Der Wecker geht um halb elf, weil wir heute einfach nochmal dreist bei der Visastelle aufkreuzen und so tun wollen, als wären wir gestern gar nicht da gewesen. Vielleicht sind die Zuständigen heute nicht so faul. Die Begründung mit der Frist war jedenfalls ganz klar eine Ausrede, denn der Wolfgang von gestern hat sein Visum auch weit mehr als drei Tage vor Ablauf hier verlängert.
Nur weil der Wecker geht, heißt das jedoch noch lange nicht, dass der Robby aufsteht, und so bringt es nichts, dass ich ihn um elf Uhr wecke und mitteile, dass er aufstehen soll. Bis jetzt kamen wir, was das Aufstehen angeht, ja super zurecht – im Gegensatz zu Marokko und Tunesien. Wohl vor allem, weil wir uns beide Mühe geben, ich durch meine Berichte um einiges später als sonst ins Bett komme und auch unter anderem deswegen länger schlafe. Dazu kommt, dass wir in diesem Urlaub sowieso nicht stressen und im Gegensatz zu unseren vergangenen Reisen, wo wir bis auf ganz wenige Ausnahmen jeden Tag weitergefahren sind, gefühlte Ewigkeiten am selben Ort verbringen.
Heute jedenfalls verpassen wir durch Roberts Pennen die Öffnungszeiten der Visastelle gänzlich und kommen erst an, als sie schon geschlossen ist. Wäre nicht Donnerstag – was hier so in etwa wie unser Samstag ist – hätte das Büro wohl noch mindestens eine Stunde offen, als wir um viertel vor eins dort ankommen, doch da donnerstags alles früher schließt, haben wir keine Chance. Morgen wird natürlich sowieso zu sein und so ist hiermit erst mal besiegelt, dass wir bis mindestens Samstagmorgen hier bleiben müssen. Soll uns eigentlich recht sein.
Um halb zwei wollen wir dem Italienischkurs von Saba beiwohnen und fahren deshalb zum Bozorgmehr-Institut im Osten der Stadt unter der Qadirbrücke. Diese Brücke und der darüber führende so genannte Highway sind nicht auf unserer von der Touripolizei bekommenen Karte verzeichnet. Wohl aber nicht, weil die Brücke so extrem neu ist, sondern eher, weil die Karte uralt ist. Das Finden dieses Instituts, das letztendlich nichts anderes als ne kleine Uni zu sein scheint, gestaltet sich deshalb etwas schwierig, und wir übersehen sogar Saba, die unten an der Hauptstraße steht, um uns abzufangen.
Irgendwie erreichen wir aber doch unser Ziel und nach Roberts Versuch, beim Parken die Stabilität unseres Camperdachs mit dem Vordach eines Eingangsbereichs zu testen, stehen wir auch vor dem Institut – und kommen nicht rein.
Der Pförtner, hier also eher in Gestalt eines Türstehers, will uns partout nicht in das Gebäude lassen. Mehrere Studenten reden gleichzeitig auf ihn ein, um uns doch noch die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen, doch der Typ lässt einfach nicht locker. Als ich Saba nach seinem Job frage, antwortet sie, dass er der »Protector of the building« sei und er müsse darauf achten, dass auch hier alle Gesetze eingehalten werden. Zwar wissen wir nicht, welches Gesetz uns hier eigentlich das Eintreten verbietet, aber die ganze Diskussion zwischen dem Protector, den Studenten und auch dem Italienischlehrer geht fast eine halbe Stunde.
Der Lehrer kommt auch kurz zu uns raus und ich bin geschockt von seinem schlechten Italienisch. Laut Saba ist er ein Iraner, der eine Zeit lang in Venedig gelebt hat, und ganz offensichtlich hat diese Zeit ganz und gar nicht ausgereicht, um gescheites Italienisch, geschweige denn akzentfrei zu sprechen. Dass jemand, der in jedem zweiten Satz nach Wörtern ringt und diese dann auch noch iranisch ausspricht, Unterricht geben kann, hätten wir uns aber nach unseren Erfahrungen mit dem hiesigen Sprachbildungssystem fast denken können.
Schließlich kommen Saba, Setare und Malika heraus, um uns mitzuteilen, dass es keinen Weg gebe, uns hereinzubringen. Wir fahren deshalb wieder zurück zum Fluss bei der Si-o-se Pol und machen uns zu Fuß auf in Richtung Imam Square, um ein paar weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt abzuhaken. Auf dem Weg kommen wir dabei erst mal an einer Medrese vorbei, also einer Koranschule, die wohl die erste Medrese auf unseren Reisen ist, die wirklich was hermacht. Waren die von uns besuchten Koranschulen in Marokko und Tunesien irgendwelche kleinen Dinger mit einem 10 mal 15 Meter messenden Innenhof und insgesamt eher nicht so großer Natur, so hat dieser Laden hier mit ganz anderen Dimensionen aufzuwarten. Die schöne Kuppel des Doms sowie die zwei Minarette runden die ganze Sache außerdem hervorragend ab.
Am Imam Square besuchen wir die Imam Moschee, eine der größten und schönsten des Irans. Mit dem Innenhof von 68 mal 53 Metern, der genialen Akustik im Gebetssaal – Wissenschaftler haben über 40 Echos gemessen, der Mensch kann dort angeblich bis zu 12 wahrnehmen – und dem imposanten Eingangsportal am Imam Square ist das wohl einer der besuchenswertesten Orte Isfahans. Nicht umsonst wurde über 20 Jahre an dem Schuppen gebaut.
In einer Nebenstraße essen wir eine komische Auberginenpampe mit Ei und sonstwas allem zu Mittag. Allzu appetitlich sieht das halbfeste, gelbe Zeug, welches in riesigen Töpfen von mehr als einem halben Meter Durchmesser zubereitet wird, auf den ersten Blick zwar nicht aus, aber es schmeckt letztendlich eigentlich ziemlich gut und sättigt vor allem. Außer der Pampe und dem üblichen Kebab haben die Läden dieser Straße sowieso nichts anderes.
Weil wir eigentlich nicht richtig wissen, was wir überhaupt machen wollen, beschließen wir, nochmal in das Teehaus mit Terrasse am Imam Square zu gehen, wo wir schon vorgestern waren, auch wenn wir schon von unten sehen, dass wir dort heute kaum alleine sein werden, weil die Hälfte der Terrasse schon mit Touris bevölkert ist.
Als wir die Treppe hochgehen, sind zwei Mädels vor uns und zwei hinter uns, von denen die vorderen fragen: »Ihr seids net zufällig aus Österreich?«. Wir antworten lediglich, dass wir aus Deutschland sind, gehen aber ohne weitere Unterhaltung auf die Terrasse, wo wir uns an unseren Tisch von vorgestern setzen. Die zwei, die hinter uns waren und nichts gesagt haben, gehen ebenfalls raus, setzen sich aber woanders hin.
Lustigerweise bringt der Kellner uns eine Minute später ungefragt eine große Kanne Tee mit vier (!) Gläsern auf dem Tablett, was uns erst mal nicht allzu stutzig macht. Als er kurz darauf aber verwundert sieht, dass wir weiterhin noch zu zweit hocken und die anderen beiden woanders, checkt er, dass wir eigentlich nicht zusammengehören. Keine Ahnung, ob das hier die iranische Verkuppelungstechnik der Teehäuser sein soll, auf jeden Fall bleibt uns nichts anderes übrig, als uns zu den anderen zu setzen.
Die in Österreich aufgewachsene Kurdin Selma sowie Judith aus Wien sind hier auf »Exkursion« mit der Uni in einer 34-köpfigen Gruppe unterwegs, haben sich aber für den Nachmittag abgeseilt, weil sie vom Leben in der Schafsherde schon richtig angenervt sind. Nach einer Stunde Teehaus gehen wir gemeinsam runter zum Fluss und latschen an beiden Ufern etwas entlang, bis wir schließlich an unserem Auto ankommen, mit dem wir dann auch zurück zum Treffpunkt der Gruppe hinter dem Ali Qapu Palast fahren. Dass die zwei das als eine der spannendsten Dinge der Reise betrachten, wirft ein interessantes Licht auf den Unterhaltungswert der zweiwöchigen Iranreise zu Bus.
Was es heißt, an einer Gruppenreise mit fünf verplanten Organisatoren und Aufpassern teilzunehmen, sollten wir dann auch gleich mal kennen lernen. Wie üblich kommen am Treffpunkt einige erst mal zu spät und so wird die Gruppe umso schneller in den 200 Meter weiter stehenden Bus gescheucht. Wir wollen dem Bus mit unserem Karren folgen, um gemeinsam mit der Gruppe Abend zu essen, doch als der Bus über zehn Minuten lang partout nicht losfahren will, obwohl bereits alle drin sind und zwischenzeitlich sogar die Türen zu waren, kommt uns das Ganze schon etwas komisch vor.
Schließlich kommt Selma heraus und erklärt uns, dass das immer so sei. Man könne sich nicht entscheiden, ob man essen oder zurück zum Gasthaus fahren soll, man wisse nicht, welches Restaurant man anfahren würde, und die Organisatoren hätten sowieso seit zwei Wochen diesbezüglich keine Ahnung. Erst mal Treffpunkt ausmachen, dann alle in den Bus verfrachten, schließlich aber nichtmal wissen, wohin es gehen soll und welches Restaurant für soviel Leute geeignet sein könnte. Na prost!
Wir fangen jetzt schon an, etwas angenervt zu sein, und als wir uns nach weiteren zehn Minuten gerade aus dem Staub machen wollen, steigt auf einmal die ganze Gruppe wieder aus dem Bus aus. Es wird doch hier irgendwo gegessen. Nachdem sich einige sehr interessiert das Interieur unseres Campers angesehen haben, latschen wir in der Schafsherde zurück zum Imam Square. Jetzt wissen wir auch, warum die selbst nach zwei Wochen Iran und mehrtägigem Aufenthalt in Tehran nicht allzu geübt im Straße überqueren sind: Bevor die Gruppe die Straße betritt, postiert sich auf beiden Seiten je einer der »Aufpasser« und stoppt den Autofluss so lange, bis alle hinüber sind. Echt köstlich! Grad, dass man nicht noch Hand in Hand wie eine Grundschulklasse in Zweierreihen unterwegs sein muss.
Schließlich schaffen wir es also doch, mit der ganzen Truppe in einem ziemlich großen Restaurant etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Warum erst eine Karte rumging, dann aber doch einfach generische Essensteller auf die Tische kommen, ist keinem so recht klar, aber uns soll es recht sein. Die anderen scheinen an solche verplanten Aktionen schon total gewöhnt zu sein.
In unserem Tischumfeld sitzen wieder Selma und Judith sowie noch vier andere, darunter auch eine ältere Dame, die ebenfalls, genau wie noch weitere drei oder vier Ältere in der Gruppe, auch irgendwas an der Uni studiert und deswegen auf dieser »Exkursion« am Start ist. Am interessantesten ist aber Maria, eine 22-jährige Slowakin, die bereits verheiratet ist und – wie sie mir erst später auf dem Weg zum Bus sagt – sogar schon ein fast zweijähriges Kind hat. Hut ab und weiter so!
Um kurz nach elf wird die Schafsherde, die morgen nach Tehran zurückfahren und übermorgen weiter nach Wien fliegen wird, aus dem Lokal getrieben und wir schaffen es nichtmal, unseren Anteil zu bezahlen, weil der Kassier erst mal überhaupt nicht versteht, was wir wollen. Als ich ihm dann noch sage, dass wir nichts gesondert bestellt haben, werde ich mit einem »No problem!« weggeschickt. Da haben wir uns also unerwarteterweise bestens durchschmarotzt.
Am Bus verabschieden wir uns von der Truppe und bekommen dabei gleichzeitig noch weiteren Einblick in das völlig löchrige Iranbild nach zweiwöchiger Iranrundreise: Die Mädels meinen allen Ernstes, sie könnten uns nichtmal die Hand geben! Wenigstens reicht die Tatsache, dass das und auch mehr bis jetzt jedes iranische Mädel mit uns problemlos gemacht hat, zur Überzeugung des Gegenteils, auch wenn vier Meter weiter ein Soldat den Tschehel-Sotoun-Palast bewacht.
Ich glaub, wir müssten denen mal ein paar Telefonnummern geben, damit sie mit richtigen Iranern im privaten sprechen und nicht nur in gekünstelten Frage-Antwort-Stunden mit ausgewählten Leuten an der Tehraner Uni. Trotzdem war es natürlich ein netter Abend mit der lustigen Truppe und wir wissen jetzt wieder umso mehr unsere Individualreise zu zweit zu genießen. Das machen wir gleich mal, indem wir, wie immer, an der Si-o-se pol parken und am Ufer entlang laufen.