Am Nordufer des Ichkeul-Sees, Tunesien (09.04.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Sonntag, 27. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Qazvin

Die Nacht ist warm, sehr warm. Von draußen hört man außerdem die Soldaten und einen Polizisten, der sich mitsamt Stuhl vor die Wache gesetzt hat, labern und lachen. Gegen sieben Uhr morgens klopft es erstmals am Fenster. Ich mache die Jalousie runter und erblicke den Boss der Nachtschicht, der mir mehr oder weniger ein Zeichen macht, dass wir hier weg sollen. Ich nicke, aber anstatt irgendwas zu unternehmen, lege ich mich sofort wieder ab und schlafe weiter.

Kurz darauf klopft es jedoch wieder, diesmal ist es der Iraner, vor dessen Laden wir gerade stehen. Jetzt muss also doch was unternommen werden und so fahre ich den Karren zwanzig Meter weiter auf einen Bezahlparkplatz, wo ich versuche, weiterzuschlafen.

Das wird jedoch nicht so richtig was, da es zwischenrein schon wieder klopft, ich weiß nicht von wem, und um kurz nach acht wieder der Soldat Wahid klopft und zu verstehen gibt, dass wir irgendwo hinfahren müssen. Schnell angezogen sind wir auch schon startbereit und fahren zu dritt, also mit dem Soldaten, los.

Wir erreichen ein Gebäude, bei dessen Betreten auf den Glastüren das iranische Wappen zusätzlich eine Waage trägt und vermuten deshalb mal, dass dies das Gerichtsgebäude ist. Mit absoluter Sicherheit werden wir das nicht rausfinden. Es gibt jedenfalls Personenkontrollen am Eingang, drinnen ist mächtig was los mit rumlaufenden, aber vor allem wartenden Iranern, insgesamt herrscht aber der Charme eines südländischen Bürogebäudes vor.

Die erste halbe Stunde verbringen wir mit Warten, dann führt uns Wahid jedoch in einen der vielen Räume, wo zumindest viele wie folgt aussehen: 25 Quadratmeter groß, auf einer Seite drei Pulte aus Holz, von denen das mittlere jeweils gegenüber den anderen beiden erhöht ist, auf der anderen Seite hingegen ein paar Stühle und zwei kleine Tische. Keine Ahnung, ob das ein Gerichtssaal ist, ob der Typ, der hinter dem großen Pult sitzt, gerade mal drüberschauen kann und somit ziemlich lächerlich aussieht, Richter ist und die Type neben ihm seine Beisitzerin, wir wissen gar nichts.

Man versucht uns ein paar Fragen zu stellen und wir versuchen sie zu beantworten, wobei wir Glück haben, dass der Soldat heute Nacht ja schon das meiste mitbekommen hat und somit schon selbst einiges klären kann. Sowieso haben er und seine Kollegen hier im mutmaßlichen Gerichtsgebäude eine komische Rolle. Neben den Bewachern und Kontrolleuren gibt es zum Beispiel ihn, der mit einem dicken Packen an Zetteln und Dokumenten durch die Gänge läuft und auf einem Zettel eine Art Fallliste vermerkt hat, wo er nach und nach die erledigten Zeilen herausstreicht. Während er rumläuft, wird er zudem alle drei Meter von irgendwelchen, zumeist wartenden, Personen aufgehalten, die sich von ihm gewisse Auskünfte zu erhoffen scheinen. Wieso diese Laufburschen- und Organisationsaufgabe von einem Soldaten erledigt wird, der in der Nacht zuvor noch das Polizeirevier bewacht hat, ist uns wirklich nicht ganz klar. Selbst wenn er nur irgendwas für das Revier erledigen sollte, ist es komisch, dass das nicht von einem Polizisten, sondern von ihm ausgeführt wird.

In diesem Saal kommt man jedenfalls zum Ergebnis, dass wir jetzt erst mal losziehen sollten, um eine neue SIM-Karte von Irancell zu kaufen. Verständlicherweise ist es ihnen wichtig, uns irgendwie erreichen zu können, falls das Gerät wider Erwarten wieder auftauchen sollte. Das Beste ist aber, dass die Leute hier auf dem Revier und im Gericht überhaupt kein Problem damit haben, dass wir im Iran keine feste Adresse, wie zum Beispiel ein Hotel oder Bekannte, nennen können. Für die Iraner lautet unsere Adresse ganz einfach »STA-DQ 130«, dazu kommt später noch unsere iranische Telefonnummer und damit hat sich die Sache. Ich möchte mal sehen, wie sich das deutsche Meldewesen freuen würde, wenn wir angeben würden, bei einer solchen Adresse wohnhaft zu sein.

Mit neuer SIM-Karte kehren wir also zum Gericht zurück, wo eigentlich nur noch die Nummer auf dem Polizeibericht ergänzt wird und der Möchtegern-Richter seinen Servus drunter setzt. Wahid führt uns dann noch in einige andere Räume, wo wir irgendwelche Leute begrüßen, uns insgesamt aber eher verloren vorkommen. Nach einer weiteren halben Stunde fahren wir mit Wahid zum Polizeirevier zurück, wo wir nochmal ne gute halbe Stunde in einem Büro im Keller verbringen. Keine Ahnung, was man dort, abgesehen vom Kopieren des Passes, macht. Als es dem Ende zugeht, fragen wir jedenfalls noch nach einem Bericht für eine etwaige Meldung an die Versicherung. Es dauert eine halbe Ewigkeit, vielleicht 15 Minuten, bis verstanden wird, was wir überhaupt wollen, und das Ergebnis ist die Wartezeit nicht mal richtig wert: Von einem A4-Blatt wird einfach ein Fünftel unten abgetrennt und der Soldat schreibt zwei, drei Zeilen auf Persisch, lässt so nen Oberbullen unterschreiben, holt sich woanders noch einen Stempel und händigt uns diesen Minizettel als Polizeibericht für Versicherung oder zum sonstigen Gebrauch aus. Na, gute Nacht.

Um vierzehn Uhr, also 15 Stunden nach erfolgtem Diebstahl, sind wir endlich fertig mit den bürokratischen Angelegenheiten. Es war nett, mal die ganze Prozedur durchzumachen, und die Leute waren alle wirklich sehr freundlich. Da das Ganze aber wohl sowieso nichts bringt, sollte man sich schon sehr gut überlegen, ob man die Polizei einschaltet, wenn man zum Beispiel recht bald weiterfahren will. Da wir unsere Wäsche eh erst um sieben abholen können und die ganze Chose ja doch recht interessant war, war es für uns aber echt ok.

Als wir die Stadtbesichtigung beginnen, treffen wir den 17-jährigen Studenten Ali Reza, der uns ein paar Stunden durch die Stadt führt und uns somit an den einen oder anderen Ort kommen lässt, von dessen Existenz wir entweder gar nicht erst gewusst hätten oder wo wir ohne sein Fragen gar nicht reingekommen wären.

Das meiner Meinung nach Beste ist der Besuch einer Mittelschule, wo wir sogar ein paar Minuten den Englischunterricht übernehmen. Das geschlossene Aufstehen, nur weil wir ins Klassenzimmer eintreten, bringt mich aber schon sehr in Verlegenheit. Mit dem Englischlehrer trinken wir während seiner Stunde im Büro außerdem gemütlich Tee und so verwundert es nicht, dass hier keiner Englisch kann. Selbst der Englischlehrer versteht viele unserer Vokabeln nicht und erzählt uns auch, dass man hier in nur zwei Jahren Lehrer werden kann.

Nachdem wir Ali Reza verabschiedet und unsere Wäsche abgeholt haben, geht es nach dem Essen zurück zum Kreisverkehr. Wir parken erst mal in einiger Entfernung und laufen vor, damit wir gegebenenfalls die Kinder von gestern aufspüren können, ohne mit dem Auto Aufsehen zu erregen, aber diese sind natürlich gar nicht da. Um zwölf geht es dann schließlich zum zweiten, nur fast dritten Male am Kreisverkehr total müde ins Bett.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.