Montag, 12. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Natanz, Isfahan
Die unerträglich werdende Hitze im Karren ist es, die mich gegen Mittag aufwachen lässt. Unser Pennplatz ist auch den ganzen Morgen lang recht ruhig geblieben, lediglich ein Auto kommt ab und an mal vorbei. Außerdem latschen zwei Typen aus dem Gebäude gegenüber hier in den Gebüschen der Umgebung mit irgendwelchem Bauernwerkzeug rum. Was sie machen, ist mir schleierhaft.
Wir fahren die zwei Kilometer zurück in das ach so riesige Zentrum von Natanz, um uns die Freitagsmoschee und irgendein Grab von nem Typen anzuschauen. Die Moschee ist mit ihrem hoch aufstrebenden Minarett schnell gefunden, das Grab, welches eigentlich auch dort sein soll, können wir hingegen nicht finden – oder noch besser: nicht als solches identifizieren. Außerdem soll hier inmitten von ein paar Hausruinen auch noch irgendein Feuertempel sein, doch da wir nicht wissen, was so ein Teil überhaupt ist, und geschweige denn, wie es aussieht, ist auch dieser Rundgang schnell und erfolglos beendet.
Es geht weiter nach Isfahan. Gute hundert Kilometer sind es noch bis dahin und eigentlich würde da keiner mit der Wimper zucken oder gar jammern, wenn er diese Strecke fahren müsste. Gibt man ihm aber unseren Camper in die Hand und lässt ihn streckenweise mit maximalen 60 km/h gegen den Wind ankämpfen oder mit 35 km/h – wohlgemerkt alles auf der Autobahn! – irgendwelche Steigungen hochkriechen, braucht er schon eine sehr große Portion Ruhe und Ausdauer, um die Geduld nicht zu verlieren oder zu verzweifeln. Dies nur zur Klarstellung dessen, was für uns läppische einhundert Kilometer für eine Bedeutung haben können.
Dass wir zusätzlich zu den langweiligen Stunden des Fahrens auch noch über 20 Minuten bei einer Tanke mitten im Abgasgestank wartender LKW darauf warten, endlich an der Reihe beim Diesel Tanken zu sein, macht’s auch nicht so viel besser. Manchmal wurden wir ja einfach vorgelassen, da wir letztendlich nicht mal ein Zehntel der Menge eines LKW tanken, doch heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns brav einzureihen. Würde das Warten nicht immer durch den lächerlichen Preis von einem Dollar für einen vollen Tank bestens belohnt werden, wäre es sicherlich nicht so leicht ertragbar. So aber mögen wir uns mal nicht beschweren. Für den Preis von einem Eurocent pro Liter warten wir doch gerne.
In Isfahan angekommen verschaffen wir uns einen ersten Eindruck, indem wir ein bisschen durch die Hauptstraße und über die Si-o-se Brücke laufen. Diese heißt so, nämlich »33« auf persisch, weil sie in 33 Bögen über den Fluss gespannt ist. Der Fluss mit den vielen wunderschönen Brücken scheint das Herz der Stadt zu bilden. So ist hier auch richtig viel Fußgängerbetrieb. Die einen sitzen einfach am Promenadenufer, die anderen in einem der vielen Bögen der Brücken, die im Grunde nichts anderes sind als ein kleines Separée, in dem man auch mal Händchen halten kann, ohne dass jemand was sagt.
Zum Mittagessen suchen wir erst ein Restaurant und landen in einem Bonzenschuppen. Über die extrem komische Restaurantkultur habe ich mich ja schon vor einigen Wochen in einem Bericht ausgelassen und ehrlich gesagt hat sich daran bis auf zwei Ausnahmen in Tehran und Qazvin auch nicht viel geändert. Heute jedoch schießt dieser Laden den Vogel ab, indem er uns über zwanzig Minuten sitzen lässt, ohne unsere Bestellung aufzunehmen. Und das nicht etwa, weil so viel los wäre, nein, der eine Kellner rückt die ganze Zeit extrem gelangweilt Stühle und Tische um ein paar Zentimeter nach links oder rechts, während die anderen gar nichts tun oder gar nicht erst zugegen sind. Komischerweise scheint die Devise zu gelten, dass je besser das Restaurant, desto mieser die Bedienung. Die miserable Haltung dieses Schuppens gegenüber seinen Kunden ist uns dann auch dermaßen zuwider, dass wir einfach unvermittelt wieder einen Abgang machen, denn hier scheint man uns ja sowieso nicht zu brauchen. Stattdessen suchen wir die nächstbeste Sandwichbude auf.
Nach dem Essen machen wir uns auf die Suche nach einer Wäscherei, Wasser und einem Pennplatz. Erstere ist recht schnell gefunden und wird unsere Sachen bis übermorgen fertig haben. Mit 22 Dollar ist sie sogar um ein Drittel billiger als der Laden in Qazvin, wo wir sogar weniger Zeug abgegeben haben. Wasser finden wir ebenfalls bei einer Tankstelle, wo man uns sehr freundlich behandelt und wir problemlos unsere 120 Liter der zwei Tanks voll kriegen können.
Mit dem Pennplatz sind wir jedoch erst mal auf der falschen Fährte, denn im RKH und auch von der Tourist Police haben wir die Info, dass man am Hotel Tourist Inn, weit südlich am Stadtrand und damit nicht gerade wenige Verkehrsminuten entfernt gelegen, campen könnte. Die Information ist für sich genommen nicht mal falsch, doch der nette Rezeptionist will uns doch glatt klar machen, dass das Campen im eigenen Auto ganze 10 Dollar (in Worten: zehn) pro Person kosten soll. Wohlgemerkt fürs Campen, nicht etwa für die Luxusbude des ganzen Schuppens. Da hat wohl jemand echt nen krassen Vogel!
Stattdessen fahren wir beidseitig den Fluss in östlicher Richtung ab und finden nicht gerade wenige Stellen, wo sich die Nacht sicher nicht schlecht verbringen lässt. Isfahan ist anscheinend voll mit Parkplätzen und noch voller mit öffentlichen Toiletten, sodass das Nächtigen wohl kein Problem werden dürfte. Sowieso haben die Iraner fast überall kostenlose öffentliche Toiletten. Da könnten sich manche Länder, darunter auch Deutschland, wo man in Innenstädten oft nicht mal schnell seinem Bedürfnis nachgehen kann, eine Scheibe abschneiden.
Zurück im Zentrum, zu dem wir die nordöstliche Flusspromenade entlang laufen, verbringen wir erst ein bisschen Zeit auf der Brücke und gehen dann billig und gut im Restaurant Sholeh essen. Danach spazieren wir durch den Park, durch den wir schon vor ein paar Stunden eine Runde gedreht haben. Da ist er im Abendlicht wirklich wunderschön, und offensichtlich ist er für die Isfahanis die Lunge Isfahans, neben dem Flussufer wohl der einzige Ort, wo sie mal richtig durchatmen können. Vielleicht sogar in mehr als nur dem wörtlichen Sinne.
Als wir wenig später unter der Brücke in einem Teeladen direkt am, ja fast schon im Wasser einen Tee zu uns nehmen, lernen wir Mohammed, einen – sagen wir mal: sehr liberalen – Journalisten kennen. Dass seine Zeitung der Zensur zum Opfer gefallen ist und er deshalb nun Klos putzt, ist nur eine seiner vielen Geschichten, die bezeugen, wie er die Islamische Republik zu untergraben versucht. In zehn Jahren gibt es keine Islamische Republik Iran mehr. Sagt zumindest er.
Wir nehmen ihn und seinen Freund mit in unser Auto, wo er unbedingt unsere Musik und unsere Filme kopieren will. Dabei sehen wir, dass er über seinen Laptop hinaus noch bestens mit Technik ausgerüstet ist. Der Typ hat echt alles dabei, vom USB-auf-PS2-Adapter bis hin zu SD-Karten, Speichersticks, Kabelverlängerungen und MP3-Playern. Von unserem EeePC ist er außerdem dermaßen begeistert, dass er uns eindringlich bittet, ihm einen zu organisieren, wenn wir zurück in Deutschland sind. Naja, mal schaun.
Interessant ist die Info, dass man mit der öffentlichen Nutzung eines Laptops scheinbar gehörig Probleme kriegen kann. So weigerte er sich einmal, in einem Hotel der oberen Kategorie (!) die Laptopnutzung einzustellen und landete dafür erst in Haft und schließlich vor Gericht. Auf welcher Grundlage ist zumindest uns jedoch nicht ganz klar – ihm aber wohl auch nicht.
Die ganze Kopiersession dauert für meine Begriffe recht lange und ist in meinen Augen auch recht überflüssig, sodass wir den Typen erst spät loswerden. In der Zwischenzeit ist unser Telefon zur voll ausgelasteten Schaltzentrale mutiert, denn teils im Minutentakt kommen nun SMS und ab und an müssen wir auch telefonieren. Ob das nun die Feri, die Akram, die Manoosh, irgendwelche Mustafa und Reza von gestern in Abyaneh, der Ali oder so ein in Dänemark lebender Iraner ist – der Funk steht nicht still.
Ach ja, und nicht zu vergessen irgendeine Type vom Park vorhin, der wir leider unsere Nummer gegeben haben und gar nicht mehr wissen, was wir mit ihren Drei-Wörter-SMS in Persinglisch und den ganzen Anklinglerln anstellen sollen. Von Manoosh haben wir hingegen die Nummer von einer Freundin hier in Isfahan bekommen, die zwar scheinbar wenig Englisch spricht, wo wir uns trotzdem einfach morgen mal melden werden.
Das Telefonbuch des Telefons wird mit Einträgen à la »A, Ali Teh Kashan«, »A, Feri«, »A, Ali Reza Qazvin«, »A, Hamid Schweden«, »A, Dayani Dänemark«, »A, Iman Teh Botschaft«, »A, Mr Achbu Said Police Qazvin«, »A, Mustafa Ahvaz«, »A, Setare (Manoosh) Isfahan«, »A, Matthias Sanaz« oder »A, Type Park Isfahan« jedoch recht unübersichtlich. 15 Einträge sind nun drin, alle mit einem »A« als Nachnamen, damit sie oben in der Liste auftauchen und später leicht rauszulöschen sind. Doch man bedenke: Das sind nur die, mit denen wir auch wirklich Kontakt haben, der Rest ist auf Zetteln schriftlich in unserer Dokumentenmappe am Start.
Bald können wir Verleger werden und ein gedrucktes Telefonbuch für iranische Mobilfunknummern herausgeben.