Die guten Vorsätze von gestern Abend helfen nicht viel, denn ich stehe erst um zehn auf, Robert um halb zwölf und Manoosh irgendwann dazwischen. Wenigstens geht es mir wieder besser und ich kann wieder voll dabei sein.
Viel zum Dabeisein machen wir heute aber ehrlich gesagt gar nicht. Mit dem Taxi fahren wir zur Metrostation Mirdamad, der nördlichen Endhaltestelle der Linie 1, und nehmen dort die Metro in Richtung Süden. Das U-Bahn-Fahren läuft hier absolut gesittet ab und ist damit doch etwas anders, als ich erwartet hatte. Keiner redet laut, keiner drängelt, für Tickets stellt man sich brav in Reihe an, bei den Eingangsschranken versucht man es zumindest. Eine südländische Metrokultur, wie ich sie von manch anderen (europäischen) Städten kenne, ist das hier jedenfalls nicht. Die Metro selbst ist übrigens sehr modern, die Bahnhöfe sind blitzblank, nach Dreck muss man förmlich suchen und alles ist ansprechend, wenn auch ein bisschen dunkel gestaltet. Der einzige Punkt, der etwas an eine iranische Metro erinnert, ist der »Women only«-Wagen im hinteren Teil des Triebzugs. Aber selbst den gibt es auch in anderen Städten.
Die nächste Stunde verbringen wir – aus meiner Sicht stinklangweilig – in einem Einkaufszentrum, wo Robert in diversen Geschäften eine Jeans nach der anderen anprobiert, um sich eine zusätzliche Hose zuzulegen. Manoosh schaut auch kurz in den einen oder anderen Laden rein, aber um kurz nach zwei haben wir diesen Tagesordnungspunkt glücklicherweise hinter uns.
Weiter geht es in ein anscheinend bekanntes und gutes Restaurant, wo wir geschätzt anderthalb Stunden beim Essen hocken, wobei wir alle drei zu viel auf den Tellern haben und den Rest für den Hund Cheppeluh zu Hause mitnehmen. Es scheint hier selbst oder gerade in den besseren Restaurants absolut üblich zu sein, den nicht aufgegessenen Rest mitnehmen zu können. Man bekommt dafür von den Kellnern sogar extra kleine Plastikboxen zum Einpacken. Schlaue Sache eigentlich.
Den Golestan-Palast können wir leider nicht anschauen, man erklärt uns nämlich an der Pforte, er habe nur am Freitag und am Samstag offen. Also machen wir uns auf die Suche nach dem Nationalmuseum, was ohne LP oder RKH überraschenderweise trotz Farsi-Sprecherin nicht ganz einfach ist, da jeder auf der Straße Gefragte ein bisschen was anderes behauptet. Um fünf erreichen wir schließlich doch noch den Eingang, haben dann aber nur eine halbe Stunde Zeit, uns die ausgestellten Exponate anzuschauen, da das Museum um halb sechs schließt. Gott sei Dank ist es kein so überfüllter Laden wie manch anderes Nationalmuseum, wo man drei Tage für alles bräuchte, sondern ein überschaubare Auswahl der wohl interessantesten und besterhaltenen Stücke. Mich persönlich fasziniert so ein seit 1700 Jahren toter Typ, der in den 90ern in einer Salzmine gefunden und deshalb gut erhalten geblieben ist, am meisten.
Kurz nach dem Besuch des Museums müssen wir aus mir nicht ganz klaren Gründen schon wieder zurück nach Hause, was ich sehr schade finde. Wohl weil ich zwei Tage außer Gefecht war, würde ich jetzt gerne etwas mehr tun und zum Beispiel einfach die eine oder andere Hauptstraße ablaufen, aber stattdessen nehmen wir wieder die Metro gen Norden und fahren dann mit dem Bus zurück auf die Shariati, die große Straße nebenan. Naja, wenigstens habe ich heute den kompletten Tehraner ÖPNV kennen gelernt, den ich auch unbedingt sehen wollte.
Zum Abendessen haben Shole und Reza acht Freunde eingeladen, die wohl vorwiegend noch aus Studienzeiten stammen, folglich ist richtig was los und es macht Spaß, die Iraner endlich mal sich als richtige Südländer benehmend zu beobachten, wie man es sich von einer spanischen oder italienischen Familie vorstellt. Dass es dazu Alkohol gibt, wird offenbar als völlig normal angesehen. Und wir dachten noch, wir wären jetzt mal ein paar Monate abstinent. Eines der anwesenden Ehepaare wohnt seit 13 Jahren in Virginia und der sechsjährige Sohn ist ein typisch amerikanisches Kid, mit dem wir letztendlich aber sogar Spaß haben können, weil er sich einerseits bestens auf allerlei Verarschung einlässt und andererseits aber auf einmal etwas zu viel von seiner 19-jährigen Schwester erzählt. Seine Mutter schickt er hingegen mit einem simplen »Not your business! Not your business!!!« weg. Echt köstlich!
Die Gäste verlassen uns zwar »schon« um eins, doch durch dies und jenes wird es für uns nach drei Uhr, und ich komme mit meinem Geschreibsel sogar erst um halb fünf ins Bett. Auch wenn ich die Toilette diese Nacht wohl kaum brauchen werde, schlafe ich weiter im ersten Stock und Robert hält zwei Häuserblöcke weiter die Stellung im Camper. Inzwischen habe ich mir den Boden »meines« Zimmers sowieso schon persönlich eingerichtet und ich laufe im Dunkeln ohne anzustoßen durch zwei Türen genauso wie ich auch direkt ohne Wandabtasten den Lichtschalter finde. Das und die Tatsache, dass ich intuitiv schon schreibe, dass »die Gäste uns verlassen«, zeigt wohl am besten, dass wir – oder zumindest ich – uns wie zu Hause fühlen.
So langsam sollten wir aber auch mal darüber nachdenken, dass wir unsere aufgeschlagenen Zelte irgendwann wieder abbauen und unsere Reise fortsetzen. Maschad mit dem Nachtzug von hier aus zu besuchen haben wir inzwischen mangels allzu interessanter Dinge in Maschad und zwecks Zeitgewinns bereits aus dem Programm gestrichen. Jetzt hängt noch vieles davon ab, ob wir unser Visum auf Mehrfacheinreise umschreiben können, denn dann würden wir runter bis Bandar Abbas fahren, von dort die Fähre nach Dubai nehmen und dort ein oder zwei Tage verbringen. Da die entsprechende Behörde in Tehran jedoch absolut unfreundlich sein soll, werden wir wohl erst in Isfahan mehr wissen. Sollten wir überhaupt inshallah je dort hinkommen.