Kasbah am Oued Drâa etwas südlich von Agdz, Marokko (03.09.2006)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Freitag, 2. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Robert und ich wachen heute fast gleichzeitig auf – um zwölf Uhr irgendwas. Am Funk kommt eine SMS von Manoosh an, dass es zu Hause irgendwelche Probleme gäbe und wir deshalb erst später loskämen. Da ich unter diesen Umständen erst mal keine Lust habe, dort aufzukreuzen, mache ich einen kleinen »Morgen«-Spaziergang die Shariatistraße entlang und gehe in jenem Kino, vor dem wir schon an unserem ersten Tehraner Abend kurz gehalten hatten, aufs Klo. (Erst zurück in Deutschland werde ich erfahren, dass das Farhang-Kino das bekannteste Irans ist und als einziges offizielles Tehraner Kino auch ausländische Filme zeigt. Und ich gehe dort scheißen!) Als ich zurückkomme, ist Robert offensichtlich schon beim Duschen. Weil er angerufen wurde, wie ich später erfahren werde.

Nach dem Frühstück fahren wir zu einer »Charity« in der brasilianischen Botschaft. Eine Botschafts-Charity ist jedoch offenbar nichts anderes als eine Tehraner Party, denn abgesehen von den mit viel Ramsch aus Leiteinamerika bestückten Verkaufsständen erinnert im Botschaftsgarten eher wenig an eine Wohltätigkeitsveranstaltung.

Losgehen tut es damit schon beim Eingang, wo eine Art Latinotürsteher rumsteht und man irgendner Type seinen Namen sagen muss, damit dieser mit einer – wer weiß schon wie gewissenhaft geführten – Gästeliste abgeglichen werden kann. Erleichtert man seine Hosentaschen dann noch um 15.000 Rial im Wert von einem Euro, ist man auch schon drin.

Im Garten überrascht sofort all das, von dessen Existenz man vor lauter iranischem Alltag schon gar nicht mehr weiß: Frauen ohne Hijab, die meisten in komplett westlichen, oft engen Klamotten, viele extrem aufgebrezelt. Dazu laute Westmucke, die man im ganzen Viertel hören muss, tanzende Leute, und wer Arm in Arm rumstehen will, macht das auch. Willkommen in der Freiheit – adieu Islamische Republik!

Das Partyleben der pulsierenden Hauptstadtmetropole Tehran wird anscheinend organisiert von den Botschaften anderer Länder. Mehrmals im Jahr gibt es auf dem Gelände diverser Botschaften solche Veranstaltungen, so zum Beispiel neben der brasilianischen auch in der italienischen, der deutschen, irgendeiner afrikanischen und weiteren. Meist mit einem Aufhänger, wie heute beispielsweise der »Mercado Latinoamericano«, also eine Art Spendenflohmarkt mit Latinokrempel.

Auf dem Botschaftsgelände haben Achmadinedschad und Konsorten nichts zu sagen. Die Polizei ist machtlos, steht gerade mal vor dem Ausgang und kontrolliert, dass spätestens beim Betreten der öffentlichen Straße auch jeder wieder zurück zu seinen Sitten gefunden hat, wie wir beim Verlassen der Botschaft schmunzelnd bemerken.

Mit dem Betreten des Geländes lässt man hingegen alle islamischen Ordnungen und Wirren hinter sich, nimmt sich eine Auszeit von den strikten Regeln, genießt eine Freiheit auf Zeit. »I just wanna breathe!« erklärt mir ein iranisches Mädel heute recht einfach. Die Menge derer, die atmen wollen, ist angesichts des komplett vollen Geländes auch ziemlich groß. Dazu kommen noch die, die den anderen beim Atmen zuschauen wollen, also iranische Jungs, die sich auf kopftuchfreie Häupter und andere Einblicke freuen, wobei ich von dieser Spezies heute nur sehr wenige Exemplare ausmachen konnte.

Die meisten Anwesenden sind Iraner und Latinos, eher wenige Leute sind offensichtliche Europäer. Zwar ist auch von ganz klein bis groß alles vertreten, viele Kinder rennen rum, doch ist die Hauptaltersgruppe, wie wohl kaum anders zu erwarten, zwischen 20 und 35 anzusiedeln. Zwischenrein gibt es sogar Animation und Spiele für die Kleinen. So muss jemand in einer etwas modifizierten Version von Topfschlagen mit einer Keule einen an einem Faden aufgehängten Gegenstand von dort runterholen. Moderiert wird das Ganze von einer Type, die in ihrem Nicht-Party-Leben genauso gut brasilianische Konsulin oder Putzfrau sein könnte. Man weiß es nicht, jedoch erfreuen sich die Spiele großer Zuschauerbeliebtheit.

Während Robert und Manoosh ihre eigenen Kreise über das Gelände ziehen, komme ich fast laufend ins Gespräch und muss dreimal erklären, dass ich nicht deutscher Diplomat bin. Alle gehen automatisch davon aus, dass man hier in Tehran wohnt, da man sich als Tourist eigentlich nicht hierher oder überhaupt erst mal auf die Gästeliste verirren kann. Der bzw. eher die eine oder andere ist dann auch etwas enttäuscht, wenn man nach längerem Gespräch bei der Nachfrage nach der Telefonnummer erklärt, dass man in ein paar Tagen die Stadt wieder verlässt.

Die Veranstaltung ist um kurz nach vier leider schon an ihrem Ende und der Rasen der Botschaft sieht entsprechend mitgenommen aus. Im wasserlosen Schwimmbecken ist zwar lediglich eine Plastikflasche zu finden, die Wiese ist jedoch an Müll übersät, auch Blumentöpfe sind umgeschmissen, Hecken und anderes Grünzeug teils komplett plattgetrampelt. Ist eine Botschaft sonst ein respektables und gepflegtes, nicht zu betretendes Gelände, weht in Tehran offenbar ein anderer Wind. Gerne würde ich wissen, ob es so was auch woanders gibt.

Abgesehen davon würde mich auch noch interessieren, was zum einen die Nachbarn im Quartier dazu sagen, zum anderen auch die Spaßverderberbotschaften. Denn ich glaube kaum, dass in der saudiarabischen Vertretung der Bär steppt. Und würde der Lonely Planet bei Tehran unter dem Punkt Nightclubs nicht nur den Satz »Dream on!« schreiben, sondern auch das Embassyclubbing mit Dj MC Diplo erwähnen, könnte er die nicht vorhandene amerikanische Botschaft wohl auch auf die Liste der Spaßbremsen setzen.

Wäre jeden Tag so eine Veranstaltung, könnte ich hier jedenfalls bestens meinen ganzen Urlaub verbringen. Wer wollte dann schon alte Steine in Persepolis?

Nach der – haha! – Charity fahren wir wieder zum Gelände des Schahpalastes, wo heute eine Fotoausstellung eröffnet wird, mit der irgendwelche Freunde von Manoosh etwas zu tun haben. Die Fotos sind meiner Ansicht nach auch wirklich sehenswert, doch schließlich breche ich meine Tour zwecks Labern ab. Nebst einer Type aus dem Englischkurs, die vorgestern Geburtstag hatte, ist auch eine Iranerin da, die seit anderthalb Jahren in Mailand studiert und gerade hier zu Besuch ist. Da tut es gut, endlich mal wieder ohne Vokabelknappheit mit jemandem hier reden zu können.

Mit der Type aus dem Kurs, ihrem Freund sowie einem anderen Typen, einem 15-jährigen, den wir auch schon am Evansee kennen gelernt haben, fahren wir an die wahrscheinlich höchste Stelle Tehrans, von der man einige Kilometer zu einem Aussichtspunkt latschen kann, von dem es wiederum eine Seilbahn noch höher auf den Berg hinauf gibt. Schon während des Gehens ist die Aussicht schön, doch mit dieser müssen wir uns letztendlich dann auch begnügen, da wir recht schnell umkehren. Zum einen muss der eine Typ zurück, um jemanden zu besuchen, zum anderen finde ich es saukalt. Als wir heute Mittag raus sind, war eigentlich geplant, zwischenrein nochmal nach Hause zu kommen, also hatte ich nichts weiter mitgenommen.

Zum Abendessen fahren wir in ein Fastfood-Restaurant einer amerikanischen Firma, das irgendwie sehr pseudo auf Italienisch tut und für meine Begriffe ziemlich ätzendes Essen anbietet. Ich hab zwar schon Schlimmeres als diese Lasagna gegessen, aber noch keine schlimmere Lasagna. Der Witz ist jedoch, dass die Bedienung hervorragend ist. Da müssen wir also erst mal in ein Fastfood mit Selbstbedienung (!) gehen, damit man sich erst- oder eigentlich zweitmalig im Iran richtig um uns kümmert.

Bis nach zwölf machen wir zusammen mit Mutter und Hund auch noch einen langen Abendspaziergang um das ganze Wohnviertel. Als wir vor der Apotheke sitzen und auf die Mutter warten, zeigen sich bestens die Gegensätze des Ladens: Eine Frau kommt heraus, der (sehr kleine) Hund dreht sich nach ihr um und macht einen vielleicht fünf Zentimeter langen Schritt in ihre Richtung. Daraufhin bekommt die Type eine halbe Herzattacke, verzieht das Gesicht, stottert irgendwas, stolpert auf den zwei Eingangstufen fast und verschwindet dann flugs terrorisiert in einem wartenden Auto. Hunde sind dem Islam nach unreine Tiere.

Ich schaffe es gerade noch, einen Kommentar über die Situation zu machen, da kommt die nächste, eine Frau fast gleichen Alters, gezielt auf den Hund zu und streichelt ihn so lange, bis sie ihn schließlich trotz ihrer komplett weißen Kleidung ganz auf den Arm nimmt und dem Anschein nach gar nicht mehr los lassen will. Mehr Gegensatz innerhalb von 30 Sekunden geht gar nicht.

Wieder im Camper besprechen Robert und ich schließlich noch das weitere Vorgehen auf der Reise. Wir wissen nicht so recht, was wir machen sollen. Das war jetzt unser fünfter Tag in Tehran und langsam sollten wir vielleicht mal weiter, wenn wir nicht allzu sehr in Zeitnot geraten wollen. Andererseits ist es hier halt schon toll, denn wenn man bedenkt, dass wir ein paar hundert Kilometer südlich in Qom wahrscheinlich kein einziges rausstehendes Haar mehr zu sehen bekommen, die vierfache Chador-Quote herrscht und keiner mehr Englisch spricht, zieht es uns nicht so wirklich weg aus Tehran.

Die Luft hier ist jedoch letztendlich raus. Sowohl was Manooshs Familie angeht, die wir jetzt eigentlich nicht länger belästigen wollen, als auch die Ideen, wie wir hier einen Nicht-Feiertag entsprechend unseren Vorstellungen verbringen können. Wenn wir also zum Beispiel die heute in einer Woche stattfindende, angeblich ganz große und tolle Party miterleben wollen, müssen wir entweder sinnvolle tehranische Beschäftigungen für die nächsten sechs Tage finden oder aber eine kleine Reise mit Bus, Zug oder Flugzeug irgendwohin unternehmen und dann wieder zurückkommen.

Nach unseren Zeitberechnungen können wir noch bis Shiraz fahren, gegebenenfalls Dubai mit dem Schiff von Bandar Abbas aus besuchen, auf der Rückfahrt einen kleinen Badeurlaub an der türkischen Südküste einlegen und trotz alledem bis Ende Juni zurück sein. Dennoch gäbe es noch so viele weitere Sachen, die wir machen könnten, und selbst von der jetzigen Entscheidung, ob wir nun übermorgen weiterfahren oder nicht, hängen schon wieder viele Dinge ab. Umgekehrt aber genauso, denn wenn wir keine Mehrfacheinreise bekommen, brauchen wir die Spare-Woche nicht für Dubai.

Manch einer mag es ein Luxusproblem nennen, aber wir sitzen hier in Tehran viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt in unserem Auto, am Tag 22 inmitten einer mehrmonatigen Reise und wissen vor lauter Optionen, Für und Wider überhaupt nicht, was wir machen sollen. Nur dass die Zeit nicht reichen wird, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.