Samstag, 17. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Isfahan, Na'in, Yazd
Um viertel vor zehn geht heute schon der Wecker, da wir uns heute mit der Visaverlängerung keine eigenen Fauxpas erlauben und zumindest einigermaßen rechtzeitig da sein wollen. Um elf Uhr fahren wir dann auch vor dem Laden vor und gehen mit unseren bereits ausgefüllten Anträgen und auch sonst absolut vollständigen Antragsmappen, die zum Beispiel die ganzen Passkopien, die Fotos, den Pass und den Einzahlungsbeleg der Bank beinhalten, in den Innenhof, wo der Visaverlängerungsschalter ist – unbesetzt.
Eine halbe Stunde vergeht erst mal, ohne dass sich auch nur irgendetwas tut. Die Wartenden werden jedoch immer mehr und so kommen wir auch mit einem pensionierten Schweizer Ehepaar ins Gespräch. Die beiden sind seit 13 Monaten mit dem Fahrrad unterwegs und wollen im August nächsten Jahres Japan erreichen. Von den bereisten Ländern erzählen wir uns gegenseitig unsere üblichen Geschichten und tauschen auch zum Iran Hinweise aus, da sie ihn von Dubai aus nach Norden hin bereisen und wir ja schließlich umgekehrt.
Als der Schaltertyp gemütlich von seiner Sonstwaspause hereinspaziert, seinen Posten wieder einnimmt und wir unsere Antragsmappen abgeben, gibt’s die erste Überraschung für die Schweizerin: Ihr kopftuchloses Foto wird nicht akzeptiert. Da die beiden wieder abziehen müssen, um irgendwo schnell noch Fotos zu machen, ist die zweite Überraschung allein für uns: Erst morgen sollen wir die Pässe abholen können.
Da wir aber eigentlich eh schon etwa einen Tag länger als geplant hier sind, die Zeit langsam zu drängen beginnt und wir heute eigentlich noch nach Yazd oder zumindest in die Richtung wollen, fange ich mit einem ein bisschen Englisch sprechenden Bullen das Diskutieren an. Obwohl der Visatyp mehrmals zu verstehen gibt, dass es keinen Weg gebe, die Pässe heute noch zu bearbeiten, lasse ich nicht locker. Außerdem waren wir ja schon am Mittwoch deswegen da und wurden einfach wieder weggeschickt.
Da wir nach der abermaligen Verneinung uns immer noch nicht vom Hof machen, gibt der Visatyp irgendwann nach, händigt uns unsere Mappen aus und gibt zu verstehen, dass wir damit ins Bürogebäude latschen sollen. Dort geben wir die Mappen im zuständigen Büro ab und warten.
Und warten. Und warten. Und warten immer noch. Die Schweizer sind inzwischen auch wieder da, wurden aber ohne jegliche Nachfrage direkt zu uns hoch geschickt, da wir entweder die Überzeugungsvorarbeit geleistet haben oder der Typ meinte, dass wir zusammen gehören.
Der Lonely Planet schreibt in seinem sehr ausführlichen Artikel zur Visaverlängerung, Isfahan sei der beste Platz, um dies zu tun. Ganz im Gegensatz zu Tehran, wo man alles Erdenkliche versuchen sollte, um dort nicht (!), sondern irgendwo anders im Iran zu sein. Für Tehran gibt der LP bis zu zwei Wochen im engstirnigen Bürokratenstau an, in Isfahan haben die Autoren ihre Verlängerung hingegen in zehn Minuten bekommen und auch die sonstigen Zuschriften waren positiv.
Würden wir eine Zuschrift an den LP machen, sie würde niederschmetternd ausfallen. Wahrscheinlich haben sie mit dem Umzug der Behörde auch gleich mal alle Leute ausgetauscht. Die größte – und böseste – Überraschung des Tages tritt nämlich erst nach insgesamt über drei Stunden Aufenthalt in dem Bürokratenladen auf. »Your passport has a problem and we cannot extend it.« Welches Problem? – Da antwortet sie doch glatt »Why did you try to change this?« und zeigt uns unsere Einreisestempel.
Unsere Einreisestempel sind vom 1. Ordibehescht (2. Monat des iranischen Kalenders) 1387, doch der stempelnde Grenzer in Bazargan änderte das Datum vor unseren Augen auf den 2.2. Da wir zu dem Zeitpunkt eigentlich keine Ahnung vom islamischen Kalender hatten, wussten wir nicht, dass es in Wirklichkeit der erste Tag des Monats war. Warum er das nachträglich auf allen vier Stempeln – sowohl in den Pässen als auch den rosa Einreisezetteln – änderte, bleibt uns schleierhaft. Zusätzlich Verwirrung stiftet die Tatsache, dass der 20. April, also unser Einreisedatum nach unserem Kalender, normalerweise der 30. Januar im islamischen Kalender ist, doch da unsere Rechnung wegen dem Schaltjahr dieses Jahr einen Tag mehr gehabt hat, verschiebt sich die Umrechnung um einen Tag.
Fakt ist: Die handschriftliche Korrektur der Stempel durch den eigentlich netten, aber wohl absolut durch den Wind befindlichen Grenzer in Bazargan, ist ein Schmarrn und wir dürfen das nun ausbaden. Ein junger Iraker, der Arabisch, Persisch, Englisch und wohl auch Kurdisch spricht, hilft uns zwar sehr nett weiter, indem er mit uns beim Oberbullen des Stockwerks vorspricht, doch dieser zeigt sich genauso uneinsichtig wie die depperten Bürodamen.
Er sagt, sie hätten in Bazargan angerufen und die dortigen Kollegen hätten angegeben, dass der entsprechende Grenzer, der unterschrieben hat, an jenem Tag nicht anwesend war. Ja toll, es ist ja auch der falsche Tag. Bevor die Schweizer abziehen – natürlich mit problemloser Verlängerung – geben sie uns noch den Tipp, dass wir über den türkischen Ausreisestempel das Datum »beweisen« sollten, doch davon wollen die Herrschaften hier leider gar nichts wissen.
Als wir fragen, was wir denn machen sollen, um in drei Tagen nicht illegal im Land zu sein, heißt es, wir sollten nach Orumiyeh, also zurück in die Provinz West-Aserbaidschan, wo auch Bazargan liegt, fahren, und das Visum dort verlängern lassen. »We cannot extend it HERE!« heißt es jetzt. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, warum um Himmels willen irgendwelche unwichtigen Leute in Orumiyeh, zu dem in den Führern nichtmal was zur Visaverlängerung drinnen steht, das besser machen sollten als diese fette Behörde in dieser knapp Zwei-Millionen-Stadt.
Hat Steinmeier in den letzten Tagen vielleicht irgendwas Falsches gesagt? Oder ist die Angie vielleicht gerade auf Flirturlaub in den USA? Von wegen einfache Verlängerung und handsame Leute in Isfahan, diese Behördengurus hier scheinen sich jeden Tag aufs Neue etwas auszudenken, damit wir hier nicht zum Ziel kommen. Erst ziehen sie um, dann sagen sie, es sei zu früh, dann sind sie einmal zu und nun haben sie Probleme mit einer Eintragung, die ein iranischer Grenzer gemacht hat.
Angesichts dessen, dass diese Stadt hier von der besten zur schlechtesten Stelle für Visaverlängerung geworden ist, ziehen wir weiter. Aber nicht etwa nach Orumiyeh oder gar Bazargan mit einem Nachtbus oder sonstwas, wie es diese Büroratten gerne hätten, sondern wie geplant weiter nach Yazd, wo wir es morgen in aller Früh einfach nochmal versuchen wollen. Laut LP ist das der zweitbeste Platz, aber wer soll das jetzt schon glauben.
Es dauert gut fünf Stunden und es ist bereits 21 Uhr, als wir in Yazd ankommen. Zwischenrein haben wir nur kurz einen Stopp zum Tanken und Montieren des Wassertanks, den wir gestern abgenommen und heute am Wasserhahn geklebt haben, gemacht, sind sonst aber durchgefahren. Was anderes blieb uns ja sowieso nicht übrig, wenn wir morgen wirklich in aller Frühe bei der zuständigen Stelle sein wollen.
Früh heißt für uns in diesem Fall halb elf, und da wir keine bösen Überraschungen mehr wollen, machen wir uns gleich auf die Suche nach der Stelle. Die erste Überraschung gibt es aber schon, als wir nach ziemlich verplanter Suche – die Stadt mit ihrer etwas wirren Verkehrsführung in den Außenbereichen ist neu für uns und unsere eigene Ministraßenkarte an GPS-Tracks auf dem PDA müssen wir uns erst noch aufbauen – an der in den Führern angegeben Stelle, natürlich ein Polizeirevier, ankommen: Die Visastelle ist umgezogen. Na, das kennen wir doch.
Der Soldat vor dem Revier nennt uns jedoch einen Ort in der Innenstadt, den wir irgendwann auch endlich finden. Es ist das Hauptrevier der hiesigen Polizei und hier soll man offenbar sein Visum verlängern können. Jedenfalls haben wir uns entlang der Mauer um den Komplex von einer Pforte zur nächsten durchgefragt, bis uns der letzte Soldat zu verstehen gegeben hat, sofern die Kommunikation mit Händen und Füßen überhaupt funktioniert, dass die Nebentür uns morgen zu Bürozeiten wohl weiterhelfen kann.
Den Wecker stelle ich deshalb auf acht und wir machen uns nach einem kleinen Zwischenstopp im Burgerladen, wo nur Robert etwas isst, auf Nachtplatzsuche. – Extrem nervtötend! Yazd ist eine Stadt, wie wir sie zwar von anderen Ländern gewohnt sind, aber auf dieser Reise noch nicht hatten, nämlich eine Ansammlung unzähliger flacher Lehmbauten, die ins Nichts gestellt sind. Eine Wüstenstadt halt.
Doch in Wüstenstädten gibt es nun mal nicht einfach einen Wald am Rand oder auch sonst irgendwelche Sträucher, die einen guten Pennplatz ausmachen würden, und so fahren wir ziemlich lange und ziemlich planlos erst durch die Stadt, dann eine kleinere Straße viele Kilometer hinaus und schließlich auch wieder herein. Vielleicht hätten wir ein paar Stunden vorher mal auf die zwei Ischen eingehen sollen, die uns mitten auf der Straße angesprochen haben, wo wir aber eher sparsam reagiert haben, da die Visastelle in dem Moment weit mehr Priorität als Ischen hatte. Ansonsten hätten wir vielleicht jetzt automatisch einen Pennplatz. Erst sehr spät erspähen wir schließlich eine Straße, die eine durch Bordstein abgetrennte Piste als Seitenstreifen und sogar durchgehende Bepflanzung mit jungen Bäumen vorzuweisen hat.
Es ist zwar kein Fünf-Sterne-Platz, aber das bei weitem Beste, was uns in den letzten anderthalb Stunden untergekommen ist, also bleiben wir hier. Kurz nachdem Robert ins Bett kommt, taucht zwar irgendein Anwohner auf und fragt recht forsch, was wir hier machen und warum wir überhaupt hier seien, schreibt sich am Ende sogar unser Kennzeichen auf – Oh mein Gott, wie schrecklich! Etwas Besseres fällt ihm wohl nicht ein? – doch das soll uns nicht abhalten, die Nacht hier, wahrscheinlich sowieso ohne Probleme, zu verbringen.