Um halb zehn machen wir uns nach dem Duschen auf zur Visastelle. Da wir ja gestern gute Vorarbeit geleistet haben, ist sie mit dem GPS und der inzwischen vorhandenen Orientierung in der Stadt schnell gefunden. So treten wir in die vermeintliche Visastelle ein und werden auch gleich von einem Polizisten bedient, der uns aber erklärt, dass wir hier komplett falsch seien. Die neue Stelle des Foreigners Office sei recht weit von hier irgendwo in der Altstadt und wir könnten uns mit dem Zettel, den er extra für uns schreibt, durchfragen.
Der Plan, früh da zu sein und für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, geht also offenbar nicht auf. Stattdessen kurven wir mit dem handgeschriebenen Zettel rum und finden in einer Gasse, wo man von einem kleinen Platz aufgrund unserer Karrenhöhe nur zu Fuß hinlaufen kann, endlich das richtige Büro. Mit seinen insgesamt (!) lediglich drei Räumen ohne jeglichen Flur oder Ähnliches ist es bei weitem gemütlicher als die große Behörde in Isfahan, wo man nicht mal weiß, wer eigentlich der richtige Ansprechpartner ist.
Hier hingegen hocken insgesamt drei oder vier Typen, von denen uns einer auch gleich bedient und unsere Pässe unter die Lupe nimmt. Mit einiger Anspannung beobachte ich, wie er beim Lesen des Stempels kurz etwas stutzt, dann aber das Rechnen anfängt: Unser Visum sei noch vier Tage gültig, wir sollten doch bitte übermorgen wiederkommen. Ciao.
Jetzt ist es natürlich schön, dass ihn der korrigierte Stempel nicht zu stören scheint, doch offenbar nimmt er für seine Berechnung weder das Stempeldatum, also den 1. des zweiten Monats, noch das korrigierte Datum, also den 2., sondern rechnet gleich mit dem 03.02.1387 als Einreisedatum, das handschriftlich unter den Stempeln eingetragen wurde. Ob er das nur macht, um uns weiter nach Schiraz zu schicken, oder weil er wirklich glaubt, wir seien am dritten eingereist, wissen wir natürlich nicht zu sagen, doch es hilft uns nicht viel weiter.
Wenn jetzt nämlich übermorgen auf dem Weg nach Shiraz irgendeiner unsere Pässe sehen will und mit dem 01.02. rechnet, ist das Visum bereits abgelaufen. Das wollen wir dem Typen hier aber nicht sagen, da er sonst vielleicht anfängt, sich zu viele Gedanken über den Stempel zu machen und dadurch neue Probleme auftauchen. Letztendlich erzählen wir ihm, dass wir von Yazd aus erst mal in die Wüste fahren wollen und deshalb unbedingt die Verlängerung hier brauchen, nicht erst in Shiraz, wo wir zu spät ankommen würden. Das überzeugt den Typen zumindest so weit, dass er uns Formulare und Kontonummer aushändigt. Nach einem Trip zu einer Bank Melli, wo wir nun schon zum zweiten Mal 200.000 Rial einzahlen – die ersten aus Isfahan sind futsch, da die hier eine andere Kontonummer haben – und dem Ausfüllen der ganzen Papiere sowie Beilegen der Kopien, können wir unsere Anträge abgeben.
Morgen um zwölf sollen wir wiederkommen. Wir sind gespannt.
Beim Ausfüllen der Papiere am Camper kommen zwei junge Europäer auf uns zu und geben sich als Franzosen zu erkennen. Laure und Freddy sind seit 14 Monaten in Ihrem Camper – übrigens in Deutschland gekauft und zugelassen – unterwegs und grob gesagt gerade auf dem Rückweg von Indien nach Frankreich. Sie empfehlen uns für die Nacht einen Platz vor dem Silk Road Hotel in der Innenstadt, wo man anscheinend in Ruhe stehen und sogar die Dusche des Hotels nutzen kann. Wir verabschieden uns von der 29- und dem 36-Jährigen. Wir werden sie wohl eh später wieder sehen.
Unsere Sehenswürdigkeitentour in Yazd kann also beginnen. Wir fangen mit dem Alexandergefängnis an, einem Schuppen direkt neben dem Ort, wo wir den Karren geparkt haben. Danach geht es gleich nebenan zum Grab der 12 Imame und hernach mit dem Auto zum Silk Hotel, von wo wir weiter den Rest zu Fuß besuchen wollen. Die nahe gelegene Jameh Moschee ist das erste Ziel, etwas weiter entfernt erreichen wir das Yazd Water Museum, welches im Großen und Ganzen zeigt, wie im Iran und speziell in der Umgebung von Yazd Wasser in riesigen Systemen unterirdischer Kanäle über große Entfernungen transportiert wurde und teils immer noch wird.
Nach dem Essen latschen wir fast zwei Kilometer weit zu einer Art Palast, wo der größte Windturm der Stadt mit 30,80 Meter Höhe steht. Das hier scheint sowieso die Stadt der Windtürme zu sein, denn alle Nasen lang steht so ein Ding hier in allen möglichen Größen rum. Nach der Besichtigung des Palastes hängen wir noch fast zwei Stunden im Garten beim Teetrinken ab und lernen die 30-jährige Maria kennen, die hier mit nem halben Dutzend Freundinnen ziemlich viel Gaudi zu haben scheint.
Mit dem Taxi fahren wir zurück ins Zentrum, wo wir einen Zoroasterschuppen besuchen, in dem eine seit angeblich über 1.000 Jahren brennende Flamme aufbewahrt beziehungsweise dauerhaft gepflegt wird. Netter Schuppen jedenfalls. Weiter geht es zum Amir Chachmaq Komplex, einem schönen Bauwerk mit zwei Minaretten, das man sogar bis auf die oberste Ebene besteigen kann. Die Aussicht von diesem hohen Punkt über die fast ausschließlich aus Lehmbauten bestehende Stadt ist atemberaubend.
Oben finden wir zwei Jungs und ein Mädel mit einer Torte vor. Das Mädel, ihr Name ist Astare oder so ähnlich, wird heute 19 Jahre alt und hier oben wird der Geburtstagskuchen verzehrt, von dem wir auch etwas bekommen. Bezeichnend für die Iraner: Als die drei später wieder abziehen, kratzt einer der Jungs die Reste eines kleinen Tortenstücks, das zuvor auf den Boden gefallen war, förmlich ab und wischt auch nochmal mit einem Papier aus seiner mitgebrachten Mülltüte drüber. Den Deutschen, der das gemacht hätte, will ich sehen! Und die Araber hätten wahrscheinlich sogar den Müll einfach oben liegen lassen oder gar nonchalant runter geworfen.
Wir sind gerade auf der Suche nach einem Teehaus, als uns der hundertste Reza dieser Reise anspricht. Er kann gutes Englisch und zusammen gehen wir in das Hotel Malek-o Tojjar, welches mehrfach empfohlen wurde und wirklich ein nettes Ambiente bietet. Abendessen wollen wir jedoch im Silk Road Hotel, vor dem ja auch unser Camper inzwischen steht.
Nachdem wir Reza, der zwar nett war und durchaus interessantes Zeug erzählt hat, aber irgendwie überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge lag, losgeworden sind, treten wir also in den Hof des Silk ein, wo wir sofort unsere beiden Franzosen Laure und Freddy erspähen. Sie reden gerade mit einem Österreicher namens Peter und Miguel, einem glatzköpfigen Spanier aus Barcelona. Die Kompanie will offenbar nicht hier essen und so gehen wir sechs ein paar hundert Meter weiter ins Orient Hotel, welches zwar dem selben Besitzer gehört, aber ein Restaurant auf einer schön gelegenen Terrasse bietet.
Peter ist mit dem Fahrrad unterwegs. Zwar ist er nicht die ganze Strecke bis hierher gefahren, sondern hat die eine oder andere Etappe auch mit dem Bus oder anderweitig zurückgelegt, doch so wie es sich anhört, hat er auch noch einiges vor sich. Miguel alias »Kollapsus« scheint ein erfahrener Backpacker zu sein, der schon viele Länder bereist hat und dementsprechend interessante Geschichten auf Lager hat. Laure und Freddy sind die einzigen Franzosen, die wir je getroffen haben, welche gescheites und weitgehend akzentfreies Englisch drauf haben. Wir sind eine echt lustige Truppe und es dauert nicht lang, bis wir sogar noch um eine weitere Person bereichert werden: Ennio aus Italien kommt alleine an und setzt sich zwar erst einen Tisch weiter, doch nach nichtmal einer Minute ist er bei uns eingeladen und sitzt am Tisch.
Während wir unser Kamelfleisch verspeisen, erzählt uns der sympathische Angestellte Egon* (Name geändert) irgendwelche Geschichten aus dem Knast, in den er gekommen ist, weil er »falsche« Dinge gegen den Islam gesagt hat. Mit dem ganzen »Islamischen Shit« hat er nach eigenen Angaben nichts am Hut. Er hatte Glück, dass er nach nur drei Tagen lebend rausgekommen ist und als einziges Souvenir einen gebrochenen Arm mitgebracht hat. Er ist übrigens nicht der Erste und wohl auch nicht der Letzte auf dieser Reise, der wegen so etwas sein Leben riskiert hat und Dinge gesehen und erlebt hat, die sein Leben nachhaltig verändert haben. Bis auf seinen Vater weiß zum Beispiel niemand aus seiner Familie, was wirklich passiert ist.
Von Peter hören wir hingegen die Geschichte von Bruce. Als er das letzte Mal im Iran war, sprach ihn so gut wie jeder Iraner auf einen gewissen Bruce an oder nannte ihn gar so. Peter kam aber gerade aus Pakistan und hatte folglich keine Ahnung von der Nachrichtenlage, sonst hätte er gewusst, dass Bruce irgendein Deutscher war, dessen Privatvergnügen mit einer Frau wohl etwas zu öffentlich wurde und der deshalb hier im Knast saß. Auch in Europa kam die Story in der Presse, wie sich Ennio erinnert, aber vor allem hier im Iran war Bruce das Gesprächsthema Nummer eins mit Touristen. »Bruce became famous!«.
»So, who of us wants to become famous on his trip?« Daraufhin Ennio mit einem der Lacher des Abends: »I prefer doing on my own than becoming famous this way!«
Am Nachbartisch haben sich inzwischen drei Iranerinnen angesiedelt und genau wie bei Ennio dauert es nicht lange, bis wir auch die drei an unserem somit inzwischen 11 Personen zählenden Tisch haben. Die drei, deren Namen sich anscheinend keiner von uns merken konnte, sind zwischen 23 und 29 Jahre alt und gestalten allesamt Teppichmuster.
Zu unserer Überraschung laden sie uns alle zu sich nach Hause in ihre angeblich kleine Bude ein. Es ist zwar schon fast Mitternacht, aber wir gehen alle mit. Na, will da nicht vielleicht doch jemand »famous« werden? So fahren wir zu acht – wir sieben Touristen und eine der Ischen, die uns den Weg zeigt – durch die Stadt. Schlauerweise mit den zwei Frauen und mir vorne, die restlichen fünf Männer hinten. Was die Polizei angeht, wäre es andersrum sicher sinnvoller gewesen, doch so kommen sich die hinteren fast schon vor wie beim Militär, wo man auch seitlich sitzt und dann auf Befehl den Wagen zusammen verlässt.
Die Bude der Mädels ist nicht so klein wie erwartet, besteht aber trotzdem nur aus einem Zimmer, das letztendlich im Keller eines nobel aussehenden Hauses liegt. Die halbe Nacht verbringen wir darin zu zehnt, teils alle zusammen diskutierend, teils jeder für sich, wie es gerade passt. Die Ischen zeigen uns auch ihr Teppichdesign und wir sind höchst verwundert, dass man für manche Gestaltungen mitunter mehrere Jahre brauchen kann.
Um vier Uhr verlassen sieben müde Touris – Laure hatte sich sogar schon hingelegt – den Laden und fahren zurück zum Silk Hotel, wo sich jeder gute Nacht wünscht und seiner Wege geht. Dass in dem Moment, wo wir vor dem Hotel vorfahren – es ist wohlgemerkt halb fünf Uhr morgens! – auf einmal zwei junge Münchner mit Koffern vor dem Hotel stehen, gerade mit dem Nachtbus angekommen sind, nun auf Einlass ins Hotel hoffen und natürlich extrem verwundert sind, dass um diese Zeit ein deutscher Karren vorfährt, aus dem ohne Ende Touristen aller internationalen Couleur auszusteigen scheinen, ist dann noch der Gute-Nacht-Gag.
Weil Robert gestern Abend seine Fliegengitter nicht zugemacht hat, werde ich um neun vom Flughafenbetrieb geweckt und finde mich auch um einige Stiche bereichert wieder. Laure und Freddy sind ebenfalls schon wach, frühstücken gerade im Camper. Miguel treffe ich im Hotel, als ich fragen will, ob ich die Duschen benutzen darf, und damit ist der Tag auch schon voll gestartet.
Nach einer guten Dusche und einer endlich mal wieder gründlichen Rasur treffe ich direkt am Camper schon wieder die zwei Heidelberger, denen wir bereits gestern zweimal über den Weg gelaufen sind. Während sie nacheinander von unserem Camperdach aus Fotos machen, um die um drei Meter erhöhte Perspektive auszunutzen, steht auch Robert auf – aber natürlich nur, weil ich ihn eine Viertelstunde vorher geweckt habe.
In zehn Minuten laufen wir durch die verschiedenen Gassen zur Visastelle und sind mit 11.56 Uhr extrem pünktlich vor Ort. Der Typ, gestern noch in irgendnem schwarzen Hemd im Dienst, sitzt heute auf einmal in einer Drei-Sterne-Uniform da und hat gerade einen etwas längeren Disput mit einer Omma, die offenbar ob ihres Anliegens nicht locker lässt. So muss man es letztendlich machen: Sie steht einfach so lange direkt vor dem Schreibtisch und labert fast ununterbrochen auf den Typen ein, bis es diesem zu viel wird und er ihr die Antragsformulare über den Tisch schiebt. Wahrscheinlich ist sie auch ein paar Tage zu früh dran. Aber Sturheit zahlt sich offenbar aus.
Auf solche Tricks brauchen wir aber gar nicht zurückgreifen, denn als wir an der Reihe sind und er das Suchen unserer Mappen beginnt, merken wir schon am Alles-Ok-Blick, dass wir jetzt wohl keine böse Überraschung mehr bekommen werden. Nur je eine Unterschrift später halten wir dann auch unsere Pässe in den Händen, endlich mit ausgefüllten Visaverlängerungsstempeln. Unsere neue Frist endet, wie gewünscht, am 21. Juni dieses Jahres, wir können also gemütlich fortfahren.
Dass der Typ sich sogar noch für unsere fünfminütige Wartezeit entschuldigt, ist angesichts der absoluten Unfähig- und vor allem Unwilligkeit der bescheuerten Isfahanis sowie der Tatsache, dass wir durch ihn von einem inzwischen stark angewachsenen Problem erleichtert wurden, der absolute Hohn. Wenn der wüsste, wie froh wir sind!
Zurück am Hotel feiern wir unsere durchgestandene Visaaffäre im Camper der Franzosen mit Tee und Keksen. Miguel ist auch dabei, und mit dem Reisen als vorherrschendem Diskussionsthema ist – wie eigentlich fast die ganze Zeit mit den Leuten hier – das Zusammensein ziemlich lustig. Man stelle sich vor, wir sitzen im Franzosencamper um den Tisch, auf welchem neben fünf Tassen Tee eine Kekspackung, ein paar Reisepässe, mehrere Landkarten und ein Packen Fahrzeugpapiere rumliegen. In diesem Ambiente, mit tibetischen Gebetsfahnen vor den Fenstern, vielen Postkarten, Fotos und sonstigen Souvenirs an den Wänden und dem nicht verzichtbaren Tee in der Hand erzählt jeder seine Geschichten.
Miguel ist einfach Collapsus. Die ganze Zeit beschwert er sich »It’s so hot!«, »It’s too hot!«, »I can’t stay here!«, ganz so als wäre er ein kleiner unerfahrener Neo-Backpacker, bei dem der Finger bei der zufälligen Reisezielfindung auf der Landkarte auf das falsche Land geraten ist. Dass der Spanier mit der zum Schießen lustigen Englischaussprache bereits die halbe Welt bereist, vier Reisepässe gefüllt und weit heißere Orte als diesen besucht hat, würde man ihm mit seinem ständigen »Too hot!« gar nicht glauben. In Spanien hält er es – wie könnte es anders sein? – wegen der Hitze nicht aus und gibt stattdessen in Japan und China Spanischunterricht. Letztes Jahr war er zum Entspannen einfach mal in Kabul und reiste drei Wochen problemlos alleine durch Afghanistan. »I really prefer taliban over hot! Better dangerous in afanistan (sic!) of so too hot here. This is collapsus!«.
Nicht minder lustig ist, wenn er von Bangladesch erzählt, wie Männer sich dort in den Bart kotzen und wir dann das iranische Verhalten auf öffentlichen Toiletten darauf übertragen. Hier im Iran kommt man nämlich nie zum Pissen, weil jeder immer den anderen vorlassen will: Mit »Befarma’in, befarma’in«, also »After you!«, muss man sich erst mal eine Minute gegenseitig zum Toilettengang einladen, bis irgendjemand wirklich drauf geht. Kein Wunder, dass man hier wegen dem iranischen Höflichkeitsshit auch auf Männerklos sehr oft anstehen muss. Und nun stelle man sich vor, die Bangladescher würden vor dem Kotzen sich erst noch mit »After you!« gegenseitig zum Vortritt auffordern.
Von halb eins bis sechs Uhr geht das so. Irgendwann ziehen wir zwar vom Camper in den schattigen und kühlen Hotelhof um, weil es uns wirklich too hot wird, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Dort gibt es am späten Nachmittag irgendwann Mittagessen, wo ich mir sogar ziemlich gute Spaghetti Bolognese bestelle. Ansonsten heißt es Chillen, Ausruhen, Chillen, Faulenzen und Unterhalten.
Auf interessante Weise lernen wir dabei den Iraner Hadi kennen: Er telefoniert ein paar Meter hinter uns auf Deutsch in interessantem Slang und benutzt Kraftausdrücke am laufenden Band. Irgendein »Wichser« hat ihm offenbar »die Kohle aus der Tasche gezogen«, soweit wir das mitkriegen. Nach Telefonatsende kommen wir ins Gespräch und er erzählt uns, dass er in Hamburg aufgewachsen ist, seit zwei Jahren im Iran lebt und hier mit Grundstücken und Immobilien handelt. Auch sonst hat er aber einiges von der Welt gesehen, hat in den USA und in der Dominikanischen Republik gelebt und hat deshalb einen Haufen Geschichten allerlei Couleur auf Lager.
Wegfahren werden wir heute eh nicht mehr. Mit unseren internationalen Freunden hier haben wir viel Spaß und nette Gesellschaft, im Hotel lässt es sich gratis duschen und den Hof benutzen, was wollen wir also mehr? Sicher, wenn wir jetzt weiterhin in allen Städten so denken wie bisher, dann brauchen wir auch 14 Monate, bis wir nach Deutschland zurückkommen, doch das soll uns jetzt erst mal egal sein. So gemütlich und angenehm »langsam« hätte ich mir den Urlaub nicht vorgestellt. Über Probleme kann man später reden.
Um sieben bekommt unser Camper die erste Generalüberholung, also nach immerhin um die siebentausend Kilometern. Den genauen Überblick haben wir im Moment nicht. Öl hat er so wenig verbraucht, dass wir nichtmal nachfüllen müssen, aber sowohl der Treibstofffilter als auch der Luftfilter, die wir das letzte Mal vor (!) unserer Tunesienreise entleert beziehungsweise gesäubert haben, also vor 15.000 Kilometern, haben eine Pflege dringend nötig. Den Gaszug haben wir auch etwas verstellt und hoffen, dass wir dadurch und durch die sauberen Filter wieder ein paar in den letzten Wochen verlorene km/h dazu gewinnen. Noch ein paar Schrauben hier und da gewechselt, einmal durchgekehrt und bisserl aufgeräumt, und schon ist der Camper wieder fit.
Danach entfernen wir uns erstmalig heute von Camper und Hotel, schauen uns noch zwei nahe gelegene Sehenswürdigkeiten an, die wir gestern nicht mehr gefunden haben oder die einfach geschlossen waren. Auch eine nur wenige Meter entfernte Synagoge – ja, so was gibt es im Iran, hier haben die Juden sogar per Gesetz einen Sitz im Parlament – wollen wir besuchen, doch leider finden wir auch sie geschlossen vor. In einem der vielen Yazder Internetcafés gibt es dann noch ein Update für die Homepage und ein paar E-Mail-Antworten an die einen oder anderen Leute, bevor wir es wieder zurück zum Hotel packen.
Mit denselben Leuten wie gestern, außer dass Peter durch Hadi ersetzt wurde, gehen wir dann auch wieder auf dieselbe Terrasse wie gestern zum Essen. Die Mischung aus Miguel und Hadi zusammen mit Ennio ist einfach Collapsus und mir tut stellenweise der Bauch vom Lachen weh. Hadi ist zwar manchmal schwer zu stoppen, wenn er mal mit dem Reden losgelegt hat, doch seine Geschichten sind wirklich interessant und er versteht es bestens, Leute zu unterhalten.
Ennio ist hingegen eher ein ruhiger Typ. Sein Geld verdient der Italiener aus San Benedetto del Tronto mit Jobs als Bademeister, reist ansonsten aber natürlich gerne um die Welt und hat auch schon viel gesehen. Er spricht sogar sehr gut Deutsch, hat aber einen österreichisch-tirolerischen Akzent, der für uns erst mal gewöhnungsbedürftig ist. Wie gesagt, in der allgemeinen Diskussion ist er eher zurückhaltend, aber wenn er dann mal was zum Besten gibt, hat er mit seinem Humor den Nagel meist auf den Kopf getroffen.
»But today nobody wants to become famous« und so sind wir schon um kurz vor eins wieder an den Campern und in den Hotels, somit also auch bald schon im Bett.