Samstag, 26. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Evan-See, Alamut, Qazvin
Heute lernen wir in der Reihe »Neues aus dem Iran«: Auch in diesem Land gibt es Idioten.
Der Tag geht eigentlich wunderschön los. Abgesehen von den Fliegen, die mich schon um neun Uhr aus dem Schlaf reißen, ist alles wunderbar. Die Sonne scheint, es ist warm, 5 Meter vor uns ein Bergsee mit spiegelglatter Oberfläche, die die dahinter liegenden Berge messerscharf reflektiert, keine Menschenseele weit und breit. Mehr Urlaub kann eigentlich gar nicht sein.
In Badehose setze ich mich raus und muss zu meiner großen Überraschung nicht lange warten, bis Robert etwa eine halbe Stunde später selbstständig und nur von der zuvor vorbeigezogenen Schafherde geweckt aufsteht. Zusammen wird nochmal kurz gebadet, gemütlich sitzend und auf den See blickend getrocknet, schließlich wieder alles startklar gemacht. Wir wollen zur Alamut-Festung und dann möglichst noch heute wieder zurück nach Qazvin kommen.
Die 48 Kilometer Entfernung zur Festung bedeuten für uns bei diesen Serpentinenverhältnissen wohl zwei Stunden Fahrt. Es geht wirklich die ganze Zeit nur auf und ab und viel los ist hier sowieso nicht, da die Straße lediglich diese zwei oder drei Täler bedient, jedoch nicht weiterführt, sondern irgendwann aufhört. Der Routenbeschreibung des RKH folgend kommen wir ein paar Kilometer vor dem Ziel an eine Kreuzung, wo wir nicht genau wissen, wie es weitergeht.
Ein auf der Kreuzung stehender, mutmaßlicher Taxifahrer winkt uns zu sich und zeigt uns die Richtung, in die wir müssen. Überdies gibt er zu verstehen, dass wir die oide Omma – sieht zumindest wie 80 aus, ist wahrscheinlich gerade mal 50 oder so – die gerade aus seinem Karren ausgestiegen ist, in diese Richtung mitnehmen sollen. Wir haben ja normalerweise nichts gegen Anhalter und Mitfahrer, also nehmen wir die Type mit, obwohl uns der Typ eigentlich nichtmal gefragt hat, sondern in nicht allzu überschwänglich freundlicher Weise versucht hat, Tatsachen zu schaffen.
Ein paar Minuten später wird uns auch klar warum. Die Type, hinten auf der Bank und somit meinem Bett sitzend, kotzt mehrfach in eine mitgebrachte Tüte, welche jedoch undicht ist und deshalb ihrem Zweck nur unzureichend gerecht wird. Da wir die Omma nun auch nicht in der Pampa raushauen können oder wollen, vor allem da sie fast weint und auf den ersten Blick aussieht, als würde sie es jeden Moment ins Jenseits packen, nehmen wir sie noch weiter mit, auch wenn auf meinem Bettbezug inzwischen ein paar Flecken sind. Tote Leute am Straßerand brauchen wir heute nicht.
Acht Kilometer später, im nächsten Dorf, scheint sie noch nicht aussteigen zu wollen, doch uns, vorrangig mir, reicht es jetzt. Wir halten an, tun so, als würden wir länger bleiben und bitten auf jemand anderen, mit ihr zu reden, auch wenn wir den Inhalt nicht verstehen. Ergebnis ist, dass die Type aussteigt und auf dem Dorfplatz irgendwo hinläuft, während wir uns der wahren Bescherung dieser Tour bewusst werden: Die dumme Omma hat in mein Bett gepinkelt!
Ich bekomme den ersten Wutanfall dieser Reise, trete einmal gegen den Karren und setz mich erst mal ein paar Meter weiter auf eine Mauer, um wieder zur Ruhe zu kommen. Gegen die dumme Omma hab ich ja nichmal was, gerade dass sie die acht Kilometer überhaupt überlebt hat, jeder ist mal krank und bald ist sie vielleicht auch noch tot, aber gegen dieses Arschloch, das uns die Type reingesetzt hat, obwohl dieses Mistvieh genau gewusst haben muss, was Sache ist, habe ich sehr wohl etwas. Wenn ich diesen behinderten Typen nochmal zwischen die Finger bekommen sollte, kann er sich gleich mal auf seine Privatsteinigung nach allen Regeln der hiesigen Kunst vorbereiten. Ein dermaßen asoziales Pack ist mir echt schon lange nicht mehr untergekommen.
Nach der Erstbehandlung mit zwei Lappen und Wasser für die Matratze geht es in nur langsam besser werdender Laune hoch zur Festung. Ehrlich gesagt übersehen wir sie sogar erst und fahren in aufwändiger Weise noch ein paar hundert Höhenmeter höher, bis wir in einem Dorf, wo die Straße schließlich keine Straße mehr ist, merken, dass wir zu weit sind.
Wieder abwärts parken wir auf dem Vorplatz der Alamut Research Base, einem Gebäudekomplex, der so ausschaut, als wäre er die am besten gebaute Struktur im Umkreis von mindestens 50 Kilometern, und gehen einfach mal in den Hauptraum rein. Dort sitzen zwar gerade mehrere Leute beim Essen, doch als wir nicht so recht wissen, was wir sagen sollen, dreht sich ein blondes Mädel um und sagt »Ihr seid Deutsche, oder?«. Wie man sieht, hat die Iranerin von gestern Abend recht gehabt.
Nach kurzer Erklärung, wo es zu Fuß hoch zur Festung geht, machen wir uns auf den Weg. Viel zu sehen gibt es oben nicht. Die Vermessungen, Restaurationen und sonstigen Arbeiten, die man an so einer antiken Stätte macht, sind noch in vollem Gange und werden, wie wir später erfahren werden, es auch noch mindestens die nächsten zehn Jahre sein. Beeindruckender als die Reste der Festung ist eigentlich der herrliche Ausblick, den man über weite Teile des Tals hat, mit einer langen Kette schneebedeckter Berge in der Ferne.
Auf dem Rückweg zur Basis setzen wir uns noch kurz zu drei deutschen Jungs, von denen zwei, genau wie die zwei Mädels unten, gerade ihre Diplomarbeit schreiben. Insgesamt ist die Truppe einen Monat hier und jetzt ist gerade Halbzeit. Unten an der Basis labern wir auch noch ne Weile mit den anderen beiden, bevor wir es um viertel nach drei in Richtung Qazvin packen.
Nach drei Stunden nervtötender Serpentinen und wohl etwa 4.000 (in Worten: viertausend) überwundenen Höhenmetern erreichen wir Qazvin. Als erstes steuern wir den Wäscherei-Wegpunkt von gestern an, um unser Zeug abzugeben. Da es hier genau wie in Tunesien keine Waschsalons oder größere Wäschereien, sondern nur so kleine Ein-Mann-Reinigungen zu geben scheint, ist der Typ wohl erst mal nicht so begeistert über unser bunt gemischtes Repertoire vom Betttuch bis zur Socke und der Preis ist mit 30.000 Rial, also um die 30 US-Dollar, für hiesige Verhältnisse auch recht gesalzen. Morgen um dieselbe Zeit, am Abend um sieben, ist es fertig. Früher geht nicht. Das heißt, noch ein ganzer Tag in Qazvin für uns.
Mit zentral geparktem Karren machen wir uns zu Fuß auf den Weg durch die Hauptstraßen und kaufen auch eine hiesige SIM-Karte, da wir bemerkt haben, dass wir doch öfter iranische Nummern anrufen werden wollen. Auf den Straßen ist viel los, was das Laufen ja eigentlich erst interessant macht, da es mehr zu beobachten gibt. In einem mehr oder weniger bonzigen Restaurant essen wir wieder für 200.000 Rial, genau wie in Tabriz. Nur dass es heute um einiges mehr und besser war.
Die Preise hier sind eine sehr komische Angelegenheit. Manche Preise gehen mit der Inflation mit, andere nicht. So kommt es, dass zwischen gefühlsmäßig gleichwertigen Dingen erhebliche Preisunterschiede herrschen. Allein die Tatsache, dass neun Liter Trinkwasser so viel kostet wie 70 Liter Diesel, ist für sich genommen – zumindest noch – ziemlich absurd. Aber selbst für die gleichen Dinge sind die Preise manchmal sehr unterschiedlich. So liegt die Preisspanne unserer bisherigen Essen bei einem Minimum von 20.000 bis zu dessen Zehnfachem, 200.000 Rial. Zwei bis 20 Dollar. Das erste 200.000er Essen war aber nichtmal ne große Sache, wohingegen wir bei manch billigerem Essen viel besser satt geworden sind.
Um elf Uhr abends parken wir wieder an dem Kreisverkehr, wo wir auch vorgestern schon übernachtet haben. Es dauert nicht lange, wir sind eigentlich gerade erst nach hinten gegangen, da kommen mehrere Jungs im Alter um die 14 Jahre auf uns zu. Zwei der etwa sechs bis sieben Köpfe zählenden Gruppe haben wir gestern schon auf dem Motorrad gesehen, als wir das erste Mal zur Wäscherei fuhren. Hier reden jetzt alle durcheinander, sodass wir nach dem üblichen Begrüßungstamtam nicht mehr wirklich viel verstehen.
Die Jugendlichen bitten uns, das Licht im Camper an zu machen. Das ist soweit keine unübliche Sache, denn auch andere wollten unseren Camper besichtigen, jetzt ist es aber nun mal dunkel und man sieht deswegen nicht viel. Als dann jedoch zwei, ohne zu fragen, einfach einsteigen, einer sogar nach vorne geht und unsere Tüte mit Bananen holt, wird es uns zu viel. Den einen schmeiß ich gleich wieder raus, der andere muss erst mal von vorne zurück geholt werden. Während Robert im Camper sitzt, ich draußen einem ziemlich ernst klar mache, dass er eine Grenze überschritten hat, geht ein anderer nochmal rein und holt sich meine Brille, die er einfach aufsetzt, »Thank you« sagt und auf diese Weise einen Abgang machen will.
Ham die alle nen Schatten oder was? Ich halte den Typen fest und fange an, ihm den Arm umzudrehen, woraufhin er wenigstens ziemlich schnell die Brille wieder rausrückt. Auf Deutsch schicke ich die Gruppe weg, aber es sind in diesem Moment eh nur noch zwei da, da sich der Rest gerade verzieht. Der eine der beiden, dem das peinlich ist, oder der zumindest so tut, beschwichtigt den anderen, wir geben uns nochmal die Hand und dann entfernen sich die Typen endlich.
Es braucht nur eine knappe Minute, bis Robert das Fehlen seines Mobilfunkgeräts bemerkt, das er vor dem Besuch der Truppe links neben das Waschbecken, also gleich neben den Eingang, hingelegt hatte. Sofort steigen wir aus und machen uns auf die vergebliche Suche nach der Truppe. Nur aus dem Augenwinkel hatte ich die Richtung gesehen, in der sie sich verzogen haben, doch selbst nach Laufen um und durch den ganzen Kreisverkehr ist niemand von denen mehr zu sehen.
Wir fangen an, die Leute zu fragen, die ihre Autos in der Nähe von unserem stehen haben und Musik hören oder Tee trinken. Wir versuchen es wenigstens, denn die Verständigung klappt erst mal überhaupt nicht. Nur nach und nach machen wir uns mit der einen oder anderen Vokabel bezüglich Klauen, Dieben und ähnlichem vertraut. Keiner hat jedoch was gesehen – oder man versteht uns weiterhin nicht richtig.
Zwanzig Minuten sind inzwischen vergangen, es ist fast halb zwölf, als Robert eine vorbeifahrende Polizeistreife anhält. Die können natürlich genauso wenig Englisch und sitzen erst mal weitere 20 Minuten in ihrem Auto rum, während wir von draußen versuchen, ihnen klar zu machen, dass sie die umstehenden Leute fragen sollen. Als sie dann endlich mal zum Camper fahren, machen sie das jedoch auch nicht, sondern wollen die Geschichte nochmal direkt am Karren erklärt bekommen.
Danach geht es auf die andere Seite des Kreisverkehrs, gegenüber ist nämlich eine Minipolizeistation, soll heißen: Ein Container mit einem Schreibtisch, einem Funkgerät sowie einem Gaskocher und einer Kanne Tee. Der Laden ist besetzt von einem älteren, bärtigen Polizisten in voller Uniform, der Robert beim Warten erklärt: »My job is police!«. Na toll, darauf würde man ja sonst wirklich nicht kommen.
Wir warten etwa eine Viertelstunde, es taucht aber niemand mit Englisch auf. Stattdessen zwei andere Polizisten, mit denen wir im Bullenauto – übrigens fast alle nagelneue Mercedes, die sogar haargenau den deutschen Licht- und Lautsprecheraufbau haben – mit Blaulicht wieder einmal um den Kreisverkehr zurück zum Camper fahren. Nach nochmaliger Nachstellung des Geschehenen, nämlich dass die Typen ungewollt bei uns rein sind, wir sie davon abhalten wollten, und einer wohl die Gelegenheit erkannt hat, unbemerkt den Funk einzustecken, heißt es, wir sollen dem Polizeiwagen folgen und ein Polizist steigt bei uns ein.
Dem Wagen folgend geht es auf das Hauptpolizeirevier der Stadt Qasvin, wo wir die nächsten zwei Stunden bis nach zwei Uhr verbringen werden. Jemand fängt an, einen Bericht zu schreiben. Jeder meint auch, es sei eine tolle Idee, die gestohlene Nummer – Gott sei Dank nur unsere heute Abend erstandene iranische SIM-Karte – anzurufen, doch das Gerät ist natürlich längst ausgeschaltet worden.
Mit vier bis fünf Bullen und drei Soldaten, von denen Wahid mit seinen drei Brocken an unzusammenhängenden Wörtern noch das beste Englisch des Reviers spricht, hocken wir also da, trinken Tee und versuchen ab und zu, was zu fragen oder Fragen zu beantworten.
Irgendwann kommt die Seriennummer des Geräts ins Spiel. Soweit wir verstehen, wollen sie die erstens in den Bericht schreiben und zweitens morgen bei Irancell anrufen, um sie sperren zu lassen. Wie wir zwar morgen von anderen mitkriegen werden, geht das Sperren hier gar nicht, aber jetzt geht es also erst mal darum, die Nummer zu bekommen.
Gut, dass es in Deutschland zweieinhalb Stunden früher ist, denn ich tu meine o2-Karte ins Telefon und wir schreiben nach Deutschland, dass wir unter der Nummer des Polizeireviers angerufen werden wollen. Zehn Minuten später klingelt das Telefon und Robert erklärt seinem Bruder Lukas, dass er zu Hause sagen soll, dass hier jemand anruft. Kurz danach – der Revierchef geht immer dran, sagt nur ein Wort und reicht dann zu »Mr. Robert« rüber, das Ganze heute Abend viermal – ist Roberts Vater dran, der die Seriennummer auf der Rechnung raussucht und uns ein paar Minuten später per SMS und Telefon übermittelt.
Damit wäre für heute auch alles erledigt. Man gibt uns zu verstehen, dass es morgen irgendwie weitergeht und wir einfach vor dem Revier schlafen sollen. Den Vorschlag nehmen wir gerne an. Diebe werden hier wenigstens mit der Kalaschnikov verjagt.