Erst nachdem wir aufgestanden sind, fällt uns auf, dass wir uns für heute ja eigentlich den Wecker stellen und zur Visaverlängerung schreiten wollten. Nun ist es gerade kurz vor zwölf und es kommt drauf an, welcher der beiden Führer nun Recht hat, was die angegebenen Öffnungszeiten betrifft: Macht der Laden um 12.30 Uhr zu, wie der RKH behauptet, oder liegt der LP richtig und man kann da noch bis halb zwei eintrudeln? Egal, wir wollen es einfach mal versuchen und machen uns auf den Weg.
Schließlich ist es dann jedoch Jacke wie Hose, welche dieser Angaben korrekt ist, denn beide Führer irren in einer ganz anderen, viel wichtigeren Information – dem Ort! Ziemlich wirr laufen wir erst mal zu Fuß an der im Führer beschriebenen Stelle rum und fragen auch Passanten, die aus einem nahe gelegenen Bürogebäude kommen, was aber überhaupt nicht fruchtet, da sie uns dahin schicken, wo wir schon waren.
In einem direkt vor Ort gelegenen Reisebüro fragen wir auch und dort weiß man sogar sofort Bescheid, sagt, dass die Visaverlängerung irgendwo ganz anders, kilometerweit entfernt, möglich sei, und malt uns extra eine Skizze auf, damit wir dort leicht hinfinden können. Das mag zwar guter Service sein, doch ehrlich gesagt können wir es nicht ganz glauben, denn die Führer behaupten da was ganz anderes.
Erst als einer der Passanten, die wir kurz zuvor gefragt haben, uns wieder über den Weg läuft und entgegen seiner Meinung von vor 10 Minuten nun behauptet, »Passeporte« gebe es in der Rodakistraße, fangen wir an, die Information vom Reisebüro zu glauben. Der Laden ist offenbar umgezogen und unser Führer zu alt.
Da das heute mit dem Visum also nichts mehr wird, gehen wir erst mal essen. Danach verbringen wir eine halbe Ewigkeit in einem Internetladen mit urlahmer Verbindung, gegenüber der jede V.90-Modemverbindung aus meinen Internetanfängen ein Traum war. Wenigstens funktioniert hier endlich mal USB 2.0 und ich kann die Homepage bestens updaten sowie alle angelaufenen Mails einigermaßen notdürftig – aber fit für den Rest der Reise – organisieren.
Um kurz nach vier rufen wir Setare an, eine Freundin von Manoosh, die hier in Isfahan studiert. Nach der üblichen, miserablen Mobilfunkkommunikation haben wir für sieben Uhr einen Termin mit ihr an der Si-o-se pol, der 33er Brücke. Wie die Iraner es eigentlich schaffen, mit ihrem Mobilfunkgerät zu telefonieren, ist ziemlich schleierhaft. Immer, wenn wir jemanden anrufen, verstehen wir kaum ein Wort dessen, was der Gesprächspartner zu melden hat, weil die Verbindung so dermaßen vorkriegszeitlich ist, dass nicht nur Wortfetzen, sondern ganze Teilsätze verschluckt werden. Nicht selten kommt auch erst gar keine Verbindung zu Stande. Man hat uns zwar gesagt, dass das an unserem billigen Netzbetreiber Irancell liegt und die anderen besser seien, doch schon allein weil viele Leute Irancell benutzen, bringt es wohl auch nicht allzu viel, wenn man sich selbst eine Karte von zum Beispiel TCI holt.
Bis zu unserer Verabredung latschen wir erstmals richtig durch die Innenstadt und verbleiben insbesondere einige Zeit am Imam Square, dem laut Reiseführer zweitgrößten Platz der Welt nach dem Tiananmenplatz in Peking. Wie diese Ordnung jedoch definiert ist, steht nicht dabei. Auf dem Platz gehen wir in ein Teehaus, welches eine Terrasse zum Sitzen anbietet. Natürlich ist das ein richtiger Tourischuppen, doch da wir draußen sowieso alleine sitzen, ist das egal und der Blick über den Platz entschädigt auch den nur etwas teureren Preis.
Um sieben treffen wir schließlich Setare und ihre Freundin Saba, die sie mitgebracht hat. Beide sind zwanzig Jahre alt und studieren Kunst an der hiesigen Universität. In dem Teeladen unter der Brücke, wo man direkt neben beziehungsweise auf dem Wasser sitzen kann und wir ja auch schon gestern Abend waren, diskutieren wir erst mal über das Übliche. So wie es sich anhört, sind die beiden ziemlich angepisst von der »Gefangenschaft« im Iran und wollen in Zukunft unbedingt das Land verlassen.
Das ist natürlich eine Steilvorlage für unsere übliche Aufklärung zu den wahren Verhältnissen in Europa, die es so oft gibt, wenn wir das Gefühl haben, jemand sieht in Europa das wahre Paradies. Erst wenn man klipp und klar von Arbeitslosigkeit, Armut, anderem Wetter, anderer Kultur, Ausländerfeindlichkeit und misslungenen Starts ins »neue Leben« anderer Emigranten erzählt, beginnen die Leute den einen oder anderen Vorzug des eigenen Landes und des Hierbleibens wahrzunehmen. So sehen die Gesichter der beiden nach einiger Zeit auch um einiges nachdenklicher aus als zu Beginn. Auswandern wollen sie trotzdem. Ist ja auch verständlich – sie wollen Freiheit. Doch der Preis für diese Freiheit ist meist höher als gedacht.
Zum Abendessen gehen wir in das Abbasi Hotel, ein Bonzenhotel, wo wir schon beim Eintreten abkassiert werden. Gut, dass die 12.000 Tuman für uns vier auf die Essensrechnung angerechnet werden können. Der kurze Rundgang im großen Hof des Hotels, mit viel Grün, einem Haufen Brunnen und natürlich vor allem unendlich vielen Touristen, lässt in mir wieder richtiges Pauschalurlaubsgefühl aufkommen, das jedoch schließlich im Abendessenbuffet gipfelt. Im Grunde ist es nicht teuer, denn für acht Dollar kann man hier vom Buffet essen, soviel mal will. Das Hotel beherbergt jedoch eine Hand voll Restaurants und jenes, in das wir ursprünglich gehen wollten, ist heute nur für eine geschlossene Gesellschaft zugänglich. Dort wäre es mit Sicherheit um einiges teurer geworden. Unser relativ billiges Buffet nutzen wir sodenn auch gleich mal aus, denn wir sind froh, dass wir außer dem mit Kebab hier, Kebab dort, Sandwich hier und Sandwich dort inzwischen recht eintönig anmutenden iranischen Essen auch mal wieder etwas anderes bekommen.
Den Rest des Abends verbringen wir zu Hause bei Setare, wobei auch noch zwei andere Freundinnen, einmal die Mitbewohnerin von Saba und noch eine andere Type vorbeikommen. Setare wohnt alleine in einer – wie soll man sagen? – richtigen Studentenbude, die für Münchner Verhältnisse jedoch ein ziemlicher Luxus ist. Mit zwei Zimmern, eigener Küche sowie natürlich WC und separater Dusche legen ihre Eltern aus Tehran 150 Dollar im Monat auf den Tisch. Dafür bekommt man in München so ungefähr gerade mal einen besseren Garagenstellplatz.
Der Abend verläuft ganz lustig, ist jedoch andererseits auch irgendwie langwierig, da eine richtige Beschäftigung fehlt und man in der großen Gruppe auch nicht versucht ist, in diverse Diskussionsthemen einzusteigen. Erschwerend kommen die kommunikativen Defizite hinzu. So ist Saba die einzige, die flüssiges Englisch zwar spricht, aber offenbar richtig große Probleme beim Verstehen hat. Das führt zu bisweilen richtig lustigen Situationen, da überraschenderweise Setare, die bei weitem nicht so gut spricht, viel mehr zu verstehen scheint und für Saba übersetzt. Ein sprachlicher Rundlauf sozusagen, die eine versteht und wiederholt auf Persisch, die andere spricht auf Englisch zurück.
Etwas unentschlossen nehmen wir schließlich doch die Offerte an, im Wohnzimmer auf zwei Matratzen zu schlafen. Ich hole wieder wie üblich mein Bettzeug, also Schlafsack, Decken und Pyjama, Robert nimmt hingegen das, was geboten wird. Für ihn ist es bis auf die Tage in Kish auch die erste Nacht außerhalb des Campers. Die vier Mädels schlafen hingegen allesamt im eigentlich viel zu kleinen Schlafzimmer, weshalb wir ein ziemlich schlechtes Gewissen haben. Aber was soll’s, nicht hier schlafen zu wollen wäre möglicherweise sogar noch unhöflicher.