Donnerstag, 10. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Stockdorf, [Deutschland/ Österreich], Salzburg, Villach, [Österreich / Slowenien], Ljubljana, [Slowenien / Kroatien], Zagreb, [Kroatien / Serbien], Beograd, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul
Geplanter Abfahrtstag. Es geht erst mal recht gemächlich los, denn um halb vier nachts liege ich wach im Bett und kann nicht mehr schlafen. Ja Robert, ich weiß, ich hab »Schlafstörungen«. Das ändert aber nichts daran, dass ich mir erst mal einen gemütlichen Morgen mache, nach längerer Zeit mal wieder mit meiner Mum frühstücke und dann noch langsam die letzten Sachen zu Hause einpacke.
Die drei Hauptaufgaben für heute sind Ölwechsel, Metroeinkauf und das Einräumen des Campers – und natürlich das Losfahren heute Abend, sofern wir mit allem fertig werden sollten.
Robert wird die Nachtschicht übernehmen, weswegen ich sein langes Pennen ausnahmsweise mal gut heiße und erst mal selbst ein bisschen kruschtele. Dazwischen lege ich noch einen kleinen Stopp beim Friseur ein, um mir eine mindestens zwei Monate lang camping-, hitze- und waschtaugliche Frisur zuzulegen. Das Ganze dauert dann jedoch, letztendlich wie erwartet, etwas länger, da ich wieder mal bei einem Mädel gelandet bin, das es nicht übers Herz bringt, die Haare wirklich ab zu machen, sondern erst mal 40 Minuten an eigenen Ideen herumschnippelt. Das nächste Mal sollte ich vielleicht wirklich ein Lineal mitnehmen und zur Verfügung stellen.
Auch zum Ölwechsel geht es natürlich nicht ohne Starthilfe. Die gestrige Fahrt zum Landrattenamt in Starnberg und zurück hat wohl nicht gereicht, um unsere über 80 Ampèrestunden Batterie wieder aufzuladen. Da einiges an Flüssigkeit fehlte und sich die Startversuche schon immer besser anhören, gehen wir nicht davon aus, dass sie kaputt ist. Die Mum (vom Robert) sitzt uns trotzdem die ganze Zeit in den Ohren, wir sollten doch bitte eine neue kaufen und es sei sowieso das Lustigste, dass wir hier auf große Reise mit allem Pipapo gehen wollen, unser Auto aber nicht mal in der Lage ist, alleine anzuspringen.
Bei Mr. Wash in der Landsberger Straße scheinen sie uns nicht gerade mit allergrößtem Wohlwollen zu empfangen, aber sie machen ihre Sache wie immer gut. Doch wenn es nach denen ginge, ist bei jedem Karren, der dort einläuft, ein »Motorschaden vorprogrammiert«. Zumindest lassen das die durch die Halle gerufenen Pseudodiagnosen ahnen. Umso erstaunlicher, dass die ja eigentlich gar nichts davon haben, da es keine angeschlossene Werkstatt oder ähnliches gibt, mit dem sie einen vorprogrammierten Motorschaden zu Geld machen könnten. Mir ist jedenfalls schon danach, einfach mal rauszurufen: »Weltuntergang vorprogrammiert!«. Vielleicht würde das dann auch auf der Rechnung von einem der Fahrzeuge erscheinen.
Der Metroeinkauf zieht sich etwas in die Länge, unter anderem weil wir eine halbe Ewigkeit von einer Türkin bequatscht werden, die dort irgendein RedBull-Konkurrenzprodukt unters Volk bringen soll. Sie ist aus Mersin nahe Adana und rät uns, nicht über Trabzon zu fahren, warnt außerdem vor den unbefestigten Straßen zwischen tiefen Schluchten im türkischen Hinterland und klärt uns nochmal darüber auf, dass wir, wenn wir nicht aufpassen, schneller eine Pflichtbraut an der Backe haben könnten, als uns lieb ist. Wie das bei der Metro nun mal so ist, kommen mit einem gefühlsmäßig kleinen Einkauf gleich mal wieder 188 Euro zusammen. Die Reisekasse freut’s.
Hatten wir beim Ölwechsel noch so getan, als würde der Motor vollkommen überraschend nicht anspringen und wegen der Blockade der Ölwechselstraße natürlich schnelle Hilfe bekommen, so müssen wir uns nun wieder selbst drum kümmern. Gott sei Dank finden wir aber jemanden, der auf meine Frage nach Starthilfe mit »Ja freilich!« antwortet und sich dann auch noch für unsere Reise interessiert. Nicht so wie in Starnberg, als die gefragte Dame aus Angst und Unwissenheit – ihr Motor habe ja schließlich kürzlich Probleme mit dem Öl gehabt – in ihrer Peinlich-erwischt-Haltung fast erstarrte.
Als ich nach dem Essen gegen neun Uhr wieder zu den Siebecks komme, fängt der Robert gerade erst mal das Packen seines Privatzeugs an. Nach der Meinung aller Anwesenden ist das natürlich etwas spät, aber was soll’s. Die Folge ist, dass er sein Zeug nichtmal auswählt, sondern seinen kompletten Schrank – zumindest kommt es mir so vor – in eine Tasche und einen Koffer packt, sodass er jetzt wahrscheinlich mehr Polohemden als Unterwäsche dabei hat. Das mit ansehend bekomme ich kalte Füße und packe dann doch auch noch meine Winterjacke ein, aus Angst vor zu viel Kälte in Ostanatolien oder im Skigebiet des Iran, das der Robert besuchen möchte und für das er sich auch seine Skisachen eingepackt hat.
Wir rollen vom Acker mit Technik, Sand und Ungeziefer
Schließlich geht es nach dem obligatorischen Gruppenfoto und natürlich der Starthilfe dann doch noch los. Bei Kilometerstand 25.641 rollen wir um 22.56 Uhr aus der Einfahrt in den Start unserer mehrmonatigen Urlaubsreise. Mit dabei: Robert von der Nachtschicht, Daniel von der Morgenschicht, Karren als Allrounder, mehrere hundert Kilo Gepäck, Technikkrempel en masse, sodass wir einen ambulanten Laden eröffnen könnten, Saharasand aus Marokko und Tunesien sowie eine wahrscheinlich große Anzahl an blinden Passagieren in Form von irgendwelchen Kriechtieren.
Lange sind wir nicht unterwegs bis zum ersten Stopp, denn bei der blauen Lagune in Neuried wollen wir unsere vier Reifen von 2,5 auf 4,0 Bar bringen. Scheinbar gibt es aber bei keiner einzigen Tanke im Würmtal mehr ein gescheites Reifendruckgerät, denn auch hier müssen wir das Ding fünf oder sechsmal neu aufladen und insgesamt eine Viertelstunde rumtun, ehe alle vier Gummis in Form sind. Da haben die aus anderen Ländern bekannten, direkt angeschlossenen Schläuche zumindest in dieser Hinsicht schon echt ihre Vorteile gegenüber diesen mobilen Dingern.
Nun rollen wir aber erst mal nach Südosten – Österreich, wie spannend.
Freitag, 11. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Stockdorf, [Deutschland/ Österreich], Salzburg, Villach, [Österreich / Slowenien], Ljubljana, [Slowenien / Kroatien], Zagreb, [Kroatien / Serbien], Beograd, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul
Erster Sachschaden schon nach sechs Stunden
Auf der A8 bei Irschenberg lege ich mich gemütlich hin und schlafe (für mich erstaunlicherweise) bis fünf Uhr richtig gut durch. Als ich wieder nach vorne komme, verfahren wir uns gerade auf dem Weg heraus aus Ljubljana und der Robby hält am Straßenrand an, um nachzusehen, wo es lang geht. Vade retro lautet die Devise, doch beim Wenden gibt’s von hinten auf einmal richtig böse metallenen Krach. Noch etwas vom Schlaf benommen steige ich aus, um die Situation aufzuklären: Robert ist rückwärts gegen ein zweimastiges Straßenschild gefahren und unsere Leiter hat sich etwas verschoben. Diese rücke ich einfach wieder zurecht, werfe noch kurz einen Blick auf die Campertür, stelle aber keine weiteren Schäden fest und steige wieder ein.
Das nächste Mal sollte ich mir für so was vielleicht etwas mehr Zeit lassen. Und nicht schlecht wäre auch, wenn ich dafür dann eine Taschenlampe benutze, denn ohne hab ich nicht viel mehr gesehen als die Silhouette eines Schildes und eines Campers auf einer Wiese neben einer Straße. Später in Kroatien wird mir hingegen auffallen, dass am Boden neben jenem Schild unsere nicht mehr vorhandene linke Stoßstange liegen muss. Sie aufzusammeln hätte zwar in diesem Fall auch keinen Sinn gemacht, da sie an den Befestigungen gebrochen sein muss, aber vielleicht geht es ja irgendwann mal um was anderes. Und noch später in Belgrad werden wir außerdem feststellen, dass die linke Tür mitsamt dem unteren Teil des Rahmens etwas eingedrückt ist, was uns optisch natürlich komplett wurscht ist, doch die Probe, ob das Schloss der hinteren Tür richtig funktioniert, steht noch aus.
So fahren wir rechts nun also mit einer von meinem Pa gebauten Holzstoßstange und links mit gar keiner. Robert dazu heute: »Jetzt haben wir mit den neuen Scheibenwischern einen weiteren Schritt in Richtung TÜV-Tauglichkeit gemacht und dann entferne ich unsere Stoßstange.« Alles halb so wild.
Zagreb fällt Graf Storno zum Opfer
Eigentlich hatten wir in Zagreb unser Frühstück und im Falle schönen Wetters auch eine kleine Stadtbesichtigung eingeplant. Da ich aber erst kurz nach Ljubljana das Steuer übernehme und das Wetter ungefähr so ausschaut wie im allertiefsten Nebeltal von Nebelland kombiniert mit deutschem Einheitsgrau, entscheiden wir uns bei der Übergabe, Zagreb ausfallen zu lassen. Noch wissen wir nicht, dass dort später inmitten eines durch und durch blauen Himmels die Sonne scheinen wird, doch ich lasse es dabei, weil der Robby sonst quasi keinen Schlaf hätte.
Von allen unseren Transitländern ist der Sprit in Serbien am billigsten. Mit weit über einem Euro zwar nicht gerade afrikanische oder iranische Verhältnisse, aber immerhin doch ein Schnäppchen im Gegensatz zu manch anderem Land. So kommt es auch, dass wir eigentlich mit dem Sprit von Slowenien bis nach Serbien kommen wollen, doch etwa hundert Kilometer vor der Grenze wird mir dann etwas mulmig. Die Nadel zeigt jetzt genau auf den linken Rand des roten Reservebereichs. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wie der Stand der Nadel war, als wir in Stockdorf nach 9.946 Kilometern Marokko-Tour auf dem Trockenen saßen.
Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als bei der nächsten Tanke rauszufahren. Hier jedoch die Überraschung: kein Strom. An allen Säulen und am Shop-Eingang hängt ein handgeschriebenes Schild mit diesem Hinweis auf Kroatisch, Englisch und Deutsch. Bis auf einen Typen, der etwas grimmig zuschaut, wie ich davon Fotos mache, ist auch alles verlassen. Die 40 Kilometer bis zur nächsten Zapfstelle fiebere ich Zählerstand für Zählerstand mit, doch glücklicherweise reicht es und ich kann unserem Gefährt nochmal 10 kroatische Liter spendieren.
Die Grenzformalitäten bei der Ausreise aus Kroatien gestalten sich etwas einfacher, als vorhin bei der Einreise. Da musste ich den Robby noch wecken, weil der Grenztyp sein Gesicht mit dem des Passes vergleichen wollte. »Person muss sich zeigen!«. Hier hingegen reicht es sowohl auf kroatischer wie auch auf serbischer Seite aus, dass ich die zwei Pässe rausreiche und bei der Frage nach der zweiten Person kurz mit dem Daumen nach hinten zeige.
Nett ist auch, dass die ganzen Typen einigermaßen Grenzerdeutsch beherrschen. Bis jetzt war nur der kroatische Einreisetyp ziemlich schlecht dabei, der Rest begrüßte gleich auf Deutsch. Bis inklusive zur Ausreise aus Serbien wird das auch so bleiben. Interessant ist, dass alle wissen wollen, wo man hinfährt. Einmal habe ich auch gesehen, wie es im Computer eingegeben wurde, bei den anderen Malen bin ich mir nicht ganz sicher. Bis wir in der Türkei sind, werden wir weiterhin İstanbul als Ziel nennen, danach Tehran. Wahrscheinlich sind die Grenzer einfach zufrieden, wenn ihr Land nur als Transit benutzt wird und man nicht schon ankündigt, im Land ewig rumlungern zu wollen.
In Belgrad fahre ich gegen 15 Uhr auf den Parkplatz des Fußballstadions und wecke den immer noch pennenden Robert. 16 Stunden lang haben wir unseren Motor nicht mehr abgeschaltet, also immer mit laufendem Motor getankt und gerastet, um das Nicht-vom-Fleck-Kommen aufgrund leerer Batterie zu vermeiden, doch jetzt ist es genug. Wenn die Batterie nur leer war, wovon wir ja ausgehen, dann wird sie jetzt voll sein, wenn sie hingegen kaputt war, dann ist sie es jetzt auch noch. Des Rätsels Lösung gibt es, als wir wieder losfahren wollen: sie ist kaputt.
Zwar ist dieser dumme Parkplatz mangels Verkehr der schlechteste Ort für Starthilfe, doch nach etwa einer Viertelstunde können wir einen Taxifahrer anhalten, der uns gleich mit »Big big Problem!?!« begrüßt, obwohl wir unsere Kabel noch gar nicht draußen haben. Mit nun wieder laufenden Motor geht es auf die Suche nach einer Tankstelle, um eine Batterie zu kaufen. Die ersten paar Tankstellen, die uns Nokia Maps anbietet, gibt es nicht, aber nach ausreichend langer Suche und viel Kurbelei kommen wir zu einer kleinen Tanke, die auch prompt die von uns benötigte Batterie für umgerechnet faire 125 Euro anbietet. Nicht schlecht staunen wir, als uns beim Kauf auch noch eine original Varta Batteriekarte ausgestellt wird, wofür der Typ erst mal ewig die Seriennummer auf dem Teil suchen muss.
Mit neu eingebauter Batterie parken wir den Karren und machen uns ein bisschen zu Fuß durch die Stadt, welche letztendlich nichts anderes tut als mustergültig den Ostblockflair zu vermitteln und guten Gewissens als hässlich definiert werden kann. Am interessantesten ist da noch ein frei zugängliches Kriegsgerätmuseum im Freien, oben in der Festung. Dort kann man vom Sowjet-Panzer über den Ami-Tank bis zur französischen Kanone alles Mögliche ohne irgendwelche Absperrungen betrachten.
Nach unserem Nachmittagsessen geht es wieder weiter. Robert übernimmt das Steuer und bei Dunkelheit kommen wir zur bulgarischen Grenze. Da denkt man, als Bürger der Europäischen Union ist es einfach und vor allem kostenlos, in diese einzureisen, stellt dann aber fest, dass man sich wohl geirrt hat. Der Zöllner winkt zwar durch und interessiert sich genau wie alle anderen Grenzer heute interessanterweise überhaupt nicht für unsere Kanister auf dem Dach, doch an einem anderen Häuschen werden uns für unbekannten Zweck zwei Euro abgeknöpft. Erst nach genauerem Studieren der Quittung und Lesen der ADAC-Länderinformationen wird uns klar, dass wir damit die zur Einreise vorgeschriebene Desinfektion bezahlt haben. Schön, dass unser Karren auf dem Papier nun also sauber ist. Nach weiteren fünf Euro für die Vignette zur Benutzung der bulgarischen Schlaglochpisten kann es endlich – auf übrigens deutlich schlechteren Straßen – weitergehen.
In Sofia nehmen wir statt der Umfahrung die direkte Route durch die Innenstadt und wollen sozusagen sehen, ob etwas los ist. Die Stadt macht auf denn ersten Blick einen viel saubereren und besseren Eindruck als Belgrad, viel los ist hier jedoch um elf Uhr abends leider nicht. So machen wir kurz zu Fuß einen Rundgang bei zwei Kirchen, fahren dann noch zweimal erfolglos kreuz und quer durch die Stadt auf der Suche nach den auf der ADAC-Karte beschriebenen Sehenswürdigkeiten und machen uns weiter auf den Weg Richtung Türkei.
Samstag, 12. April 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Stockdorf, [Deutschland/ Österreich], Salzburg, Villach, [Österreich / Slowenien], Ljubljana, [Slowenien / Kroatien], Zagreb, [Kroatien / Serbien], Beograd, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul
Die Schichtplanung für heute Nacht haben wir leider etwas vercheckt. Robert ist zwar erst um 13 Uhr aufgestanden, fährt aber nur bis kurz nach zwei. Ich beginne also nach zwei Stunden Schlaf das Fahren und verfahre mich gleich mal im sehr dichten Nebel auf der Landstraße. Da ich das schlauerweise mit Pathaway auf dem PDA wegen zu ungenauer Karte nicht merke, wird es mir erst bewusst, als ich mal einen Blick auf Nokia Maps werfe. Nach einer ganzen verlorenen Stunde geht es also weiter in Richtung türkische Grenze, inzwischen nebelfreier, aber dafür langweiliger.
Kurz vor der Grenze wecke ich nach Sonnenaufgang Robert auf. Wir wollen auch nochmal tanken, da die Türkei die horrendesten Spritpreise überhaupt hat – da kann auch Deutschland nicht mithalten. Außerdem wollen wir zwei unserer vier Kanister befüllen. Zollfrei können zwar nur 25 Liter eingeführt werden, jedoch wird kaum einer nachmessen, ob das nun 25 oder 40 Liter sind. Anders sähe es natürlich aus, wenn auch ein dritter befüllt wäre.
Die Tankstelle will uns aber scheinbar verarschen: Das VISA-Terminal funktioniert nicht und für 171 bulgarische Lev wollen sie uns erst mal 140 Euro abzocken. Nach einiger Rumrechnerei auf dem Taschenrechner werden es immerhin 110 Euro, was jedoch trotzdem noch 20 zu viel sind. Da die mathematisch scheinbar nicht ganz auf der Höhe sind und ich beim Vorrechnen auf deren Rechner immer auf kleinere Beträge komme, schlagen sie selbst vor, ich solle zur Wechselstube gegenüber gehen. So mache ich das dann auch, tausche den exakten Eurobetrag dort um und zahle an der Tankstelle 171 Lev an sehr erfreute und sichtlich erleichterte Gesichter, die wohl dachten, dass sie ihr Geld gar nicht mehr sehen würden.
Robert hat draußen inzwischen den von mir verschlampten Schlüssel des Vorhängeschlosses, das unsere Reifen und die Kanister auf dem Dach sichert, gefunden und so geht es zwei Kilometer weiter zur Ausreise. Wir fahren an etwas heran, das aussieht wie ein Vorposten, werden jedoch ohne weiteren Kommentar mit einem simplen »Bye bye!« abgefertigt. Zweihundert Meter weiter vorne bei der richtigen Passkontrolle lässt man uns vor der Haltelinie warten und den Motor abstellen. Wir warten also. Und warten. Und warten. Und auch danach tun wir nichts als warten, warten, warten. Inzwischen haben wir verstanden was los ist: Es ist etwa neun Uhr, und zu dieser Zeit findet anscheinend ein Schichtwechsel statt. So weit, so gut, doch da die alte Schicht sich offenbar eine halbe Stunde eher vom Acker macht und die neue erst eine halbe Stunde später antanzt, ist der Grenzübergang einfach mal eine knappe Stunde geschlossen.
Erst nachdem die neuen Leutchen endlich aus ihrem Bus gestiegen sind, geratscht und schließlich ihre Posten bezogen haben – und hinter uns über 20 Autos sowie ein französischer Camper warten – werden wir vorgewinkt. Die wirkliche Verarschung ist jedoch, dass die Abfertigung nur 15 Sekunden dauert, wodurch die Diskrepanz zwischen sinnvoll und nicht sinnvoll verstrichener Zeit ein klein wenig zu groß ist.
Damit jedoch nicht genug, denn auf der türkischen Seite wiederholt sich das ganze Spielchen wieder. Hier müssen wir jedoch nur fünf Minuten bis zum vollzogenen Schichtwechsel warten und können dann vor zum Zoll fahren. Abgesehen davon, dass ich unseren Spiegel gegen eine Wand fahre und den Bordstein dort mitnehme (peinlich, auch wenn nix passiert ist), läuft die ganze Chose hier recht langweilig ab, da im Grunde nur irgend so ein Zöllner mit unseren Dokumenten rumläuft und wir nix zu tun haben. Einmal soll ich mit in ein Büro kommen, wo ich nichtstuend zuschauen darf, wie drei Beamte es nicht schaffen, unser Kennzeichen in einen Computer einzugeben. Am Ende gibt’s dann auch noch ne kurze Fahrzeugkontrolle, die letztendlich darin besteht, dass der Typ alle unsere Schranktüren aufmacht und kurz reinschaut – da wo er aufgrund unseres zweiten Schlosses gegen Erschütterungen es jedoch nicht schafft, lässt er es sinnvollerweise kommentarlos bleiben und macht weiter. Ohnehin schien unsere gut bestückte Bibliothek noch am meisten Interesse bei ihm zu wecken.
Um zwölf Uhr erreichen wir die Mautstelle in İstanbul. Als wir in der Schlange stehen, kriege ich bei laufendem Motor auf einmal keinen Gang mehr rein. Auch zweimaliger Neustart bringt keine Verbesserung. Mit Warnblinker stehe ich nun mitten in der Spur und wecke Robert auf, doch gerade als er seinem Bett entsteigt, geht es auf einmal wieder. Naja, hoffen wir mal, dass die Kupplung noch ne Weile hält.
Geschlagene drei Stunden verbringen wir anschließend mit sinnlosem Rumgefahre auf Campingplatz- und dann auf Parkplatzsuche. Die Campingplätze in den Führern sind nicht aufzufinden bzw. nicht mehr existent, die Kommunikation mit Leuten, die man fragt, funktioniert überhaupt nicht, und wenn doch, wird man einfach irgendwo falsch hingeschickt.
Schließlich finden wir einen Parkplatz, der gewisse Campingleistungen wie Duschen und Toiletten anbietet. Hier sind auch schon zwei nette Niederländer, doch der Platz sagt uns eigentlich überhaupt nicht zu, da er kacke ist und außerdem viel zu weit außerhalb liegt. Stattdessen wollen wir nun in der Nähe der Hostels im Zentrum parken und in einem dieser Hostels um die Benutzung der Dusche bitten.
Nach schwieriger Parkplatzsuche hilft uns ein Typ von einem Otopark etwas unterhalb des Hostelviertels weiter, indem er uns direkt vor seinem Laden an der Straße einen Parkplatz organisiert. Da wir ohne ihn wohl noch heute Abend rumfahren würden, drücken wir ihm einen Euro-Fünfer in die Hand.
Zum Automaten oben zwischen Hagia Sofia und Blauer Moschee gehen wir eigentlich, um dem Hostel Lira anbieten zu können, doch am Ende latschen wir sowieso ganz dreist in das Sultan Hostel rein – hier war ich letzten Sommer, kenne mich daher also aus – und gönnen uns jeder ne gescheite Gratisdusche.
Am Abend flanieren wir noch durch die Stadt, essen etwas und gehen dann recht früh pennen. Ich finde es jedenfalls toll, hier zu sein, denn es kommen schöne Erinnerungen an letzten Sommer hoch, wo ich ja auch noch dachte, dass mir der Großteil des Urlaubs bevorstehen würde. Dass ich aber so früh wieder herkommen würde, hätte ich nicht gedacht.