Dienstag, 20. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Yazd, Taft, Abarkuh
Auch ohne Flugbetrieb stehe ich heute früh auf, weil drei Meter neben unseren Campern eine Mauer hochgezogen wird und die Arbeiter noch dazu alle fünf Minuten mit ihren Motorrädern abzuhauen und wieder anzutanzen scheinen. Laure und Freddy sind ebenfalls bereits am Start, genau wie Ennio. Als ich nach dem Duschen durch den Hotelhof laufe, tauchen sogar auf einmal auch die beiden britischen Mädels aus Isfahan auf, die wir dort vor ein paar Tagen im Teehaus am Imam Square kennen gelernt haben.
Der überraschende Besuch nimmt nicht einmal ein Ende, als Ennio und ich in Laures und Freddys Camper ein gutes Frühstück serviert bekommen: Zwei junge Deutsche kommen auf uns zu und labern uns auf Deutsch an. Zwar sitzen wir im Auto mit deutschen Kennzeichen, »OG«, doch ich muss den beiden Münchnern erst mal erklären, dass wir uns hier auf französischem Terrain befinden und nur die Nachbarscamperkompanie ebenfalls aus München kommt. Das stell ich mir echt nervig für die beiden Franzosen vor, wenn man 14 Monate lang für deutsch gehalten wird und erst immer wieder erklären muss, dass man aus Frankreich kommt.
Es ist kurz nach Mittag. Laure und Freddy verabschieden sich, wollen in einer Werkstatt die kaputte Ladeelektronik ihres Autos reparieren lassen, und wir werden später wohl nicht mehr da sein. Damit sie loskommen, ist Anschieben angesagt. Zwar hatten Robert und ich gestern Abend noch beschlossen, zwischen zwölf und eins loszufahren, doch daraus wird wohl nichts, da der übliche Verdächtige noch am üblichen Platz weilt und auch nicht wirklich gewillt ist, diesen in Kürze zu räumen. Mir soll es aber recht sein, denn hier ist es wirklich sehr schön. Mit dem Laptop setze ich mich rein in den Hof und schreibe gerade an irgendeinem fehlenden Bericht der letzten Tage, als ich mit Oliver, einem der beiden Münchner von vorhin, in Kontakt komme.
Der gehört gar nicht mit dem anderen zusammen, sondern hat seinen derzeitigen Reisegenossen erst in Isfahan kennen gelernt und reist nun ein paar Tage mit ihm. Oliver ist jetzt in der sechsten Woche alleine (!) mit seinem Defender unterwegs, hat aber zuvor neun Monate in Sofia irgendwas gearbeitet, wenn ich das recht verstanden habe. Entgegen meiner Vorstellung und auch seiner vorangegangenen Befürchtung meint er, es werde selbst bei einer Autoreise nicht einsam, wenn man alleine reist. Er komme hingegen gar nicht zur Ruhe vor Leuten, habe weder Zeit für Bücher noch zum Ausruhen und wolle deshalb erstmalig auf seiner Reise hier in Yazd einfach mal ein paar Tage ganz gemütlich und ohne Stress verbringen. Dass der Giesinger teils sogar dieselben Leute aus dem Würmtal kennt wie ich, lässt die Welt mal wieder sehr klein erscheinen.
Aber auch als ich von einem Spanier erzähle, der hier im Hotel im Dormitory residiert und mit dem wir abends essen waren, wird die Welt noch kleiner. Auf einmal unterbricht mich Oliver und meint: »Wart mal! Ist das so einer mit Glatze im Jamaica-Shirt?!?« Ja, genau, das ist er. Dass Oliver unseren Too-Hot-Collapsus schon vor vielen Tagen woanders im Iran getroffen hat, offenbar genauso viel Spaß mit ihm hatte, ist einen guten Lacher wert.
Kurz nachdem Robby um ein Uhr schließlich doch aufgestanden ist, kommen Laure und Freddy schon wieder zurück. Man konnte ihnen nicht helfen und sie werden es morgen oder übermorgen in Isfahan probieren müssen. Bis dahin heißt es weiter anschieben. Collapsus ist natürlich auch zugegen, erzählt weiterhin neue Geschichten aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch, ist aber etwas schlecht gelaunt, weil die Afghanen die Visagebühren von 30 Dollar auf 80 Euro erhöht haben und er deswegen überlegt, den weiteren Verlauf seiner jetzigen Reise zu ändern.
Gut, dass wir vorhatten, um halb eins loszufahren, denn vor lauter Ratschen, Mittagessen und Wohlfühlen ist es schließlich schon nach drei Uhr, als wir uns endgültig verabschieden. Die anderen nehmen uns deshalb zwar schon seit Stunden auf den Arm und sagen voraus, dass wir sowieso nicht weit, sondern wieder zurückkommen und mit ihnen den Abend verbringen werden. Irgendwie tut es mir schon leid, hier wegzufahren, denn diese Truppe hier war nett, witzig und interessant, einfach auf der richtigen Wellenlänge. Der gute Mix aus Charakteren und Nationalitäten mit dem gemeinsamen Hintergrund des Reisens hat uns zwei angenehme und ruhige Tage gut verbringen lassen. Ich werde die Truppe vermissen.
Bevor wir die Stadt verlassen, fahren wir noch zu den Türmen des Schweigens etwas außerhalb der Stadt. Hier haben die Zoroastrer früher ihre Toten in möglichst großer Höhe verbrannt, da sie glaubten, die Toten würden eines der vier Elemente, die Erde, verunreinigen. Heutzutage ist diese Prozedur verboten und so ist jedes Grab im nahen, neu angelegten Friedhof mit Zement ausgegossen, um dem Glauben zumindest einigermaßen gerecht zu werden. Wirklich nach Türmen sehen diese zwei Bauten auf jeweils einem Felsen übrigens nicht aus, eher erinnern sie an Wasserzisternen.
Schließlich ist es schon halb fünf, als wir uns doch noch auf den Weg in Richtung Shiraz machen. Erreichen werden wir es wohl erst übermorgen oder gar noch einen Tag später, da es 430 Kilometer entfernt ist und auf dem Weg auch noch Pasargad und Persepolis, also der Kern der persischen Zivilisation, liegt. Die Fahrt durch die wüstenartige Landschaft auf schnurgerader Landstraße erinnert, verglichen mit all den bisherigen Orten, wo wir im Iran waren, noch am ehesten an unsere Fahrten durch Tunesien und vor allem Marokko.
In Abarkuh, einem etwa 130 Kilometer von Yazd entferntem Ort, machen wir kurz vor Sonnenuntergang Halt und laufen noch zu einem auf einem Hügel gelegenen Dom hoch. Nach dem Essen und einem kleinen Spaziergang entlang der Hauptstraße machen wir es uns neben dem wie immer saftig grünen und von Picknickern übersäten Park gemütlich und verbringen hier die Nacht.