Freitag, 25. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Qazvin, Evan-See
Am vierzehnten Morgen unserer Reise erwachen wir – wer mitgelesen hat, weiß es – an einem Kreisverkehr in Qazvin. Zwei Wochen sind wir nun unterwegs und fast die Hälfte der Tage davon auch schon im Iran, doch es fühlt sich anders an. Denke ich an die lange Anfahrt, die Erlebnisse in der Türkei und an Deutschland, kommt es mir länger vor, denke ich hingegen an all die Zeit, die noch kommen wird, kommt es mir vor, als seien wir vorgestern losgefahren. Fakt ist, die ersten zwei Wochen sind vorüber und es sind keine größeren Schäden außer ein paar Hautkratzern, einem Sonnenbrand auf Roberts rechtem Arm, zwei Löchern in meinem Kopfkissenbezug und dem Schlafsack, einer eingedellten und nicht mehr so leicht zu schließenden Hecktür am Camper, einer nicht festkleben wollenden Zierleiste an der Front, einer inzwischen jeden Tag spinnenden, da nicht mehr richtig trennenden Kupplung sowie quietschenden Bremsen und einem ab und zu nicht funktionierendern Bremskraftverstärker zu beklagen. Es kann also weitergehen.
Nachdem wir mal wieder eine Einladung zum Mittagessen ausgeschlagen haben, diesmal übrigens vom Gärtner des Kreisverkehres (ja, der hat nen eigenen Gärtner!), machen wir uns um zwölf Uhr als erstes auf die Suche nach einer Wäscherei. Hätten wir vorher mal auf die Uhr geschaut und gesehen, dass Freitag, also quasi Wochenende ist, hätten wir uns die Suche nach dem geschlossenen Laden wohl auch sparen können. So hingegen suchen und fragen wir uns eine halbe Stunde durch, um dann lediglich einen Waypoint zu setzen, den wir ja aber vielleicht morgen oder irgendwann sonst noch verwenden können. Dann hätte sich die Suche wenigstens gelohnt.
Nun ist der Weg frei für Alamut, wo wir die gleichnamigen Schlösser und davor noch einen kleinen See besuchen wollen. Die 85 Kilometer bis dahin würden wir normalerweise in etwa anderthalb Stunden zurücklegen, doch die längste gerade Strecke auf dem Weg ist ungefähr gefühlte drei Meter lang und die längste Strecke mit weniger als 10 % Steigung oder Gefälle ist gefühlsmäßig nichtmal existent. Das heißt, es geht hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter, erst mal auf 2360 Meter und wieder runter, dann wieder hoch, und natürlich wieder runter, und so weiter und so fort, das Ganze natürlich in ständigen Serpentinen und so steil, dass teils kilometerweise durchgehend nur die ersten zwei Gänge herhalten müssen.
So brauchen wir für die Strecke ungefähr das Doppelte der erwarteten Zeit. Dreißig Kilometer vor Alamut werden wir wie ständig auf dieser Strecke wieder von Leuten im überholenden Auto gegrüßt. Die drei Jungs und zwei Mädels halten jedoch ein paar hundert Meter weiter an und stellen sich vor. Sie wollen uns zum See begleiten und wir sollen hinterher fahren. Uns soll das so zwar recht sein, doch für sie wäre es besser, wenn sie vorfahren und wir nachkommen, da unser Auto so langsam auf den Bergstrecken ist. Dass sie diesen Hinweis nicht wahrnehmen wollen, bezahlen sie mit der wahrscheinlich langsamsten Fahrt ihres Lebens, die sie allein auf den paar Kilometern eine gute halbe Stunde mehr kostet.
Der Hammer ist jedoch, dass sie zwischendurch nochmal anhalten und – übrigens zum zweiten Mal – fragen, ob sie nicht vielleicht unseren Camper fahren sollten, damit es schneller geht. Die netten PKW-Jungs glauben also wirklich, dass wir nur langsam fahren, weil es uns an Fähigkeiten mangelt und wir vielleicht obendrein auf der Bergstrecke noch Angst haben. Ja also bitte! Meinen die echt, wir fahren 5.000 Kilometer von Deutschland hierher, hier nochmal doppelt so viel rum, das Ganze im iranischen Verkehr, und dann nochmal dieselbe Strecke zurück, obwohl wir Angst vorm Autofahren haben und unfähig sind? Das einzige, was mir in diesem Moment dazu einfällt, ist, dass die wohl einen kompletten Schatten haben müssen. Höchstwahrscheinlich wäre der Camper mit denen am Steuer nach 200 Metern im Graben, weil sie noch nie drei Tonnen ohne Servo gelenkt haben. Schneller würde es jedenfalls auf keinen Fall gehen, eher langsamer.
Als wir schließlich am See ankommen, bietet sich uns ein Bild absoluter Idylle. Inmitten von Bergen, auf denen teils sogar noch Schnee liegt, der glasklare See von vielleicht 350 Metern Durchmesser. In einiger Entfernung sieht man ein kleines Bergdorf, am gegenüberliegenden Ufer zwei kleine Häuser, ansonsten Natur, so weit das Auge reicht. Angesichts der totalen Abgelegenheit sind doch einige Leute hier, die meisten wie immer ein paar Meter entfernt von ihrem Auto auf ihrer Picknickdecke, andere stehen hingegen einfach rum und schauen ihren Kindern zu, wie sie die Füße ins Wasser halten. Baden tut niemand.
Ganz deutsch, wie wir nunmal (zumindest in diesem Moment) sind, packen wir unsere Ausrüstung aus: vier Stühle und ein Feldbett, damit wir uns zu siebt hinsetzen können, denn sitzen à la Iraner, noch dazu zu siebt, ist eigentlich nicht gerade so unser Geschmack. Wir erfahren, dass die drei Typen 31, 26 und 24 (oder so) sind, die beiden Mädels hingegen 22 und 19 und studieren, man glaubt es kaum, Informatik. Schade, dass mit denen und zwei von den Typen Unterhaltung nur auf Farsi möglich ist. Die Erstere ist übrigens die Freundin vom zweiteren, dieser ist wiederum Bruder des ersteren, der Rest ist Freundschaft. Alles gecheckt? Nein? Auch egal.
Man merkt deutlich, dass das hier eine richtig sittenfreie Zone ist, denn die meisten Leute sind weit lockerer drauf als normal. Dazu kommt, dass die meisten aus Tehran oder Umgebung kommen, hier also ihren Wochenendausflug machen. So verliert eine Frau zum Beispiel ihr Kopftuch, als sie von jemandem mit einem Wassereimer verfolgt wird, und schert sich erst mal gar nicht drum. Im Gegenteil, fast eine Minute rennt sie so noch weiter an allen möglichen Leuten vorbei, um sich erst nach Ende der »Verfolgungsjagd« wieder einzupacken. Woanders wäre das so nicht passiert.
Robert und ich wagen daher auch das einzig Richtige, was man an so einem See machen sollte: Wir baden. Groß ist die Aufmerksamkeit schon, als wir auf einmal mit Badehose am Rand stehen, doch als wir schließlich wirklich drin sind und schwimmen, schauen so gut wie alle Anwesenden auf die zwei komischen badenden Käuze aus dem Ausland. So beobachtet waren wir beim Baden mit Sicherheit noch nie. Allzu lange währt der Spaß jedoch nicht, denn das Wasser ist recht kalt und so geht es recht bald raus zum Trocknen. Rumstehen in Handtuch und Badehose – kein Problem.
Die Autotruppe muss wieder weg, weil sie um acht in Qazvin sein will. Natürlich lassen sie uns Telefonnummern und sonstigen Krempel da, sogar von dem einen Mädel gibt es für uns eine E-mail Adresse. Es dauert jedoch nicht lange, wir sind vielleicht gerade mal ein paar Minuten »alleine«, da kommen wir eh schon mit anderen Leuten ins Gespräch. Zum Beispiel unseren »Sitznachbarn«, zwei Typen und ihren Familien aus Qazvin, die sogar beide ein bisschen Deutsch können, weil sie es anscheinend für ihre Arbeit als Bauingenieure brauchen.
Aber auch sonst sind wir hier in keiner Hinsicht einsam. Mit nem zehnjährigen Mädel – interessanterweise noch ohne Hijab, was in dem Alter eigentlich nicht mehr normal ist – und seinen Eltern sowie den beiden Deutsch Sprechenden und der Frau von dem einen spiele ich recht lange Volleyball. Die beiden Frauen natürlich im kompletten Chador, wobei die eine aber Sportlehrerin und somit sowieso der beste »Mann« am Platz ist.
Kurz vor Sonnenuntergang, als das Licht am schönsten ist, kommen dann noch zwei Busse voll Tehraner Touris vorbei. Unter ihnen auch ein offenbar bekannter iranischer Schauspieler mitsamt seiner Entourage, die aus Frau, Nichten und Neffen sowie Pseudo-Nichten und Pseudo-Neffen besteht. Auf einmal findet somit auch privates Fotoshooting statt, da sowohl der Typ selbst Fotos von seinen Verwandten macht, aber erst recht auch alle anderen mit dem Typen fotografiert werden wollen. Logischerweise geraten wir da auch recht bald in die Aktion rein und schließlich wollen manche sogar nur von uns zusammen mit dem Typen ein Foto haben. Jetzt wissen wir, wie man sich auf dem Laufsteg oder dem roten Teppich vor irgendeiner Nonsense-Gala fühlen muss.
Sprachlich sind die Tehraner Touris auch bestens ausgerüstet, denn so gut wie alle können gutes Englisch, einer sogar ein bisschen Deutsch. Eine der Pseudo-Neffinen – bei der das Kopftuch nicht nur ein obsoletes Accessoire ist, wie bei einer anderen sehr eng gekleideten, wo es eigentlich nichts bedeckt – gibt uns ihre Nummer aus Tehran und wir sollen uns melden, wenn wir da sind. So langsam haben wir das Gefühl, ein Tehraner Telefonbuch herausgeben zu können.
Kaum ist die Sonne untergegangen, treten so gut wie alle den Heimweg an. Der, für hiesige Verhältnisse, blonden Zehnjährigen fällt es richtig schwer, Abschied zu nehmen. Die Familien der beiden Deutsch Sprechenden sind hingegen die letzten, die sich vom Acker machen, sodass wir alleine die Nacht antreten können.
Wir sitzen noch ein bisschen und machen nach Einbruch der Dunkelheit draußen ein Feuerchen und drinnen unseren Herd an. Spaghetti kochen. Währenddessen kommt nach einiger Zeit nochmal ein Auto vorbei und parkt direkt neben uns. Der erste Gedanke ist, dass es irgendwelche Ordnungshüter sind, die sich ob des Feuers mokieren wollen, doch es steigen zwei Jungs und zwei Mädels aus, von denen eine auf mein Salam gleich »Seid ihr Deutsche?« antwortet. Sie hat in Köln gelebt, ist 26 Jahre alt, spricht fließend Deutsch und ist jetzt wieder hier zurück, verheiratet mit einem Iraner.
Leider muss die Truppe schon nach einer Viertelstunde wieder abziehen, doch das Mädel – das genau wie das andere jetzt in der Dunkelheit hier bei uns komplett ohne Hijab rumläuft – berichtet uns noch von deutschen Studenten, die vorne bei der Festung Alamut sind, wo wir ja eh wohl morgen hinfahren werden.
Nach dem Essen sitzen wir noch zwei weitere Stunden beim Feuer und gehen endlich mal wieder ein klein bisschen früher, nämlich gegen ein Uhr, ins Bett. Es war ein wunderschöner Tag. Der vielleicht bisher beste.