Ein nichtssagender Hügel als Tourischleuse bei Matmata, Tunesien (01.04.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
18. Mai 200820. Mai 2008

Montag, 19. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Yazd

Weil Robert gestern Abend seine Fliegengitter nicht zugemacht hat, werde ich um neun vom Flughafenbetrieb geweckt und finde mich auch um einige Stiche bereichert wieder. Laure und Freddy sind ebenfalls schon wach, frühstücken gerade im Camper. Miguel treffe ich im Hotel, als ich fragen will, ob ich die Duschen benutzen darf, und damit ist der Tag auch schon voll gestartet.

Nach einer guten Dusche und einer endlich mal wieder gründlichen Rasur treffe ich direkt am Camper schon wieder die zwei Heidelberger, denen wir bereits gestern zweimal über den Weg gelaufen sind. Während sie nacheinander von unserem Camperdach aus Fotos machen, um die um drei Meter erhöhte Perspektive auszunutzen, steht auch Robert auf – aber natürlich nur, weil ich ihn eine Viertelstunde vorher geweckt habe.

In zehn Minuten laufen wir durch die verschiedenen Gassen zur Visastelle und sind mit 11.56 Uhr extrem pünktlich vor Ort. Der Typ, gestern noch in irgendnem schwarzen Hemd im Dienst, sitzt heute auf einmal in einer Drei-Sterne-Uniform da und hat gerade einen etwas längeren Disput mit einer Omma, die offenbar ob ihres Anliegens nicht locker lässt. So muss man es letztendlich machen: Sie steht einfach so lange direkt vor dem Schreibtisch und labert fast ununterbrochen auf den Typen ein, bis es diesem zu viel wird und er ihr die Antragsformulare über den Tisch schiebt. Wahrscheinlich ist sie auch ein paar Tage zu früh dran. Aber Sturheit zahlt sich offenbar aus.

Auf solche Tricks brauchen wir aber gar nicht zurückgreifen, denn als wir an der Reihe sind und er das Suchen unserer Mappen beginnt, merken wir schon am Alles-Ok-Blick, dass wir jetzt wohl keine böse Überraschung mehr bekommen werden. Nur je eine Unterschrift später halten wir dann auch unsere Pässe in den Händen, endlich mit ausgefüllten Visaverlängerungsstempeln. Unsere neue Frist endet, wie gewünscht, am 21. Juni dieses Jahres, wir können also gemütlich fortfahren.

Dass der Typ sich sogar noch für unsere fünfminütige Wartezeit entschuldigt, ist angesichts der absoluten Unfähig- und vor allem Unwilligkeit der bescheuerten Isfahanis sowie der Tatsache, dass wir durch ihn von einem inzwischen stark angewachsenen Problem erleichtert wurden, der absolute Hohn. Wenn der wüsste, wie froh wir sind!

Zurück am Hotel feiern wir unsere durchgestandene Visaaffäre im Camper der Franzosen mit Tee und Keksen. Miguel ist auch dabei, und mit dem Reisen als vorherrschendem Diskussionsthema ist – wie eigentlich fast die ganze Zeit mit den Leuten hier – das Zusammensein ziemlich lustig. Man stelle sich vor, wir sitzen im Franzosencamper um den Tisch, auf welchem neben fünf Tassen Tee eine Kekspackung, ein paar Reisepässe, mehrere Landkarten und ein Packen Fahrzeugpapiere rumliegen. In diesem Ambiente, mit tibetischen Gebetsfahnen vor den Fenstern, vielen Postkarten, Fotos und sonstigen Souvenirs an den Wänden und dem nicht verzichtbaren Tee in der Hand erzählt jeder seine Geschichten.

Miguel ist einfach Collapsus. Die ganze Zeit beschwert er sich »It’s so hot!«, »It’s too hot!«, »I can’t stay here!«, ganz so als wäre er ein kleiner unerfahrener Neo-Backpacker, bei dem der Finger bei der zufälligen Reisezielfindung auf der Landkarte auf das falsche Land geraten ist. Dass der Spanier mit der zum Schießen lustigen Englischaussprache bereits die halbe Welt bereist, vier Reisepässe gefüllt und weit heißere Orte als diesen besucht hat, würde man ihm mit seinem ständigen »Too hot!« gar nicht glauben. In Spanien hält er es – wie könnte es anders sein? – wegen der Hitze nicht aus und gibt stattdessen in Japan und China Spanischunterricht. Letztes Jahr war er zum Entspannen einfach mal in Kabul und reiste drei Wochen problemlos alleine durch Afghanistan. »I really prefer taliban over hot! Better dangerous in afanistan (sic!) of so too hot here. This is collapsus!«.

Nicht minder lustig ist, wenn er von Bangladesch erzählt, wie Männer sich dort in den Bart kotzen und wir dann das iranische Verhalten auf öffentlichen Toiletten darauf übertragen. Hier im Iran kommt man nämlich nie zum Pissen, weil jeder immer den anderen vorlassen will: Mit »Befarma’in, befarma’in«, also »After you!«, muss man sich erst mal eine Minute gegenseitig zum Toilettengang einladen, bis irgendjemand wirklich drauf geht. Kein Wunder, dass man hier wegen dem iranischen Höflichkeitsshit auch auf Männerklos sehr oft anstehen muss. Und nun stelle man sich vor, die Bangladescher würden vor dem Kotzen sich erst noch mit »After you!« gegenseitig zum Vortritt auffordern.

Von halb eins bis sechs Uhr geht das so. Irgendwann ziehen wir zwar vom Camper in den schattigen und kühlen Hotelhof um, weil es uns wirklich too hot wird, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Dort gibt es am späten Nachmittag irgendwann Mittagessen, wo ich mir sogar ziemlich gute Spaghetti Bolognese bestelle. Ansonsten heißt es Chillen, Ausruhen, Chillen, Faulenzen und Unterhalten.

Auf interessante Weise lernen wir dabei den Iraner Hadi kennen: Er telefoniert ein paar Meter hinter uns auf Deutsch in interessantem Slang und benutzt Kraftausdrücke am laufenden Band. Irgendein »Wichser« hat ihm offenbar »die Kohle aus der Tasche gezogen«, soweit wir das mitkriegen. Nach Telefonatsende kommen wir ins Gespräch und er erzählt uns, dass er in Hamburg aufgewachsen ist, seit zwei Jahren im Iran lebt und hier mit Grundstücken und Immobilien handelt. Auch sonst hat er aber einiges von der Welt gesehen, hat in den USA und in der Dominikanischen Republik gelebt und hat deshalb einen Haufen Geschichten allerlei Couleur auf Lager.

Wegfahren werden wir heute eh nicht mehr. Mit unseren internationalen Freunden hier haben wir viel Spaß und nette Gesellschaft, im Hotel lässt es sich gratis duschen und den Hof benutzen, was wollen wir also mehr? Sicher, wenn wir jetzt weiterhin in allen Städten so denken wie bisher, dann brauchen wir auch 14 Monate, bis wir nach Deutschland zurückkommen, doch das soll uns jetzt erst mal egal sein. So gemütlich und angenehm »langsam« hätte ich mir den Urlaub nicht vorgestellt. Über Probleme kann man später reden.

Um sieben bekommt unser Camper die erste Generalüberholung, also nach immerhin um die siebentausend Kilometern. Den genauen Überblick haben wir im Moment nicht. Öl hat er so wenig verbraucht, dass wir nichtmal nachfüllen müssen, aber sowohl der Treibstofffilter als auch der Luftfilter, die wir das letzte Mal vor (!) unserer Tunesienreise entleert beziehungsweise gesäubert haben, also vor 15.000 Kilometern, haben eine Pflege dringend nötig. Den Gaszug haben wir auch etwas verstellt und hoffen, dass wir dadurch und durch die sauberen Filter wieder ein paar in den letzten Wochen verlorene km/h dazu gewinnen. Noch ein paar Schrauben hier und da gewechselt, einmal durchgekehrt und bisserl aufgeräumt, und schon ist der Camper wieder fit.

Danach entfernen wir uns erstmalig heute von Camper und Hotel, schauen uns noch zwei nahe gelegene Sehenswürdigkeiten an, die wir gestern nicht mehr gefunden haben oder die einfach geschlossen waren. Auch eine nur wenige Meter entfernte Synagoge – ja, so was gibt es im Iran, hier haben die Juden sogar per Gesetz einen Sitz im Parlament – wollen wir besuchen, doch leider finden wir auch sie geschlossen vor. In einem der vielen Yazder Internetcafés gibt es dann noch ein Update für die Homepage und ein paar E-Mail-Antworten an die einen oder anderen Leute, bevor wir es wieder zurück zum Hotel packen.

Mit denselben Leuten wie gestern, außer dass Peter durch Hadi ersetzt wurde, gehen wir dann auch wieder auf dieselbe Terrasse wie gestern zum Essen. Die Mischung aus Miguel und Hadi zusammen mit Ennio ist einfach Collapsus und mir tut stellenweise der Bauch vom Lachen weh. Hadi ist zwar manchmal schwer zu stoppen, wenn er mal mit dem Reden losgelegt hat, doch seine Geschichten sind wirklich interessant und er versteht es bestens, Leute zu unterhalten.

Ennio ist hingegen eher ein ruhiger Typ. Sein Geld verdient der Italiener aus San Benedetto del Tronto mit Jobs als Bademeister, reist ansonsten aber natürlich gerne um die Welt und hat auch schon viel gesehen. Er spricht sogar sehr gut Deutsch, hat aber einen österreichisch-tirolerischen Akzent, der für uns erst mal gewöhnungsbedürftig ist. Wie gesagt, in der allgemeinen Diskussion ist er eher zurückhaltend, aber wenn er dann mal was zum Besten gibt, hat er mit seinem Humor den Nagel meist auf den Kopf getroffen.

»But today nobody wants to become famous« und so sind wir schon um kurz vor eins wieder an den Campern und in den Hotels, somit also auch bald schon im Bett.

18. Mai 200820. Mai 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Samstag, 20. März 2010
Donnerstag, 22. April, 18:00 Uhr
İzmir, [Türkei / Deutschland], München, Planegg

Berichte von Syrien & Libanon 2010 werden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.