Si-o-se Pol in Isfahan, Iran (12.05.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
28. April 20084. Mai 2008

Dienstag, 29. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Die Nacht ist für mich recht ätzend, weil es dauernd aufs Klo geht. Morgens gibt es nach drei Tagen aber endlich mal wieder eine Dusche und ich habe das trügerische Gefühl, dass es mir besser geht.

Wir fahren zu dritt mit dem Taxi in einen Buchladen, wo wir uns ein Langenscheidt Deutsch-Persisch kaufen, weil der Kauderwelsch – das ist der Sprachführer vom Reise-Know-How-Verlag – vokabelmäßig ungefähr so tauglich ist wie eine Matheformelsammlung. Außerdem kaufen wir noch eine Tehrankarte, um uns nicht mehr mit dem schlechten Zeug in den Reiseführern rumschlagen zu müssen. Es sieht hier übrigens aus wie in jeder deutschen Buchhandlung und riecht auch genauso. Man könnte echt meinen, man sei im Hugendubel.

Als wir danach den Shahpalast besuchen, ist mein Kreislauf jedoch ziemlich am Ende. Tja, und der Camper mit seinen Kohletabletten ist nicht da. Auf einem Stuhl sitzend warte ich, bis die anderen zwei alles besichtigt haben, gehe auch noch in die nächsten zwei Museen auf demselben Areal mit, ohne groß zu verweilen und eher draußen zu warten, bis wir dann wegen mir wieder heimfahren.

Zu Hause gibt es für mich von Tante Shole, Manooshs Mutter, Reis mit Yoghurt und außerdem genau wie gestern jede Menge sonstiger guten Dinge wie Serumlösung sowie Tee. Um kurz vor drei lege ich mich bis sage und schreibe acht Uhr schlafen. Danach hocke ich ein paar Stunden unten mit Shole und Reza – dem Vater, der übrigens mehrfach fragt, ob ich nicht wirklich ein bisschen Vodka will und selbst mehrere Gläser davon trinkt – esse zu Abend, versuche mich in irgendwelchen persischen Wörtern und zeige ein paar Bilder aus Syrien, bis Robert und Manoosh wieder zurück sind. Die waren nämlich drei Stunden in Manooshs Englischkurs, wo ich liebend gerne hingegangen wäre, und danach noch mit Teilen des Kurses und anderen Leuten in einem Restaurant zum Abendessen.

Der Abend klingt damit aus, dass es mir endlich nicht nur vermeintlich, sondern auch wirklich besser geht und wir uns noch einen netten Schundfilm auf DVD reinziehen. The pacifier, alias »Der Babynator« auf Deutsch. Ganz nett, um ein bisserl zu lachen, übermorgen ist er aber wieder vergessen.

Wieder im eigenen Stockwerk gehe ich, wenn auch wegen des vielen Schlafes heute Nachmittag nicht besonders müde, um zwei zu Bett in der Hoffnung, dass morgen wieder alles einigermaßen normal ist. An die Bagger draußen habe ich mich jedenfalls bestens gewöhnt.

Mittwoch, 30. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Die guten Vorsätze von gestern Abend helfen nicht viel, denn ich stehe erst um zehn auf, Robert um halb zwölf und Manoosh irgendwann dazwischen. Wenigstens geht es mir wieder besser und ich kann wieder voll dabei sein.

Viel zum Dabeisein machen wir heute aber ehrlich gesagt gar nicht. Mit dem Taxi fahren wir zur Metrostation Mirdamad, der nördlichen Endhaltestelle der Linie 1, und nehmen dort die Metro in Richtung Süden. Das U-Bahn-Fahren läuft hier absolut gesittet ab und ist damit doch etwas anders, als ich erwartet hatte. Keiner redet laut, keiner drängelt, für Tickets stellt man sich brav in Reihe an, bei den Eingangsschranken versucht man es zumindest. Eine südländische Metrokultur, wie ich sie von manch anderen (europäischen) Städten kenne, ist das hier jedenfalls nicht. Die Metro selbst ist übrigens sehr modern, die Bahnhöfe sind blitzblank, nach Dreck muss man förmlich suchen und alles ist ansprechend, wenn auch ein bisschen dunkel gestaltet. Der einzige Punkt, der etwas an eine iranische Metro erinnert, ist der »Women only«-Wagen im hinteren Teil des Triebzugs. Aber selbst den gibt es auch in anderen Städten.

Die nächste Stunde verbringen wir – aus meiner Sicht stinklangweilig – in einem Einkaufszentrum, wo Robert in diversen Geschäften eine Jeans nach der anderen anprobiert, um sich eine zusätzliche Hose zuzulegen. Manoosh schaut auch kurz in den einen oder anderen Laden rein, aber um kurz nach zwei haben wir diesen Tagesordnungspunkt glücklicherweise hinter uns.

Weiter geht es in ein anscheinend bekanntes und gutes Restaurant, wo wir geschätzt anderthalb Stunden beim Essen hocken, wobei wir alle drei zu viel auf den Tellern haben und den Rest für den Hund Cheppeluh zu Hause mitnehmen. Es scheint hier selbst oder gerade in den besseren Restaurants absolut üblich zu sein, den nicht aufgegessenen Rest mitnehmen zu können. Man bekommt dafür von den Kellnern sogar extra kleine Plastikboxen zum Einpacken. Schlaue Sache eigentlich.

Den Golestan-Palast können wir leider nicht anschauen, man erklärt uns nämlich an der Pforte, er habe nur am Freitag und am Samstag offen. Also machen wir uns auf die Suche nach dem Nationalmuseum, was ohne LP oder RKH überraschenderweise trotz Farsi-Sprecherin nicht ganz einfach ist, da jeder auf der Straße Gefragte ein bisschen was anderes behauptet. Um fünf erreichen wir schließlich doch noch den Eingang, haben dann aber nur eine halbe Stunde Zeit, uns die ausgestellten Exponate anzuschauen, da das Museum um halb sechs schließt. Gott sei Dank ist es kein so überfüllter Laden wie manch anderes Nationalmuseum, wo man drei Tage für alles bräuchte, sondern ein überschaubare Auswahl der wohl interessantesten und besterhaltenen Stücke. Mich persönlich fasziniert so ein seit 1700 Jahren toter Typ, der in den 90ern in einer Salzmine gefunden und deshalb gut erhalten geblieben ist, am meisten.

Kurz nach dem Besuch des Museums müssen wir aus mir nicht ganz klaren Gründen schon wieder zurück nach Hause, was ich sehr schade finde. Wohl weil ich zwei Tage außer Gefecht war, würde ich jetzt gerne etwas mehr tun und zum Beispiel einfach die eine oder andere Hauptstraße ablaufen, aber stattdessen nehmen wir wieder die Metro gen Norden und fahren dann mit dem Bus zurück auf die Shariati, die große Straße nebenan. Naja, wenigstens habe ich heute den kompletten Tehraner ÖPNV kennen gelernt, den ich auch unbedingt sehen wollte.

Zum Abendessen haben Shole und Reza acht Freunde eingeladen, die wohl vorwiegend noch aus Studienzeiten stammen, folglich ist richtig was los und es macht Spaß, die Iraner endlich mal sich als richtige Südländer benehmend zu beobachten, wie man es sich von einer spanischen oder italienischen Familie vorstellt. Dass es dazu Alkohol gibt, wird offenbar als völlig normal angesehen. Und wir dachten noch, wir wären jetzt mal ein paar Monate abstinent. Eines der anwesenden Ehepaare wohnt seit 13 Jahren in Virginia und der sechsjährige Sohn ist ein typisch amerikanisches Kid, mit dem wir letztendlich aber sogar Spaß haben können, weil er sich einerseits bestens auf allerlei Verarschung einlässt und andererseits aber auf einmal etwas zu viel von seiner 19-jährigen Schwester erzählt. Seine Mutter schickt er hingegen mit einem simplen »Not your business! Not your business!!!« weg. Echt köstlich!

Die Gäste verlassen uns zwar »schon« um eins, doch durch dies und jenes wird es für uns nach drei Uhr, und ich komme mit meinem Geschreibsel sogar erst um halb fünf ins Bett. Auch wenn ich die Toilette diese Nacht wohl kaum brauchen werde, schlafe ich weiter im ersten Stock und Robert hält zwei Häuserblöcke weiter die Stellung im Camper. Inzwischen habe ich mir den Boden »meines« Zimmers sowieso schon persönlich eingerichtet und ich laufe im Dunkeln ohne anzustoßen durch zwei Türen genauso wie ich auch direkt ohne Wandabtasten den Lichtschalter finde. Das und die Tatsache, dass ich intuitiv schon schreibe, dass »die Gäste uns verlassen«, zeigt wohl am besten, dass wir – oder zumindest ich – uns wie zu Hause fühlen.

So langsam sollten wir aber auch mal darüber nachdenken, dass wir unsere aufgeschlagenen Zelte irgendwann wieder abbauen und unsere Reise fortsetzen. Maschad mit dem Nachtzug von hier aus zu besuchen haben wir inzwischen mangels allzu interessanter Dinge in Maschad und zwecks Zeitgewinns bereits aus dem Programm gestrichen. Jetzt hängt noch vieles davon ab, ob wir unser Visum auf Mehrfacheinreise umschreiben können, denn dann würden wir runter bis Bandar Abbas fahren, von dort die Fähre nach Dubai nehmen und dort ein oder zwei Tage verbringen. Da die entsprechende Behörde in Tehran jedoch absolut unfreundlich sein soll, werden wir wohl erst in Isfahan mehr wissen. Sollten wir überhaupt inshallah je dort hinkommen.

Donnerstag, 1. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Superspät trudele ich um zwölf im Erdgeschoss an, gerate in das Ende einer Art Hausputz. Danach pule und schneide ich über eine Stunde lang Bohnen, um mich irgendwie nützlich zu machen und ein bisschen Zeit rumzubringen. Teilweise sitzen wir zu viert, also Mutter, Vater, Tochter und ich mit den Bohnen um den Tisch. Sollte ich diese Arbeit bisher je in meinem Leben gemacht haben, dann wohl höchstens zwei Minuten. Hier kam sie mir jedenfalls recht gelegen, um gemütlich in den Tag zu starten, denn gut geschlafen habe ich irgendwie nicht und der Durchfallteufel hat auch schon wieder Oberhand bekommen.

Um halb zwei trudelt dann auch Robert ein, natürlich aber nicht, ohne vorher geweckt worden zu sein. Nur dass ich heute den Schlüssel und diese Aufgabe mal abgegeben habe, was sicher auch mal ganz lustig ist und für Abwechslung sorgt.

Nach dem Mittagessen lesen Robert und ich mal wieder Reiseführer, während Manoosh für ihren Englischtest lernt. Tehran hat natürlich viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, aber die wichtigsten haben wir entweder schon gesehen oder sie sind erst, wie zum Beispiel das Juwelenmuseum, ab nächsten Samstag wieder zu besichtigen. Um halb vier ist es dann aber trotzdem genug der Rumhockerei und des Wartens auf den Abend an einem unserer abgezählten Urlaubstage, weswegen Robert und ich einfach auf eigene Faust in den Süden der Stadt fahren.

Wie gestern nehmen wir wieder ein Taxi zur Mirdamad-Station und fahren von dort zu Station Taleqani. Dort befindet sich die ehemalige amerikanische Botschaft, das Gebäude, das zum Beginn der Islamischen Revolution für 444 Tage die Welt in Atem hielt. Hier wurden von November 1979 bis Januar 1981 die Angehörigen der US-Botschaft von revolutionären Studenten als Geiseln gehalten.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die Ereignisse dieses Gebäudes nicht allein die jüngere Geschichte des Landes, sondern sogar die des gesamten Nahen Ostens mitbestimmten. Im Jahre 1953 wurde hier in einem Bunker von der CIA der Putsch geplant, der die Regierung zum Sturz brachte. 25 Jahre war die US-Botschaft daraufhin ein wichtiger Stützpunkt des Shahs, und nicht zuletzt um einen erneuten Putsch während der Revolution zu unterbinden, wurde die Botschaft 1979 schließlich besetzt.

Heutzutage haben hier die Sepah-Milizen ihren Sitz, eine Hardlinergruppe, welche die Revolution verteidigen soll. Auf den Außenmauern entlang Taleqani sind dann auch etliche amerika- und israelfeindliche Gemälde zu sehen, welche den »Großen Satan« USA dämonisieren und nebst vielen Sprüchen zum Beispiel die Freiheitsstatue mit Totenschädel oder andere eingehende Abbildungen zeigen. Höchst interessant!

Genauso interessant geht es durch die geschäftige Ferdowsistraße weiter, wo wir auch einen Hundert-Euro-Schein in zigtausend Rialscheine verwandeln. Diesmal jedoch nicht bei einem Straßenwechsler, sondern in einem richtigen Wechselbüro. Die Anwesenheit der Wechsler, die sich offenbar immer nur um genau diese Büros scharen, um selbst schlechtere Kurse anzubieten und nach erfolgtem Umtausch selbst im Büro wieder zurückzuwechseln, hat uns überhaupt erst auf das Büro aufmerksam gemacht.

Nebst der britischen und der türkischen befindet sich etwas weiter unten in der Straße auch die deutsche Botschaft. Im Gegensatz zu den anderen beiden befindet sie sich in einem sehr schönen, hellweißen Gebäude, das von einem bestens gepflegten Garten umrahmt wird. Bei den Deutschen kann man außerdem einfach durch die Gitterstäbe schauen, während man bei den anderen froh sein darf, über die Mauer hinweg noch einen Teil des ersten Stocks sehen zu dürfen.

Naja, die Deutschen müssen hier wohl auch noch am wenigsten Angst haben. Es ist einfach toll, wenn wir den Iranern ihr bestes Grinsen auf das Gesicht zaubern, nur weil wir auf ihre Herkunftsfrage antworten, dass wir Deutsche sind. Die meisten belassen es bei »Germany is good!«, »Germany is the best!« oder einem simplen »I love you!!!«, manche gehen aber auch einen kleinen Schritt weiter und erklären »Iran and Germany are really good friends!« sowie »Iranians and Germans were really close together in the past.«. Nicht allzu wenigen ist das aber nicht genug und diese fangen mit der gemeinsamen arischen Rasse und ähnlichen Dingen an, die aber wenigstens ein klein wenig durchdachter klingen als das übliche »Hitler was good«, was wir oft in arabischen Ländern gehört haben.

Am Imam Khomeini Square ist unser Stadtrundgang dann auch schon wieder beendet. Mit Metro und Bus geht es wieder zurück nach Hause. Unsere Feuerprobe, allein im hiesigen ÖPNV zu überleben, haben wir bestens bestanden. War eigentlich kinderleicht, wenn man vorher gesehen hat, wie alles funktioniert. Das mit den Taxen funktioniert wie in Damaskus: man stellt sich an den Straßenrand und schreit in die verlangsamenden Autos sein Ziel rein. Wer anhält, ist bereit, einen mitzunehmen. Die anderen offensichtlich nicht. Metrofahren funktioniert hingegen wie überall sonst auch, doch beim Busfahren gibt es die eine oder andere Ausnahme. Zwar gibt es scheinbar diverse Busse, also auch solche, die man mit zuvor gekauften Tickets besteigt, doch gestern und heute waren wir in solchen, wo man seine Fahrt jeweils erst am Fahrtende beim Aussteigen in bar bezahlt.

Am Abend machen wir uns zusammen mit Golrokh, einer Freundin von Manoosh, in den Park Jamshidiyeh in den Norden Tehrans auf. Dafür bewegen wir zum ersten Mal seit über drei Tagen auch wieder den Camper, da der Peugeot nicht zur Verfügung steht. Der Park ist echt super. Abgesehen von der tollen Anlage und der beträchtlichen Größe ist vor allem die hoch oben am Berghang angesiedelte Lage sein wohl größter Pluspunkt. Von hier aus hat man eine atemberaubende Aussicht auf einen Großteil der 15-Millionen-Einwohner-Stadt Tehran, die wir jetzt zwar bei Nacht genießen dürfen, welche aber wohl auch tagsüber echt lohnen muss.

Wir essen zu Abend in einem am Hang gelegenen Restaurant, jedoch mangels Platz leider nicht auf der Terrasse. Es ist teuer, aber gut. Erst um zwei Uhr und nach vielen »My Dad’s gonna kill me!« von sowohl Manoosh wie auch Golrehg (keine Ahnung, wie ich den Namen in Latein transkribieren soll!) kommen wir wieder nach Hause und wir treten unsere Nacht im Camper an. Für mich erscheint es nach drei auswärtigen Nächten jedoch erst mal lästig, da das Bett nicht schon offen steht und ich erst mal kruschteln muss, um mich hinzulegen.

Freitag, 2. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Robert und ich wachen heute fast gleichzeitig auf – um zwölf Uhr irgendwas. Am Funk kommt eine SMS von Manoosh an, dass es zu Hause irgendwelche Probleme gäbe und wir deshalb erst später loskämen. Da ich unter diesen Umständen erst mal keine Lust habe, dort aufzukreuzen, mache ich einen kleinen »Morgen«-Spaziergang die Shariatistraße entlang und gehe in jenem Kino, vor dem wir schon an unserem ersten Tehraner Abend kurz gehalten hatten, aufs Klo. (Erst zurück in Deutschland werde ich erfahren, dass das Farhang-Kino das bekannteste Irans ist und als einziges offizielles Tehraner Kino auch ausländische Filme zeigt. Und ich gehe dort scheißen!) Als ich zurückkomme, ist Robert offensichtlich schon beim Duschen. Weil er angerufen wurde, wie ich später erfahren werde.

Nach dem Frühstück fahren wir zu einer »Charity« in der brasilianischen Botschaft. Eine Botschafts-Charity ist jedoch offenbar nichts anderes als eine Tehraner Party, denn abgesehen von den mit viel Ramsch aus Leiteinamerika bestückten Verkaufsständen erinnert im Botschaftsgarten eher wenig an eine Wohltätigkeitsveranstaltung.

Losgehen tut es damit schon beim Eingang, wo eine Art Latinotürsteher rumsteht und man irgendner Type seinen Namen sagen muss, damit dieser mit einer – wer weiß schon wie gewissenhaft geführten – Gästeliste abgeglichen werden kann. Erleichtert man seine Hosentaschen dann noch um 15.000 Rial im Wert von einem Euro, ist man auch schon drin.

Im Garten überrascht sofort all das, von dessen Existenz man vor lauter iranischem Alltag schon gar nicht mehr weiß: Frauen ohne Hijab, die meisten in komplett westlichen, oft engen Klamotten, viele extrem aufgebrezelt. Dazu laute Westmucke, die man im ganzen Viertel hören muss, tanzende Leute, und wer Arm in Arm rumstehen will, macht das auch. Willkommen in der Freiheit – adieu Islamische Republik!

Das Partyleben der pulsierenden Hauptstadtmetropole Tehran wird anscheinend organisiert von den Botschaften anderer Länder. Mehrmals im Jahr gibt es auf dem Gelände diverser Botschaften solche Veranstaltungen, so zum Beispiel neben der brasilianischen auch in der italienischen, der deutschen, irgendeiner afrikanischen und weiteren. Meist mit einem Aufhänger, wie heute beispielsweise der »Mercado Latinoamericano«, also eine Art Spendenflohmarkt mit Latinokrempel.

Auf dem Botschaftsgelände haben Achmadinedschad und Konsorten nichts zu sagen. Die Polizei ist machtlos, steht gerade mal vor dem Ausgang und kontrolliert, dass spätestens beim Betreten der öffentlichen Straße auch jeder wieder zurück zu seinen Sitten gefunden hat, wie wir beim Verlassen der Botschaft schmunzelnd bemerken.

Mit dem Betreten des Geländes lässt man hingegen alle islamischen Ordnungen und Wirren hinter sich, nimmt sich eine Auszeit von den strikten Regeln, genießt eine Freiheit auf Zeit. »I just wanna breathe!« erklärt mir ein iranisches Mädel heute recht einfach. Die Menge derer, die atmen wollen, ist angesichts des komplett vollen Geländes auch ziemlich groß. Dazu kommen noch die, die den anderen beim Atmen zuschauen wollen, also iranische Jungs, die sich auf kopftuchfreie Häupter und andere Einblicke freuen, wobei ich von dieser Spezies heute nur sehr wenige Exemplare ausmachen konnte.

Die meisten Anwesenden sind Iraner und Latinos, eher wenige Leute sind offensichtliche Europäer. Zwar ist auch von ganz klein bis groß alles vertreten, viele Kinder rennen rum, doch ist die Hauptaltersgruppe, wie wohl kaum anders zu erwarten, zwischen 20 und 35 anzusiedeln. Zwischenrein gibt es sogar Animation und Spiele für die Kleinen. So muss jemand in einer etwas modifizierten Version von Topfschlagen mit einer Keule einen an einem Faden aufgehängten Gegenstand von dort runterholen. Moderiert wird das Ganze von einer Type, die in ihrem Nicht-Party-Leben genauso gut brasilianische Konsulin oder Putzfrau sein könnte. Man weiß es nicht, jedoch erfreuen sich die Spiele großer Zuschauerbeliebtheit.

Während Robert und Manoosh ihre eigenen Kreise über das Gelände ziehen, komme ich fast laufend ins Gespräch und muss dreimal erklären, dass ich nicht deutscher Diplomat bin. Alle gehen automatisch davon aus, dass man hier in Tehran wohnt, da man sich als Tourist eigentlich nicht hierher oder überhaupt erst mal auf die Gästeliste verirren kann. Der bzw. eher die eine oder andere ist dann auch etwas enttäuscht, wenn man nach längerem Gespräch bei der Nachfrage nach der Telefonnummer erklärt, dass man in ein paar Tagen die Stadt wieder verlässt.

Die Veranstaltung ist um kurz nach vier leider schon an ihrem Ende und der Rasen der Botschaft sieht entsprechend mitgenommen aus. Im wasserlosen Schwimmbecken ist zwar lediglich eine Plastikflasche zu finden, die Wiese ist jedoch an Müll übersät, auch Blumentöpfe sind umgeschmissen, Hecken und anderes Grünzeug teils komplett plattgetrampelt. Ist eine Botschaft sonst ein respektables und gepflegtes, nicht zu betretendes Gelände, weht in Tehran offenbar ein anderer Wind. Gerne würde ich wissen, ob es so was auch woanders gibt.

Abgesehen davon würde mich auch noch interessieren, was zum einen die Nachbarn im Quartier dazu sagen, zum anderen auch die Spaßverderberbotschaften. Denn ich glaube kaum, dass in der saudiarabischen Vertretung der Bär steppt. Und würde der Lonely Planet bei Tehran unter dem Punkt Nightclubs nicht nur den Satz »Dream on!« schreiben, sondern auch das Embassyclubbing mit Dj MC Diplo erwähnen, könnte er die nicht vorhandene amerikanische Botschaft wohl auch auf die Liste der Spaßbremsen setzen.

Wäre jeden Tag so eine Veranstaltung, könnte ich hier jedenfalls bestens meinen ganzen Urlaub verbringen. Wer wollte dann schon alte Steine in Persepolis?

Nach der – haha! – Charity fahren wir wieder zum Gelände des Schahpalastes, wo heute eine Fotoausstellung eröffnet wird, mit der irgendwelche Freunde von Manoosh etwas zu tun haben. Die Fotos sind meiner Ansicht nach auch wirklich sehenswert, doch schließlich breche ich meine Tour zwecks Labern ab. Nebst einer Type aus dem Englischkurs, die vorgestern Geburtstag hatte, ist auch eine Iranerin da, die seit anderthalb Jahren in Mailand studiert und gerade hier zu Besuch ist. Da tut es gut, endlich mal wieder ohne Vokabelknappheit mit jemandem hier reden zu können.

Mit der Type aus dem Kurs, ihrem Freund sowie einem anderen Typen, einem 15-jährigen, den wir auch schon am Evansee kennen gelernt haben, fahren wir an die wahrscheinlich höchste Stelle Tehrans, von der man einige Kilometer zu einem Aussichtspunkt latschen kann, von dem es wiederum eine Seilbahn noch höher auf den Berg hinauf gibt. Schon während des Gehens ist die Aussicht schön, doch mit dieser müssen wir uns letztendlich dann auch begnügen, da wir recht schnell umkehren. Zum einen muss der eine Typ zurück, um jemanden zu besuchen, zum anderen finde ich es saukalt. Als wir heute Mittag raus sind, war eigentlich geplant, zwischenrein nochmal nach Hause zu kommen, also hatte ich nichts weiter mitgenommen.

Zum Abendessen fahren wir in ein Fastfood-Restaurant einer amerikanischen Firma, das irgendwie sehr pseudo auf Italienisch tut und für meine Begriffe ziemlich ätzendes Essen anbietet. Ich hab zwar schon Schlimmeres als diese Lasagna gegessen, aber noch keine schlimmere Lasagna. Der Witz ist jedoch, dass die Bedienung hervorragend ist. Da müssen wir also erst mal in ein Fastfood mit Selbstbedienung (!) gehen, damit man sich erst- oder eigentlich zweitmalig im Iran richtig um uns kümmert.

Bis nach zwölf machen wir zusammen mit Mutter und Hund auch noch einen langen Abendspaziergang um das ganze Wohnviertel. Als wir vor der Apotheke sitzen und auf die Mutter warten, zeigen sich bestens die Gegensätze des Ladens: Eine Frau kommt heraus, der (sehr kleine) Hund dreht sich nach ihr um und macht einen vielleicht fünf Zentimeter langen Schritt in ihre Richtung. Daraufhin bekommt die Type eine halbe Herzattacke, verzieht das Gesicht, stottert irgendwas, stolpert auf den zwei Eingangstufen fast und verschwindet dann flugs terrorisiert in einem wartenden Auto. Hunde sind dem Islam nach unreine Tiere.

Ich schaffe es gerade noch, einen Kommentar über die Situation zu machen, da kommt die nächste, eine Frau fast gleichen Alters, gezielt auf den Hund zu und streichelt ihn so lange, bis sie ihn schließlich trotz ihrer komplett weißen Kleidung ganz auf den Arm nimmt und dem Anschein nach gar nicht mehr los lassen will. Mehr Gegensatz innerhalb von 30 Sekunden geht gar nicht.

Wieder im Camper besprechen Robert und ich schließlich noch das weitere Vorgehen auf der Reise. Wir wissen nicht so recht, was wir machen sollen. Das war jetzt unser fünfter Tag in Tehran und langsam sollten wir vielleicht mal weiter, wenn wir nicht allzu sehr in Zeitnot geraten wollen. Andererseits ist es hier halt schon toll, denn wenn man bedenkt, dass wir ein paar hundert Kilometer südlich in Qom wahrscheinlich kein einziges rausstehendes Haar mehr zu sehen bekommen, die vierfache Chador-Quote herrscht und keiner mehr Englisch spricht, zieht es uns nicht so wirklich weg aus Tehran.

Die Luft hier ist jedoch letztendlich raus. Sowohl was Manooshs Familie angeht, die wir jetzt eigentlich nicht länger belästigen wollen, als auch die Ideen, wie wir hier einen Nicht-Feiertag entsprechend unseren Vorstellungen verbringen können. Wenn wir also zum Beispiel die heute in einer Woche stattfindende, angeblich ganz große und tolle Party miterleben wollen, müssen wir entweder sinnvolle tehranische Beschäftigungen für die nächsten sechs Tage finden oder aber eine kleine Reise mit Bus, Zug oder Flugzeug irgendwohin unternehmen und dann wieder zurückkommen.

Nach unseren Zeitberechnungen können wir noch bis Shiraz fahren, gegebenenfalls Dubai mit dem Schiff von Bandar Abbas aus besuchen, auf der Rückfahrt einen kleinen Badeurlaub an der türkischen Südküste einlegen und trotz alledem bis Ende Juni zurück sein. Dennoch gäbe es noch so viele weitere Sachen, die wir machen könnten, und selbst von der jetzigen Entscheidung, ob wir nun übermorgen weiterfahren oder nicht, hängen schon wieder viele Dinge ab. Umgekehrt aber genauso, denn wenn wir keine Mehrfacheinreise bekommen, brauchen wir die Spare-Woche nicht für Dubai.

Manch einer mag es ein Luxusproblem nennen, aber wir sitzen hier in Tehran viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt in unserem Auto, am Tag 22 inmitten einer mehrmonatigen Reise und wissen vor lauter Optionen, Für und Wider überhaupt nicht, was wir machen sollen. Nur dass die Zeit nicht reichen wird, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Samstag, 3. Mai 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Tehran

Heute stehen die Besichtigungen des Golestan-Palastes und des Juwelen-Museums sowie Besuche in einem Internetladen und einem Reisebüro an.

Zusammen mit Manoosh fahren wir wieder mit dem Taxi zur Metro. Den tollen Service von vorgestern, wo man uns direkt hingefahren hat – was wahrscheinlich ein Touribonus war – gibt es heute nicht. Die Taxis haben nämlich eigentlich feste Strecken und werden letztendlich ähnlich wie Busse benutzt. Daher heißt es umsteigen. In der Metro werden wir wie immer angesprochen, diesmal von einem älteren Iraner, der 18 Jahre in Philadelphia gelebt hat und unsere Reise im Sinne der Völkerverständigung total toll findet.

Im Golestan-Palast, eher ein Palastareal mit Hof und mehreren Bauten drum herum, befinden sich sechs Museen, von denen wir uns in der uns verbleibenden Stunde bis zur Schließung vier anschauen. Offensichtlich waren die Erbauer absolute Glitzerfans, denn überall glitzert oder spiegelt irgendetwas in den Räumen. Läuft man mit »auf unscharf gestellten« Augen ein paar Meter vor oder zurück, blitzt und blinkt es im ganzen Sehfeld auf. Spiegelglas überall.

Nach einem kleinen Sandwich zu Mittag im Einkaufszentrum, wo wir vor einigen Tagen schon waren, verlässt uns Manoosh, da sie zur Fotografievorlesung ihres Vaters muss. Wir laufen hingegen in Richtung Ferdowsistraße und werden dabei mal wieder gegrüßt, diesmal jedoch von etwas unüblicher Seite: Zwei Gefangene in Handschellen, die gerade von zwei Soldaten ziemlich lässig über die Straße geführt werden, richten ein freundliches, aber auch irgendwie erwartungsvolles »Hello« an uns.

Das Juwelenmuseum, direkt gegenüber der deutschen Botschaft gelegen, ist jeden seiner Eintrittsrials wert. Auch wer wenig für Schmuck übrig hat, wird sich hier beim Staunen über Luxus und krümelgroße Steinchen, mit denen man wahrscheinlich ein ganzes Haus am Meer inklusive Privatstrand kaufen kann, wiederfinden. Dachte ich noch, dass es im Golestanpalast viel glitzert, so kannte ich diesen Ort noch nicht. Mit seiner fast meterdicken Eintrittstür ist dieser unterirdische Tresor, durch den ja sogar Touristen geschleust werden können, ein ideales Set für Ocean’s 14 oder irgendwas dergleichen. Am liebsten würden wir auch ein paar kleine Diamanten in ein kleines schwarzes Säckchen füllen und damit herausspazieren.

Nach dem Museum besuchen wir das Pars Internet, ebenfalls in der Ferdowsistraße, um mehr über unsere Visafragen oder eventuelle Flüge nach Kish herauszufinden. Die Recherche fruchtet jedoch nicht allzu sehr. Zwar lesen wir, dass man schon ab 14 Tagen Aufenthalt die iranischen Nummernschilder abholen muss und wir deshalb darüber nochmal nachdenken sollten, doch die einzige wirklich gescheite neue Information, mit der wir aus dem Laden wir herausspazieren, ist der iranische Zugfahrplan als PDF. Sofern er überhaupt zuverlässig ist.

In der Straße, in der sich die ganzen Reisebüros befinden, müssen wir dann leider feststellen, dass diese allesamt schon geschlossen haben beziehungsweise uns nicht mehr bedienen können. Es ist zwar erst kurz vor sechs, doch es sieht so aus, als hätten die alle schon um vier Feierabend gemacht. Mit einem Flug morgen wird das dann also sicher nichts mehr, und auch über Visaänderungen sind wir nun keinen Deut schlauer.

Da irgendein Schauspieler gestorben ist, der, soweit wir das verstehen, auch ein Freund von Manoosh war, verbringen wir den Abend alleine zu Hause. Der Tod von dem Typen kommt sogar in den Nachrichten, aber was sie damit genau zu tun hat, checken wir erst mal nicht. Erst später erfahren wir, dass der Typ irgendwie ein Onkel ihres Ex-Freundes ist oder so was. Für uns gibt es hingegen sogar ein kleines Abendessen vor dem Fernseher, wo erst eine Carabinieri-Serie aus Italien läuft und später sogar iranische Nachrichten auf Englisch.

Den Camper müssen wir auch umparken, da sich eine Anwohnerin beschwert hat, als ich gerade den Laptop holte. Man könne über unsere Leiter auf unser Dach und von diesem mit nur wenig Aufwand auf ihren Balkon oder in eines ihrer Fenster gelangen. Ohne Punkt und Komma redete sie in persischer Sprache damit auf mich ein und gab erst wirklich Ruhe, als ich ihr sagte, dass wir heute noch umparken würden. Dass wir morgen oder übermorgen ganz wegfahren würden, wie ich mehrfach anbrachte, war ihr offenbar nicht genug. Nun ja, jedenfalls stehen wir deshalb jetzt 15 Meter weiter in der nächsten Querstraße.

28. April 20084. Mai 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.