Donnerstag, 24. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Chamkhaleh, Langarud, Lahijan, Rudbar, Qazvin
Man merkt, dass wir inzwischen nicht mehr die ganze Zeit auf tausenden von Metern weilen und dazu auch noch südlicher gekommen sind, denn heute ist der heißeste Morgen bisher. Ich sitze gerade gegenüber dem Camper auf einer Bank und tippe meinen Bericht, als zwei Autos direkt neben dem Karren parken. Mein erster Gedanke ist, dass die Typen wohl zu dumm sind, um auf dem großen und größtenteils freien Parkplatz eine andere Stelle zu suchen. Aus dem einen Auto steigen vier Frauen aus, aus dem anderen drei Männer.
Es dauert nur eine Minute, bis ich – hört hört! – von einer der Frauen mit ein paar Englischbrocken angesprochen werde. Ob das mein Auto sei, woher ich sei, und so weiter und so fort, das übliche Programm halt. Ich bin etwas überrascht ob des »unzüchtigen« Benehmens und bin es noch mehr, als es nach kleiner weiterer Unterhaltung sowie Camperbesichtigung von der Tür aus, während Robert oben weiter schläft, mit Fotos Machen losgeht. Bevor ich auch mit meiner Kamera eins machen lasse, frage ich noch, woher die Truppe eigentlich ist, und dann wird einiges klarer. Tehran. Ganz getoppt wird die Aktion dann noch, als mich eine der Frauen für die Fotopostierung auch noch an der Hand nimmt und zur (ihrer Meinung nach) richtigen Stelle führt. Also entweder die gehen so ab, weil sie wissen, dass sie es sich bei einem Farengi erlauben können, oder aber die Tehraner ticken wirklich komplett verkehrt. Auf die Stadt bin ich jedenfalls gespannt.
Um eins nehmen Robert und ich unser erstes Bad im Kaspischen Meer. Das kaspische Meer ist eigentlich gar kein wirkliches Meer, sondern ein See ohne direkte Verbindung in andere Meere. Jedenfalls streiten sich die Anrainerstaaten über den Status, denn vom Meeres- oder Seestatus hängen Gebietsansprüche und Verwertungsrechte ab. Uns kann all dies aber wurscht sein, denn bis auf den im Gegensatz zum Ozean etwa zwei Drittel geringeren Salzgehalt ist das Badeerlebnis genau dasselbe wie am nächstbesten Teutonengrill – nur ohne Teutonen halt.
Allzu viele Menschen sind heute nicht am Strand, aber alle 50 Meter liegt, sitzt oder spielt doch irgendwer. Junge Männer laufen genau wie wir nur in Badehose rum, Frauen gehen hingegen natürlich mit Chador ins Wasser. Heute sehen wir aber nur zwei, die dies tun, die anderen – und die meisten Leute hier sowieso – gehen alle mit der Familie der (scheinbaren?) Lieblingsbeschäftigung der Iraner nach: Picknick immer und überall. Hier am Strand ist es wenigstens noch schön, aber wir haben auch schon Leute halb zwischen Müll oder mitten in der Stadt auf dem 1,5 Meter breiten Trennstreifen zwischen der linken und der rechten Fahrspur gesehen. Komisches Volk!
Erst um drei Uhr machen wir uns auf Richtung Qasvin. Da wir uns nicht entscheiden konnten, ob wir diese Route oder die über Now Shar nach Tehran nehmen sollten, haben wir eine Münze entscheiden lassen. Etwa 30 Kilometer vor Qasvin werden wir dann so extrem hupend überholt, dass es sich von dem üblichen Grußhupen, das uns alle paar Minuten widerfährt, abhebt. Im hupenden Auto erkennen wir Mohammed und zwei seiner Freunde von gestern Abend! Was für ein Zufall!
Wir hatten schon überlegt, ob wir vielleicht anrufen sollten, wenn wir in Qasvin angekommen sind, doch das hat sich hiermit dann wohl erledigt. Nach einer kurzen Begrüßung am Straßenrand folgen wir dem Auto bis nach Qasvin, wo wir ein Eis bzw. etwas Kuchenartiges essen gehen. Der erste Stock eines solchen Fastfoods scheint mit seiner Abgelegenheit und der schummrigen Beleuchtung ideal als sittenfreie Zone herzuhalten. Jedenfalls wird hier oben Händchen gehalten, laut gelacht und überhaupt offenbar recht zwangfrei die Zeit vertrieben. Da scheint es auch nichts auszumachen, wenn bei einem Mädel der Hijab für ganz wenige Sekunden mal ganz runterrutscht.
Wieder dem Auto folgend erreichen wir das Zuhause von Mohammed. Doch anstatt in seine Wohnung führt er uns erst mal in den darunter liegenden Keller, wo fünf Billardtische stehen und mehrere vorwiegend jugendliche Iraner zugegen sind. Vier oder fünf Spiele lang blamieren wir uns mit unseren im Gegensatz zu den anderen Anwesenden höchst miserablen Spielfertigkeiten, bis wir erlöst und nach oben zum Essen gehen werden.
Es gibt wie immer Reis und wie fast immer Huhn, dazu wie immer Joghurt und das ganze wie üblich auf dem Boden. Egal, es schmeckt gut und macht Spaß. Den ganzen Abend kommen und gehen (männliche) Verwandte sowie Freunde von Mohammed, bis wir nach vielen schönen Stunden dort zu Hause erst um ein Uhr nachts wieder in den Karren steigen.
Man hat uns einen Kreisverkehr zum Pennen empfohlen. Wie bitte? Ja, einen Kreisverkehr! Als wir ankommen, verstehen wir auch warum: Um den Kreisverkehr herum gibt es Parkplätze und im Inneren des großen, vielleicht 75 Meter Radius messenden Kreises ist ein richtiger Park mit Brunnen und dem wahrscheinlich gepflegtesten und saftiggrünsten Rasen ganz Irans angelegt. Selbst um diese Uhrzeit sind hier auch noch recht viele Leute am Start, teilweise sogar am Ballspielen oder am – was denn auch sonst? – Picknick machen. Hier bleiben und pennen wir.