Mittwoch, 7. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Insel Kish, Tehran
Der Hotelmanager erlaubt uns zwar die Benutzung des Zimmers bis vier Uhr, doch da wir bis zu dieser Zeit wohl nicht zurück sein werden, lassen wir unsere gepackten Rucksäcke an der Rezeption zurück und ziehen los. Mit dem Taxi fahren wir zur unterirdischen Stadt, einem künstlich angelegten System aus Tunnels, welches einen Stadtcharakter aufweisen soll. Dort angekommen erzählt man uns jedoch erst mal, dass der Laden erst um halb vier, also zwei Stunden später aufmachen wird.
Der nette Taxifahrer, der extra noch gewartet hat, bringt uns deshalb einen Kilometer weiter zur antiken Stadt, einer Ausgrabung und Ruine einer etwa 800 Jahre alten Hafensiedlung auf Kish. Für denjenigen, der noch nie in seinem Leben eine Ausgrabung gesehen hat, mögen die paar Steine schon ganz interessant sein, ich persönlich finde sie schlichtweg scheiße. Das größte Manko ist, dass von den eh schon wenigen Überresten alle viel zu sehr und viel zu schlecht restauriert wurden, sodass das Areal eher den Charme eines Neubaus anstatt einen Ausgrabungscharakter vorzuweisen hat.
Schlau wie wir sind, sind wir in der größten Tageshitze natürlich mal wieder ohne Wasser unterwegs und zu kaufen gibt es hier genauso wenig, wie wir dabei haben. Die zwei Stunden kriegen wir jedoch besser rum als gedacht, nicht etwa an den langweiligen Ruinen, sondern vorwiegend ein paar hundert Meter weiter vorne an der Küste, wo es auch ein paar überdachte Sitzgelegenheiten gibt. Zum Rumlaufen benutze ich hingegen einfach mein Handtuch als Hijab und lerne somit auch einen Vorteil dieser Kopfbedeckung kennen.
Auf dem Weg zur unterirdischen Stadt kommen wir an einer riesigen Zisterne vorbei, die mit ihren beiden zylinderförmigen, vielleicht 10 Meter hohen Becken wirklich beeindruckend ist. Das Beste an der Geschichte ist nämlich, dass die beiden »Hallen« von außen aus mit einem Treppenabgang erreichbar sind. Wasser haben diese Becken anscheinend aber schon lange nicht mehr gesehen, wahrscheinlich dienen sie jetzt nur noch dazu, Touris durchzuschleusen. Wind gibt es hingegen genug, denn dafür sorgen neben den offenen Bögen am oberen Rand auch die vier Windtürme, die voll in die Bauten integriert sind und den Wind über diverse Löcher auf mehreren Ebenen in die beiden Räume führen.
Als wir um halb vier schließlich die unterirdische Stadt besuchen können, sind wir ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Man hatte uns zwar schon vorgewarnt, dass der Laden noch lange nicht fertig sein würde, doch angesichts des dreist teuren Eintritts von 20.000 Rial pro Kopf ist diese Baustelle ihr Geld nicht unbedingt wert.
Mich würde außerdem mal interessieren, wie man bitteschön auf die Idee kommt, so etwas machen zu wollen. Diese Stadt besteht aus einem System zahlreicher unterirdischer Tunnel, in denen teils sogar Wasserläufe integriert sind, kleine Seen existieren und folglich auch Brücken und Übergänge vorhanden sind. An der einen oder anderen Stelle gibt es außerdem Zugang zu einem auf eine Art Hof blickenden Balkon, wobei dieser Hof auch halb geflutet ist und zwei Wasservogelviecher beherbergt, ein schönes und ein extrem hässliches.
Wenn die ganze Chose irgendwann mal fertig sein sollte, wird sie sicher ganz nett sein, im Moment sind die Tunnel jedoch meist total nackt und höchstens die Beleuchtung sowie die Wandfarbe und -beschaffenheit deuten darauf hin, dass man sich nicht in den Gangwirren irgendeines Bürogebäudes verirrt hat.
Wieder an der Oberfläche laufen wir hundert Meter vor zur Hauptstraße und nehmen uns ein Taxi. Diesmal fahren wir mit einem gelben anstatt einem weißen und der Fahrpreis ist wirklich deutlich billiger, da das mit den gelben so läuft, wie wir es aus Tehran mit den Paykans gewohnt sind: Anhalten, Ziel nennen und ggf. zu den bereits drin sitzenden Fahrgästen einsteigen. Unser Ziel ist das so genannte Stadtzentrum, denn wir wollen – wie könnte es auch anders sein – zu unserem Kiosk und unserem Strand.
Hier verbringen wir schließlich unsere letzten freien Stunden auf Kish genau so, wie wir auch die restliche Zeit in den letzten drei Tagen schon verbracht haben: Baden und am Kiosk rumhocken. Und selbstredend sind Matthias und Sanaz auch heute wieder am Start, denn deren Flug geht eine Stunde nach unserem, um neun Uhr. Nasma und Hamid sind hingegen schon heute früh zurück geflogen.
Um halb sieben nehmen wir uns direkt vom Strand ein Taxi zum Flughafen, machen jedoch einen kleinen Zwischenstopp im Hotel, um unser Gepäck abzuholen. Vor dem Flughafen packe ich dann nochmal meinen Rucksack für die Reise fertig um, da wir bis gerade ja noch in Sandalen rumgelatscht sind und das Badezeug, wie in den letzten Tagen immer, in einer Tüte dabei haben.
Beim Suchen nach unserem Check-in-Schalter werden wir nicht so recht fündig, sodass wir uns an die Information wenden. »Mister, Eram Air flight is cancelled! Too much problems!« Na danke, prost! Auf Anweisung der Information wenden wir uns mit unserem Problem an den Terminal Manager, der sein Büro direkt hinter einer offenen Tür zur Wartehalle hat und uns wiederum an einen anderen, überhaupt nicht Englisch sprechenden Typen weiterverweist, der sich um uns kümmert. Von dem bekomme ich kurz darauf ein Handy ans Ohr gedrückt und ein extra zum Übersetzen angerufener Hosh fragt mich, ob wir heute um neun oder morgen um vier Uhr nachmittags fliegen wollen.
Wir entscheiden uns für neun, denn nun sind wir schon mal da und die Stunde mehr ist auch nicht so schlimm. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die uns das Hotel für eine weitere Nacht bezahlen würden, wenn sie uns auch heute noch einen Rückflug anbieten. So will es der Zufall, dass wir Matze & Co. nicht nur kurz tschüss sagen, als sie ankommen, sondern gleich mit ihnen warten und fliegen können.
Unser heutiges Muster auf dem Saha Airlines Flug von Kish nach Tehran ist eine richtig geile Boeing 707, die mich total an Filme aus den siebziger Jahren erinnert. Es sind die vielen Details, die zusammen ein komplett anderes Gesamtbild ergeben, als man es heute von einem modernen Flugzeug kennt. Schon allein die Tatsache, dass das Handgepäck nicht in verschließbaren Fächern verstaut werden kann, sondern einfach offen und ohne jegliche Sicherung wie im Zug oder Bus auf eine Ablage über den Köpfen gelegt wird, lässt sofort ungewohnte Flugstimmung aus dem zwanzigsten Jahrhundert aufkommen.
Als ich von der mich so sehr faszinierenden Innenkabine während des Fluges ein Foto machen will, kommt sofort der Purser auf mich zu und untersagt es mir. Dazu gibt er durch die Jetzt-bekommst-du-Haue-Handbewegung zu verstehen, dass ich eigentlich mit noch viel mehr Stress, wie zum Beispiel der Abnahme der Kamera, zu rechnen hätte, wenn er jetzt nicht gerade seinen gnädigen Tag und ich keinen Ausländerbonus hätte. Mit ihrem Fotografierverbot aus angeblichen Sicherheitsgründen auf zivilen Linienflügen haben die Iraner irgendwie echt einen Hau.
Der Anflug auf Tehran ist neben der 707 das Highlight des Fluges, denn das Lichtermeer der 15-Millionen-Stadt ist einfach atemberaubend. Außerdem ist der Blick für jemanden, der nur gewohnt ist, auf europäische oder zumindest auf westliche Art gebaute Städte zuzufliegen, etwas völlig Neues. Allein deswegen sollte man sich schon einen Flug buchen, zur Not einfach ins Nirvana und zurück.
In Tehran nimmt uns Sanaz' Vater mit zu der Stelle, wo wir unseren Karren geparkt haben. Wir laden sie und Matthias auch noch zur Besichtigung desselben ein und vor allem er ist durchaus fasziniert von dem Gefährt und freut sich augenscheinlich schon auf seine eigene Tour mit etwas Vergleichbarem. Schließlich verabschieden wir uns aber alle. Etwas schade ist es irgendwie schon, denn die beiden waren jetzt jeden Tag zugegen und eine willkommene Abwechslung, um mal wieder ohne Probleme und interessant kommunizieren zu können.
Wir sind noch nichtmal vom Parkplatz weggefahren, da merke ich schon, dass unsere Taschenlampe nicht mehr dort ist, wo ich sie vor drei Tagen gelassen hatte. Als auch die längere Suche und eine hoffnungslose Nachfrage bei einem Angestellten nichts bringt, ist klar, dass unsere Schadensliste dieses Urlaubes mal wieder erweitert werden muss. Irgendjemandem hat die Taschenlampe, die recht offen rumlag und mit etwa knapp 40 Euro auch der wohl teuerste, leicht mitnehmbare Gegenstand war, wohl etwas zu gut gefallen. Er hat sie eingesteckt. Dieses Arschloch!
Alles andere ist trotzdem noch da, egal ob die Festplatten, GPS oder sonstiger Technikkram. Die bittere Einsicht, dass die eh schon total behinderte und nervtötende Parkplatzsuche uns nur Negatives gebracht hat, belästigt mich nun für den Rest des Abends. Gefühlsmäßig wollte ich den Karren eh einfach in eines der besseren Wohnviertel im Norden stellen und dort ganz simpel an der Straße für drei Tage abgesperrt stehen lassen.
Aber jeder Tehrani meinte, wir sollten auf einen Parking gehen und sonen Shit. Etwas widerwillig haben wir es deswegen gemacht und noch viel widerwilliger haben wir dann auch den Schlüssel abgegeben, obwohl wir das eigentlich nicht geplant hatten. Doch was hätten wir machen sollen? Noch weitere Ewigkeiten rumfahren und dann unseren Flug verpassen? Fakt ist, dass das Teil weg ist und, wie auch schon beim Telefon vor 10 Tagen, weniger das Geld stört als der Aufwand des Wiederbesorgens und das Fehlen auf der restlichen Reise.
Die nächste schlechte Nachricht am Abend ist, dass unser geplantes Treffen mit Nasma und Hamid nicht mehr klappt, da sie unerwartet in Karaj waren und erst spät nach Tehran zurückkehren werden. Schade, hätte mich jetzt schon noch sehr gefreut. Stattdessen suchen wir uns im Nordwesten der Stadt einen Schlafplatz und werden auf über 1.700 Metern am Hang fündig. Der schöne Ausblick auf ein Teil des Tehraner Lichtermeers ist zwar nicht so toll wie vorhin beim Anflug, kann sich als Schlafzimmerpanoramablick jedoch sicherlich sehen lassen.