Die Aufstehordnung sieht so aus: Arne um acht, ich um neun, Carl um halb elf; Robert hingegen außerhalb des Messbereichs, als wir gerade im Aria Fast Food zu Mittag essen wollen und ich mit Arne auch schon einen Morgenspaziergang hinter mich gebracht habe. Wir werden wohl in den nächsten Tagen mal tauschen müssen: Ein morgens abfahrendes Fahrzeug mit 16 bis 18 Stunden Wachzeit pro Tag und ein Pennerfahrzeug mit um 14 Uhr Aufstehenden und mindestens 12 Stunden gesetzlich geregelter Schlafenszeit pro Tag – wenn das für Robert mal genug sein sollte.
Am frühen Nachmittag hängen die Typen aus dem Fast Food alle in unserer Straße rum und lassen Arne und Carl ihre für deutsche Verhältnisse offenbar schrottreifen, aber hier trotzdem neuwertigen, Mopeds ausprobieren. Plötzlich heißt es dann, ob wir schwimmen wollten, und so sind wir – die Soester weiter auf den Mopeds mit jeweils einem Iraner hinten drauf – auf einmal unterwegs zu einem Schwimmbad.
Das erste, was uns dort noch kurz vor der Tür zum Umkleideraum entgegenschlägt, ist der Fußschweißgeruch. So intensiv, wie wir ihn wohl noch nie gerochen haben. Nach dem Bezahlen des Tickets für 2.000 Tuman gibt man seine Schuhe an einem Tresen ab und schlüpft in zwei der wahrscheinlich zwei- bis dreihundert auf einem Haufen liegenden Schlappen, deren Tragen sicher sehr hygienisch ist.
Das Schwimmbecken mit dem pisswarmen Wasser ist riesig, misst 100 Meter in der Länge und weist um die zehn Bahnen auf. So groß hätte ich mir den Laden hier irgendwo in einer Stadt im Iran wirklich nicht vorgestellt. Als ich in der Umkleide den Ansturm an Leuten gesehen habe, befürchtete ich außerdem, dass wir im Becken wie die Sardinen nebeneinander mit einer Bewegungsfreiheit von einem Viertel Meter aufgestellt sein würden, doch weit gefehlt: Der Schwimmerbereich des Beckens – mit dem Sprungbereich unter den Türmen über zwei Drittel des Beckens umfassend – ist so gut wie leer.
Ganz anders sieht es im restlichen Drittel aus, wo sich im flachen Nichtschwimmerbereich Groß und Klein dicht an dicht drängen. Hier kann einfach mal wieder keiner schwimmen! Uns soll es recht sein, denn abgesehen davon, dass wir stark an der Sauberkeit des Wassers zweifeln, haben wir richtig viel Platz für uns alleine und können uns mit den acht oder neun Iranern, die mit uns hier sind und sich sogar alle über Wasser halten zu können scheinen, austoben.
Zurück in unserer Straße füllen wir an der Taxibude erst mal unsere Tanks wieder mit Wasser und verpassen dem Karren dann auch gleich mal eine kleine Autowäsche, die erste seit der Tunesienhinfahrt. Die inzwischen sehr dicke Schicht an Dreck ist so hart, dass sie nur beim Wischen mit Lappen abgeht und dem Karren in den letzten Wochen vor allem eine komplett andere Farbe verpasst hat. Jetzt sind wir auf einmal selbst verwundert über das strahlend blendende Blau, das die Kiste zum Vorschein bringt. Wir sind echt überrascht, denn nach über einem Monat mit immer dreckiger werdendem Karren hatten wir die Originalfarbe inzwischen schlichtweg vergessen.
Um etwas zum Abendessen zu finden, fahren wir direkt vor die Wäscherei vor, wo wir gestern unser Zeug abgegeben haben. Diese hat zwar natürlich geschlossen, aber nebenan gibt es genug Imbissbuden und auch eine Kebabbude, wo man sogar draußen hocken kann. Wo es doch eh schon immer schwer ist, ein Restaurant zu finden, war es bisher fast unmöglich, einen Laden zum draußen Sitzen zu finden.
Danach geht es zu Fuß durch den Azadipark, wo heute erwartungsgemäß die Hölle los ist. Gerade, dass man noch ein paar Quadratmeter Wiese hier und da sieht, denn fast alles ist von Picknickern mit Teppichen ausgelegt und halb Shiraz scheint hier zu sein. Als ich mit Carl alleine laufe, werden wir von einer Gruppe Jugendlicher dumm angemacht. Zum ersten Mal im Iran fühle ich mich in einer Situation, wo es gleich der Faust bedürfen könnte, doch das Problem ist, dass der Penner, der mir einfach meinen Stift aus der Brusttasche gezogen hat und damit nun abdampfen will, an ein wandelndes Anabolikalager erinnert. Da der Typ aber auch ein paar etwas vernünftigere Freunde dabei hat und es bei einer Eskalation binnen zwei Sekunden sofort über 200 Zuschauer gäbe, belässt er es bei angedeuteten Schlagansätzen. Den Stift erhalte ich derweil von einem seiner Freunde zurück.
Kurz danach kommen zwei Iraner zu uns und fragen uns, was das Problem gewesen sei und ob wir Hilfe bräuchten, doch der Stift ist wieder bei mir und die komische Truppe ist weitergezogen, also alles ok. Es ist echt lustig, dass die Asis sich überall gleichen, egal ob hier oder in Deutschland.
Im Park gibt es einen »Park im Park«, also einen abgezäunten Bereich als Luna Park. Als wir dort erstmalig rein wollen, lässt man uns mit einer persischen Begründung nicht hinein und wir verstehen nicht ganz, was los ist, denn gestern konnten wir hier ohne Probleme rumlaufen. An einem anderen Eingang ergibt sich erst mal dasselbe Bild, doch als die »Türsteher« merken, dass wir uns wundern und nichts checken, lässt man uns hinein.
Drinnen wimmelt es im Gegensatz zum Rest des Parks von Polizei und Soldaten und uns fällt vor allem auf, dass keine Männer oder Jungs alleine unterwegs sind und auch andere an den Eingängen abgewiesen werden. Die englische und daher verständliche Begründung für all das erhalten wir etwas später, als wir alle vier nochmal am ersten Eingang rein wollen, wo wir erst abgewiesen wurden. Der Wächter holt einen anderen Mann herbei, der so etwas wie der Manager des Luna Parks zu sein scheint, und der begründet das Ganze so: »We had some problems... with young men... they were drunk... and searching for girlfriends. But you come in one quarter, at twelve... then it’s free!«
Zu geil! Erst als wir uns leider schon von ihm verabschiedet haben, fällt uns ein, dass wir hätten fragen sollen, ob wir also ab zwölf betrunken mit Flasche reingehen und alle Mädels anmachen dürfen.
Von zwölf bis halb vier sitzen wir schließlich wieder wie gestern zu viert, teilweise auch zu fünft mit dem Taxi Chef »Mr. Marlboro« auf der Straße. Heute jedoch mit einer für zwei Dollar gekauften Flasche Alk, die gemixt mit Miranda-Limonada genau für zwei kleine Runden reicht. Dass die Polizei jeden Abend zur selben Zeit hier auftaucht und die Lage checkt, soll uns nicht stören. Hier sind alle unsere Freunde.
Hauptthema des Abends ist das weitere Vorgehen und die zeitliche Einteilung der Reste unserer beiden Reisen. Die Soester sind sich etwas uneinig, was den weiteren Verlauf angeht. Eigentlich wollten sie sowieso nach Indien, doch da Arne nun nicht durch Pakistan will, wird es erst mal beim Iran bleiben. Hier müssen sie jedoch alle sieben Tage etwas nervig ihr Transitvisum verlängern, und so werden sie wohl mit uns ausreisen und wir können auch in der Türkei noch etwas gemeinsam fahren.
Zu Hochform laufe ich auch, als ich meine eigene private Werbeveranstaltung für Syrien fahre, um die beiden zu einem Abstecher von Qamishli über Palmyra nach Aleppo und Lattakiya zu bewegen. Dann könnten sie wenigstens ihren Karren nochmal richtig offroad nutzen, wären andererseits in einem sichereren Land sowie nicht zu weit von zu Hause weg und könnten außerdem gegebenenfalls ADAC-Hilfe in Anspruch nehmen, falls ihr Motor, wie befürchtet, wirklich schlapp macht.
Nach beendeter Werbeveranstaltung und ausgiebigem Studium der Iran-, Türkei- und Syrienkarten sowie des mitgebrachten ADAC-Weltatlasses geht es wieder später als erwartet ins Bett.