegs sein.
Damit ist jedenfalls auch die Option gestorben, dass die beiden für uns in Tehran Syrien-Visa besorgen. Denn seitdem ich letztens am Abend meine Syrien Werbeveranstaltung durchgezogen habe, eigentlich ja um die beiden zu überreden, dort hinzufahren, versuchen sie nun uns zu überreden, dorthin mitzufahren. Ich würde ja liebend gerne nach Syrien, selbst wenn wir nicht runter bis Damaskus kommen sollten, doch woher soll man bitte die Zeit nehmen?
Da die beiden jetzt also erst mal nicht zurück kommen, wie im Falle einer erfolgreichen Visaverlängerung angedacht war, mache ich mich daran, Mister Robert zu wecken. Das ist heute mal wieder etwas komplizierter, doch letztendlich kriegen wir es dann doch hin. Zusammen gehen wir nochmal zu den Wasserfällen, wo inzwischen auch weit mehr Leute als vorher anzutreffen sind.
Meine Hosentaschen habe ich inzwischen komplett entleert, sodass ich nur noch auf die Kamera in der einigermaßen wasserdichten Tasche aufpassen muss, und so kann ich mich, nachdem wir genug rumgekraxelt sind und die Hose eigentlich eh schon durchnässt ist, komplett unter einen der Fälle stellen. Sagenhaftes Gefühl, aber nach mehr als ein paar Sekunden auch höchst unangenehm, da der Wasserstrahl bei der Fallhöhe richtig hart ist.
Robert sagt, wenn mir so etwas so gut gefalle, solle ich unbedingt in den Yosemite Nationalpark gehen, denn dort gebe es das zigfach alle paar Kilometer beim Wandern. Ich werde es mir merken. Bezeichnend für diesen Ort ist allein schon die Tatsache, dass die jetzt in Vielzahl vorhandenen Ischen fast schon uninteressant scheinen, auch wenn da teilweise richtige Gazellen dabei sind. Mit einer Gruppe kommen wir dann aber doch ins Gespräch und wir treffen das wahrscheinlich erste richtig naturblonde iranische Mädel unserer ganzen Reise.
Um ein Uhr dampfen wir ab und machen uns auf den Weg in Richtung Bushher. Die Strecke bis ins nahe gelegene, aber für uns nicht allzu schnell erreichbare Yasuj ist sehr schön und fast genauso ist auch der weitere Verlauf. Doch die ständigen Serpentinen zum Überwinden von mehreren Tausend Höhenmetern gehen ehrlich gesagt langsam echt auf den Sack. Da kann das Panorama noch so schön sein – wenn man mit 20 km/h die Berge hochklettert, sehnt man sich ab und an doch auch mal nach einer stinklangweiligen, aber dafür ebenen Straße. Na wenigstens gibt’s zwischenrein immer mal wieder etwas Spaß, wenn wir unsere schwer gewonnene Höhenenergie in einem Fünftel der Zeit abbauen dürfen.
187 km vor Bushher stoppen wir an einer Ausgrabungsstelle namens Bishapur, die wir uns im schönen Abendlicht ansehen – auch wenn es außer einer lustigen Gruppe iranischer Studenten aus Mashhad, mit der wir kurz sprechen, nicht viel zu sehen gibt. Viel interessanter ist jedoch das Tal gegenüber, in das wir zwar eher zufällig reinfahren, das jedoch vor allem mir so gut gefällt, dass wir hier gleich für die Nacht bleiben.
So sind wir endlich mal wieder bereits bei Helligkeit an unserem Schlafplatz und können es uns am noch langen Abend gemütlich machen. Zum wahrscheinlich ersten Mal auf der Reise essen wir bei Helligkeit zu Abend und müssen nicht noch um 22 Uhr irgendwo rumfahren, um etwas zu suchen. Dafür kann es morgen hoffentlich früher als sonst weitergehen. So sollten wir es eigentlich immer machen! Carpe Diem. Nicht den halben Tag verpennen und dafür bis in die Nacht hinein rumstressen.
Robert ist demnach sogar um sage und schreibe Viertel nach neun im Bett, was für morgen auf ein recht zeitiges Aufstehen hoffen lässt. Ich lasse mir mit Bericht, Musik und sonstigem Krempel hingegen noch bis Mitternacht Zeit und lege mich dann auch ab. Den Motorradtypen, der vorhin vorbeikam und uns sagte, wir sollten hier verschwinden, weil es Diebe gebe, haben wir natürlich gepflegt ignoriert. Wenn wir jedes Mal auf jeden hören würden, der uns von unseren angedachten Schlafplätzen abrät oder dies gar mitten in der Nacht tut, wenn wir eh schon pennen, dann könnten wir gleich zweieinhalb Monate in der Einfahrt der Siebecks campen.
Wobei ich mir gar nicht so sicher bin, dass das viel sicherer wäre.