Sonntag, 4. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran, Insel Kish
Für heute Morgen hatten wir uns den Wecker gestellt und so stehen wir sage und schreibe schon um neun Uhr auf, denn wir wollen endlich eine Entscheidung über unser weiteres Vorgehen. Dazu müssen wir jedoch in ein Reisebüro – wohlgemerkt während (!) der Öffnungszeiten – und falls wir weiter nach Qom fahren sollten, wäre spätes Aufstehen auch nicht unbedingt förderlich.
Direkt auf der gegenüberliegenden Seite der Shariati ist dann auch in Windeseile ein Reisebüro gefunden, weit weg von der Reisebüroansammlung im Süden, die wir ja gestern zu spät aufgesucht haben. Der Boss von dem Laden spricht überraschenderweise extrem gutes Englisch und kann uns auch sogleich weiterhelfen. Heute Abend um 17 Uhr 30 wäre noch ein Flug nach Kish frei, zurück könnten wir zum Beispiel am Mittwochvormittag oder spät abends um acht.
Die Insel Kish ist eine wenige Quadratkilometer große Insel im Persischen Golf, die sozusagen nichts anderes ist als ein Urlaubsressort für Iraner, Emiratler, Shopper und Visabeantrager. Es gibt im Grunde nichts außer Hotels und Einkaufszentren, da Kish eine zollfreie Zone ist und viele Touristen nur zum zollfreien, billigen Einkaufen kommen. Wer nicht zum Geldausgeben kommt, den locken wahrscheinlich die Strände und das pisswarme Wasser dorthin. Die iranischen Gesetze müssen zwar natürlich eingehalten werden, also aus »stinknormalem« Baden von Männlein und Weiblein wird nichts, aber es soll mindestens genauso locker zugehen wie in Tehran. Und dann gibt es da noch die Visaleute, denn Kish ist visafrei zu besuchen. Zum einen jene, die sich auf Kish ein Visum für das iranische Festland besorgen wollen, zum anderen aber auch viele illegale Gastarbeiter aus Dubai, die alle drei Monate ausreisen müssen, um ein neues Touristenvisum zu bekommen. Da liegt Kish natürlich sehr nahe.
Wir entscheiden uns jedenfalls dafür, die Tickets zu kaufen, heute Abend Hinflug und am Mittwochabend zurück. Nachdem eine Angestellte in etwas längerer Prozedur telefonisch die Flüge gebucht sowie uns handschriftlich die Tickets erstellt hat und wir zusammen etwa 90 Euro in Rial hingeblättert haben, spazieren wir wieder hinaus zum Camper.
Er kann nun losgehen, unser Urlaub vom Urlaub. Ist ja sonst auf Dauer schon recht anstrengend, das ständige Rumreisen.
Von Urlaub kann hingegen noch keine Rede sein, als wir einen Parkplatz für unseren Karren suchen. Von »anstrengend« dafür umso mehr. Manooshs Eltern meinten, wir sollten nicht dort stehen bleiben, wo wir bis jetzt standen, da sie auch von anderen Nachbarn angesprochen wurden, was denn der rostige Karren dort mache. Wir suchen deshalb erst mal einen Park-and-Ride-Platz auf, wo uns jedoch gesagt wird, dass nur iranische Autos erlaubt seien und wir deshalb weitergeschickt werden. Im Tehraner Stau geht es weiter zu einer anderen Stelle, wo an einer Straße entlang mehrere Parkplätze, die zu so etwas wie einer Messe zu gehören scheinen, aneinandergereiht sind. Auch hier bietet sich jedoch dasselbe Bild: wir werden ständig weitergeschickt. Dass wir auf der Straße immer nur etwa 10 Meter pro Minute vorankommen, macht die Sache nicht viel besser.
Einer der letzten Parkplätze nimmt uns dann doch, wenn auch erst, nachdem ich mit dem Wächter länger versucht habe zu diskutieren und sich auch noch ein Dritter für uns stark gemacht hat. Das bringt uns jedoch nicht viel, denn als ich ihm schließlich offenbare, dass wir die Kiste dort vier Tage stehen lassen wollen, müssen wir wieder abdampfen. Wir sollten es am Platz gegenüber bei einer Waschanlage versuchen.
Wegen der baulich getrennten Fahrtrichtungen der Straße müssen wir erst mal zäh um das halbe Quartier kurven, um dort anzukommen, noch dazu bietet sich dann aber an Ort und Stelle dasselbe Bild: Alles voll! Hier lassen wir jedoch nicht locker, und nach etwa 20 Minuten des Diskutierens und Umparkens anderer Fahrzeuge tut sich ein kleines Plätzchen für uns auf, wo wir den Camper die vier Tage lassen können. Über den Preis wissen wir nicht Bescheid und wollen auch gar nicht fragen. Genauso wenig gefällt es uns, dass wir den Schlüssel abgeben müssen, damit das Teil ggf. umgeparkt werden kann. Doch was anderes bleibt uns eh nicht übrig, denn in dreieinhalb Stunden geht am anderen Ende der Stadt unser Flug und wir wollen noch ein bisschen was essen und Geld tauschen.
Mit der U-Bahn fahren wir in Richtung Süden und laufen, vollbepackt mit unseren Rucksäcken, dann noch bis zum uns inzwischen gut bekannten Ferdowsi Square, wo wir uns gleich mal einen Döner geben. Geld tauschen geht hier ja auch bestens, also verwandeln wir einhundert europäische Sesterze in unzählbar viele iranische Rial. Mal schauen, ob es für Kish reicht.
Da es für den Besuch eines Internetcafés schon etwas zu spät scheint, machen wir uns per Bus auf den Weg zum Busbahnhof, welcher in der Nähe des Flughafens am Azadi Square liegt. Jener Platz, wo das Wahrzeichen Tehrans, ein interessant geschwungenes, bogenhaftes Gebäude, steht. Er ist schnell erreicht. Von dort nehmen wir noch ein Taxi zum Flughafen und löhnen mit 2.000 Tuman unsere bisher teuerste Taxifahrt in Tehran.
Das Terminal 4 für Inlandsflüge des Merhabad Flughafens schaut letztendlich aus wie auch an jedem anderen durchschnittlichen Flughafen. Mit Flachbildschirmen und allem möglichen sonstigen Pipapo schaut es genauso modern aus. Iranisch ist dann allerdings, dass aus der Pseudowarteschlange einfach jemand kommentarlos an Robert vorbeizieht und sein Ticket über den Schalter reicht, nachdem (!) ich bereits eingecheckt habe und Robert gerade sein Ticket rausholt, um es dem Check-in-Typen zu geben. Selbst wenn er blind ist, muss er verstanden haben, dass wir zusammen gehören, und unter diesen Umständen finde ich das wirklich dreist!
Lustigerweise gibt es hier sogar freies Wlan, weswegen wir mit dem PDA endlich mal die Homepage aktualisieren können. Seit zwei Wochen hat sich da nichts getan, da im Internetcafé in Qasvin der USB-Port der Schrottkiste nicht funktioniert hat und ich beim Besuch des Internetladens in Tehran die SD-Karte aus dem Laptop vergessen hatte. Naja, so gibt es jetzt wieder viel zu lesen und viele Koordinaten anzusehen.
Der Typ vom Reisebüro hatte zwar schon erwähnt, dass es gegebenenfalls etwas später werden könnte, doch die Zeit, die wir hier dann warten, sprengt alle unsere Befürchtungen: Über zwei Stunden hat unser Flug Verspätung. Alle anderen Ziele gehen pünktlich raus – Shiraz, Mahshad, Kermanshah, Kerman, Rasht, einfach alles ist pünktlich – nur Kish nicht. Dass wir zudem etwas mehr als eine Stunde vor Abflugszeit schon am Flughafen waren, macht das Warten auch nicht kürzer, denn wie wir mitkriegen, hätten 25 Minuten wohl genauso gut gereicht.
Robert vertreibt sich das Warten mit dem Lesen des Buches »Der weiße Dampfer«, von dem er ungefähr so begeistert scheint wie von Erdbeeren, doch das kommt halt davon, wenn man beim Raussuchen aus dem Regal nichtmal den Umschlagtext liest. Ich beobachte hingegen stundenlang die Leute in der vollen Wartehalle, was übrigens bei weitem nicht so langweilig ist, wie es sich vielleicht anhört.
Irgendwann geht es dann endlich los, auf Wiedersehen Tehran. Am Gate gibt es nicht etwa einen Computer oder auch nur irgendein Gerät, welches mit Strom betrieben wird, sondern lediglich ein großes Panel, in das man etwas reinstecken kann. Ein dort stehender Typ reißt von unseren Bordkarten, die übrigens nicht viel mehr sind als Werbezettel mit drei Abrissstreifen, auf denen jeweils eine Nummer notiert ist, einen solchen Streifen ab und steckt ihn in das Panel an die Stelle der entsprechenden Nummer. Über diese Art der Kontrolle, ob alle da sind, würde sich ein deutscher Flughafenangestellter wahrscheinlich tagelang lustig machen. Da wir übrigens beide eine Nummer unter zehn haben, merken wir, wie verdammt früh wir da waren, denn die hundert anderen Leute müssen alle nach uns zum Check-in gekommen sein.
Als wir mit dem Bus die Maschine auf dem Vorfeld erreichen, gibt es aber auch für uns was zu lachen. Zwei Meter hinter dem Bugrad kniet ein Typ auf dem Boden, neben ihm ein Spritkanister, wie wir ihn auch auf dem Dach unseres Campers haben. Und was macht der? Er pumpt! Eine offenbar anstrengende Handpumpe bedienend pumpt der gute Typ den Inhalt des Kanisters über einen Schlauch in die Maschine. Na, das geht ja gut los.
Unser Muster ist eine Tupolev 154, betrieben von der iranischen Fluggesellschaft Eram Air. Wahrscheinlich zu besten Sowjetzeiten produziert, fliegen wir, wie übrigens auch fast der ganze Rest der iranischen Gesellschaften, mit einer Maschine, die selbst die Russen längst abgeschrieben und ausgemustert haben. Wegen des Embargos können jedoch iranische Gesellschaften nicht einfach mal neues Fluggerät bestellen, sondern müssen auf diese alten Kisten zurückgreifen. Aber für einen Flugpreis von 25 Euro kann man eigentlich eh nur erwarten, dass die Kiste überhaupt fliegt und einen – hoffentlich – sicher ans Ziel bringt.
Drinnen ist es so eng, wie man es von einer richtig schön sparenden europäischen Billigfluggesellschaft gewohnt ist, nur dass alles offensichtlich uralt ist. Ist der eine oder andere Sitz kaputt, wird er natürlich trotzdem weiter drin gelassen. Ein Wunder, dass es überhaupt an allen Plätzen Anschnallgurte zu geben scheint, wenn es auch nicht immer die gleichen sind. Die Leuchtschilder und Reihenbeschriftungen sind außerdem alle in Kyrillisch und Englisch, wobei die meisten der Ersteren offensichtlich unprofessionell mit Persisch überklebt wurden, sodass jetzt bei angeschaltetem Leuchtzeichen das Kyrillische durchscheint und eigentlich keines der beiden mehr richtig zu lesen ist.
Es gibt sogar Essen auf dem Flug. Eine Packung Pistazien, ein ätzendes Sandwich, das ich nach einem Bissen lieber sein lasse, aber auch einen netten Schokoriegel sowie einen Orangensaft und eine heiße Tasse Tee. Das Wasser, das die Flugbegleiter aus den Flaschen der Marke Damavand ausschenken, füllen sie jedoch einfach immer am Wasserhahn in der Küche nach. Da Robert am Gang sitzt und wir in Reihe 11 genau gegenüber dem Eingang zur Küche platziert sind, können wir das sehen. Genauso wie die Tatsache, dass auf allen Kisten, die dort rumstehen, noch Hammer und Sichel eingraviert sind.
In Kish angekommen kriegen wir erst mal einen Temperaturschock. Auch um zehn Uhr abends hat es noch über dreißig Grad, es ist verdammt feucht und man riecht förmlich die Meeresluft. Von einem Taxi lassen wir uns zu einem recht billigen Hotel fahren, lassen die Sachen dort und gehen zu Fuß in knappen zehn Minuten vor zum Strand, wo wir uns nach der Begehung des riesigen Piers an eine Art Strandbar setzen.
Erst um Mitternacht füllt es sich hier richtig und viele Familien, Pärchen und Freundesgruppen sitzen entweder auf dem Sand, an fest installierten Sitzgruppen oder neben uns an den Stühlen und Tischen des Kiosks. Die meisten Leute scheinen aus Tehran zu sein, nur ganz wenige sind für uns erkennbar nicht Iraner, sondern eher Araber.
Als zum wiederholten Male die Musik ausgeht und Robert etwas von »Stromausfall« sagt, dreht sich drei Tische weiter jemand um und ruft uns »Schöne Grüße aus Deutschland!« zu. Wir lernen Matthias und seine iranische Frau Sanaz aus Tehran kennen, die zusammen in einem Kaff bei Siegen wohnen und hier auch gerade Urlaub vom Urlaub machen. Der 34-jährige und die 28-jährige haben sich per Zufall übers Internet kennen gelernt, ohne dass sie auf Partnersuche waren. Angefangen hat alles mit dem SkypeMe-Modus und dem Bedürfnis, das eigene Englisch aufzubessern, geendet hat es mit einer Heirat in İstanbul. Es ist eine höchst interessante und stellenweise doch absurde Geschichte, die wir da zu hören kriegen.
Um zwei Uhr nachts ist es immer noch so drückend heiß, wie ich es um diese Zeit bisher noch nie erlebt habe. Ist ja auch mein bisher südlichster Punkt. Wenn es in Deutschland um zwölf Uhr mittags auch nur annährend so warm wäre, wie hier um zwei Uhr nachts, wäre das einer der besten Tage des Jahres, und abends in den Nachrichten würden wohl Berichte über die ach so große Hitzewelle gesendet werden. Wir gehen jetzt hingegen ins Bett und freuen uns auf einen ausgiebigen Badetag morgen.