Mittwoch, 19. September 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
Routenteil: دمشق Damaskus, [Syrien / via Wien / Deutschland], München, Planegg
Trotz der schlechten Erfahrungen mit lang dauernden Abenteueranrufen vorgestern geht mein Wecker heute erst ne halbe Stunde später. Wird schon ungefähr klappen. Und wenn nicht, mei, dann gibt’s halt noch ein paar Tage mehr Krankenhausurlaub. Wohlweislich habe ich mich gestern von allen nur unter Vorbehalt verabschiedet und der eine oder andere hat gemeint, er sehe mich eh heute Abend wieder. Inshallah halt.
Die italienische Santagata-Flasche hat die ganze Reise überstanden
Genau wie vor zwei Tagen frühstücke ich erstmal, wasche Haare, rasiere, das Übliche halt. Der Rucksack ist im Nu gepackt, da ich für die zwei Tage eigentlich so gut wie gar nichts mehr rausgenommen habe, und so bin ich um viertel nach elf fertig und quasi abfahrbereit.
Zwar wollte mich der ADAC gestern Abend noch über die Abholzeit informieren, doch das ist erwartungsgemäß nicht mehr geschehen. Bis drei Uhr nachts können sie mich anrufen, hab ich gesagt, wohlwissend dass ich an meinem zweiten letzten Abend nicht vor vier ins Bett gehen würde. Jedenfalls schien die Dame diese Info etwas lustig aufzunehmen, vielleicht hat sie es auch für einen Witz gehalten.
Die fehlende Abholzeit ist ja aber eigentlich gar kein Problem, schließlich bin ich bereit und hab im Prinzip nur zu warten. Ein größeres Problem ist hingegen, dass ich seit gestern illegal im Land bin. Vorgestern war mein 15. Tag in Syrien und damit letzter Gültigkeitstag des Visums, denn am dritten September bin ich eingereist. Für den Abflug vorgestern hätte es also haargenau hingehauen, aber vor lauter Tamtam mit dem »verpassten« Heimbringen habe ich diesen Punkt aus den Augen verloren. Dabei wäre verlängern wohl ganz einfach gewesen – nur tun muss man es halt.
Bei meinem (hoffentlich) abschließenden Gespräch mit Herrn Haß von der Botschaft schneide ich also auch dieses Problem kurz an, woraufhin er sagt, dass die Botschaft die Flughafengrenzer informiert, dass da – O-Ton *g* - »so ein Deutscher kommt, der war im Krankenhaus, und die sollen den bitte ohne Probleme rauslassen«. Passnummer etc. wird weitergegeben und wir sind der Meinung, das müsse reichen. Warum sollten die Syrer denn auch stressen wollen, Touristen werden in diesen mageren Zeiten – Bush, dumme Berichterstattung und die Achse des Bösen lassen grüßen – schließlich mit offenen Armen empfangen.
Da ich auch heute das Ticket im Stadtbüro von Austrian abholen soll, erwarte ich meine Abholung einfach mal um zwölf Uhr. Dieser Zeitpunkt verstreicht, ohne dass sich irgendwas getan hat, doch zehn Minuten später kommt eine gut aussehende Type namens Dima Shalati von MidEast, welches eine libanesische Versicherung zu sein scheint, auf meinen Flur und begrüßt mich in perfektem Englisch. Aufgrund der vertrauten Stimme entsinne ich mich, dass ich gestern morgen schon mit ihr telefoniert haben muss, doch das war dermaßen übermüdet – schließlich muss ich bei langen Nächten doch bis in den Nachmittag pennen – dass ich nicht einmal mehr weiß, was sie da überhaupt von mir wollte.
Flight Coupon von Austrian Airlines
Etwas skeptisch frage ich das Persönchen, ob sie es denn sei, die mich zum Flughafen fahre. Ehrlich gesagt kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, dass die meinen Rucksack tragen soll. Nein, nein, meint sie, sie wolle nur persönlich assistieren – was auch immer das heißen mag?!? – und mir darüber hinaus die Flugtickets vorbeibringen. Um 13 Uhr komme ein Typ namens Ayman um mich abzuholen. Fünf Minuten und hundert Nachfragen, ob ich wirklich nichts brauche – was soll ich denn bitte brauchen, ich sitz hier auf dem Flur im Rollstuhl und spiele mit Carmen – zischt sie wieder ab. Ich verziehe mich in mein Zimmer, um die letzte halbe Stunde mit einer Doku über die chinesischen Olympischen Spiele auf DW-TV rumzubringen. Keinen Bock mehr auf Rumfahrerei im Haus jetzt, außerdem ist für mich eigentlich noch Schlafenszeit.
Ayman taucht zu meiner Überraschung zehn Minuten früher auf. Höchst motiviert und zuvorkommend macht er mir einen guten Eindruck, und dass er kein Wort Englisch spricht, daran hab ich mich ja in den letzten zwei Wochen zur Genüge gewöhnt.
Präsident Baschar al-Assad hängt und prangt natürlich überall in Syrien
In nur 25 Minuten sind wir am Flughafen. Der Laden scheint weniger Verkehr zu haben als Oberpfaffenhofen oder ein sonstiges Provinznest und die Flugtafel liest sich mit Zielen wie Bagdad, Abu Dabi, Dubai, Rihad, Cairo sowie Wien als einziges westliches Ziel recht interessant, aber in der nicht allzu großen Halle geht es zu wie am Jahrmarkt – oder »Kirta«, wie Hermann sagen würde. Ayman huscht unentwegt rum, um irgendwelches Personal oder gar einen Rollstuhl zu finden, doch ich habe mich inzwischen eh schon in die Warteschlange eingereiht. Bis hierhin bin ich auch humpelnd gekommen, warum brauche ich ausgerechhnet jetzt einen Rollstuhl?
Zumindest habe ich jetzt verstanden, warum hier so ein Trubel herrscht und es so scheint, als sei alles voller Menschen: Es gibt nur eine einzige Tür – ja, eine Tür, kein Durchgang oder irgendwas in der Art – für alle internationalen Flüge, und da muss jeder durch. Zugegeben, das sind, wie wir oben ja gesehen, nicht gerade viele Flüge, aber die syrischen Familien machen das locker weg. Für einen einzelnen Fluggast stehen jeweils zig Leute an, die sich chaotisch-traubenförmig gegenseitig auf diese Tür »zupressen«, nur um sich dann direkt vor dieser zu verabschieden.
Nach etwa einer halben Stunde Rumhuschen kommt Ayman wieder daher, diesmal in Begleitung eines Rollstuhls mitsamt rumschiebenden Typen. Da ich aber mitten in dieser Traube stehe und inzwischen schon recht nah zu dieser Tür gekommen bin, lehne ich dankend ab. Ein bisschen tut mir Ayman gerade leid, hat er sich doch ewig abgerackert, um so 'nen Rolli-Typen zu finden, doch ich hatte ihm ja klar gemacht, dass ich ihn eigentlich nicht brauche.
Durch die Tür darf Ayman nicht mit, von hier an bin ich also auf mich alleine gestellt. Ein bisschen bereue ich die Ablehnung des Rollstuhls, denn jetzt muss ich auf einmal 15 Meter mit meinem Gepäck nach vorne, um es durchleuchten zu lassen. Erst frage ich jemanden, ob er es mir tragen könne, doch als dieser dann von seinen eigenen Rückenproblemen zu sprechen beginnt, bringe ich den Rucksack halb tragend, halb vor mich her schiebend selber bis zu dem Band. Dahinter gibt es dann sowieso Gepäckwagen.
Für 100 Pfund lasse ich den Rucksack in so flughafentypischer Folie verpacken, denn sonst geht da ja wahrscheinlich alles Mögliche kaputt. Rumhängende Bänder und nach außen zeigende Polster hat das Ding ja schließlich genug.
Beim Check-in von Austrian gehe ich zum Economy-Schalter, da er gerade frei ist. Der Typ begrüßt mich erst stinknormal, doch dann merke ich genau den Punkt, an dem er sieht, dass ich ein Business Class Ticket habe, denn er zieht sogar die Augenbrauen hoch und stößt ein kleines »Oh!« aus. Vom Nachbarschalter muss er sich daraufhin irgendwelche Priority-Aufkleber fürs Gepäck sowie Einladezettel für die Lounge holen, welchen er mir dann mit im Vergleich zu vorher verdoppelter Freundlichkeit aushändigt.
Ausreisestempel mit Marke
Nächste Station im meiner Meinung nach wirr gestalteten oder einfach nur extrem mangelhaft ausgeschilderten Flughafen ist die Passkontrolle. Zu meiner großen Überraschung werde ich dort etwa 10 Meter zurück geschickt, mit dem Hinweis, ich müsse an so einer Art Kiosk eine Wertmarke für ca. 1200 Pfund kaufen. Ohoh, so viel Geld habe ich gar nicht! Glücklicherweise gilt der genannte Preis aber nur für Syrer oder andere Araber – es gibt vier Preiskategorien, je nach Nationalität – und Europäer müssen nur 200 Pfund zahlen. Mein riesiges Vermögen von 900 Pfund reicht also doch aus. Trotzdem bin ich höchst überrascht über diese Ausreisegebühr, da ich die eigentlich überhaupt nicht auf der Rechnung hatte. Wahrscheinlich gibt es diese bei Ausreise über Land gar nicht und deswegen hatte ich mich bei Einholung der Informationen nicht weiter drum gekümmert.
Zurück bei der Passkontrolle, diesmal mit Wertmarke, braucht meine Abfertigung ungefähr dreimal so lange wie die der anderen. Sowohl die Leute vor mir in der Schlange als auch alle an den Nebenschaltern kommen viel fixer durch. Egal ob Syrer, Europäer oder sonstwas, meist geht es innerhalb einer Minute. Mehrmals geben meine zwei Beamten hingegen irgendwas in den PC ein, schauen verlegen auf den Bildschirm, durchblättern x mal den Pass und scheinen etwas aus dem gewöhnlichen Trott geraten. Eigentlich erwarte ich mir jede Sekunde die Frage, warum ich mich mit einem abgelaufenen Visum in Syrien aufhalte, doch nach ungefähr vier Minuten wird mein Pass gestempelt und kommentarlos ausgehändigt. Ich kann gehen.
Und zwar weiter zur »Executive Lounge«, wie das hier genannt wird. Wenn ich schon mal ein Business Class Ticket habe, muss ich doch auch ausprobieren, wie das Business Class Leben so ist. Etwas verlegen latsche ich in die Räumlichkeiten rein und lese erst mal ne französische Zeitung. Als ich irgendwann mal nachfrage, wieviel das Essen und Trinken koste, wird mir etwas empört »It’s free!« geantwortet. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und bediene mich bestens am Buffet, bis ich irgendwann meine, dass die Zeit gekommen ist, zum Gate zu gehen.
Irgendwie läuft das hier am Flughafen alles komisch, zumindest nicht so, wie ich es gewöhnt bin. Allein dass mein Pass genau fünf mal an den verschiedensten Stellen – meist irgendwelche Türen – genauestens kontrolliert wird, ist fast nervig und dauert außerdem ne ganze Weile. Is ja schön und gut, dass die Leute nach Stempeln des besetzten Palästinas oder denen von angrenzenden Grenzübergängen suchen, aber kann das denn nicht einfach einer machen und basta? Dass man von der Lounge zu meinem Gate nicht per Rolltreppe fahren kann, weil diese nur nach oben fährt, die Gates 1 und 2 aber unten sind, scheint mir auch nicht optimal gelöst. Und nicht zuletzt wundere ich mich über den Sicherheitscheck. Anstatt eine zentrale Stelle für alle Gates zu haben, hat jedes Gate seine eigene Schleuse mit Röntgenband, Metalldetektor und dem üblichen Krempel. Erscheint mir irgendwie etwas unsinnig, aber mei. Auf dem fast leeren Rollfeld fahren die Autos und Busse fast genauso wie im normalen Stadtverkehr: chaotisch, gegen die Fahrtrichtung, dauerhupend.
Türkische Südküste
Der Flug verläuft ganz angenehm, ich esse und lese die meiste Zeit. Meinen Rollstuhl in Wien lasse ich per Funk abbestellen, doch bei meiner Ankunft ist trotzdem ein Behindertenservice da, weil wir noch zwei andere Rolli-Leute an Bord haben. Diese wurden in Damaskus übrigens mit einem ziemlichen Aufwand inklusive einem Hebebühnenwagen ins Flugzeug gebracht und ich bin sehr froh, nicht auch diesen Dienst in Anspruch nehmen zu müssen. Zum Terminal lasse ich mich trotzdem sitzend von dem Spezialauto fahren, einfach aus Bequemlichkeit und weil es mir angeboten wurde.
Dass ich dort den Rolli wieder ablehne, bereue ich kurz darauf ziemlich. Gate C51, wo mein Anschlussflug nach München abgefertigt werden soll, ist meilenweit entfernt. Außerdem läuft es sich jetzt wegen dem vielen Sitzen schlechter als noch heute Mittag. Dass ich mich zudem unnötig beeile, weil die Anzeigetafeln fälschlicherweise schon von »Boarding« labern, was aber aufgrund der mir noch nicht bekannten, einstündigen Verspätung des Fluges erst eine Dreiviertelstunde später stattfinden wird, ist auch nicht minder nervig. Übrigens gibts auch hier eine eigene Sicherheitsschleuse allein für dieses Gate. Langsam zweifele ich an meiner Vorstellung von Flughäfen.
Die kurzen 40 Minuten von Wien nach München vergehen beim Essen wie im Flug (haha!). Es ist aber saueng und ich kann zumindest in dieser Hinsicht keinen Unterschied zur Economy feststellen. Überhaupt muss ich als erstmalig und wahrscheinlich auch letztmalig Business Class reisender Newbie einige Gedanken loswerden. Es ist ja schön und gut, dass man so krass versorgt wird. Das Essen wählt man aus einem Menü aus, dauernd kommen Flugbegleiter vorbei und fragen, ob man noch was wünsche, schenken ständig nach, bieten Semmeln oder Schokolade an, das volle Programm halt. Im Gegensatz zu meinen Flügen auf den billigen Plätzen war man in dieser Hinsicht echt bestens, also wirklich sehr gut versorgt. Auch die Benutzung von so’ner Lounge am Flughafen ist ja ne nette Sache. Man sollte sich halt nur gleich am kostenlosen Buffet mit allen möglichen Leckereien, Säften und Alkohol bedienen und nicht wie ich DAU erst mal nach dem Preis fragen. Was aber Platz und Komfort in der Maschine angeht, ist man echt nicht weit von der Economy entfernt. Sicher, fünf bis zehn Zentimeter mehr Beinfreiheit hat man schon, auch die Sitze kommen mir ein klitzekleines bisschen – also wirklich nur ganz marginal – bequemer vor, doch seitlich ist es eng wie immer: Dreiereihe links und rechts im A320. Von halb liegend, was der ADAC da so erzählt, wenn es darum geht, was für eine Art Transport man braucht, kann jedenfalls nicht im Geringsten die Rede sein. Ist nun mal nicht First Class. (Die gab es auf diesen Flügen aber eh nicht.)
Der Rucksack ist im Zimmer angekommen
In München gelandet finde ich heraus, dass mein Sitznachbar auch einige Jahre in Rom gelebt hat, nur einige Straßen weiter von unserer. Jetzt ist er hingegen 200 Tage im Jahr unterwegs und für eine Firma tätig, die von der Allianzarena bis zum Staudamm in Bulgarien alles Mögliche baut. Nach weiterem kurzen Bla Bla gehe ich die Fluggasttreppe runter, wo mich schon ein voll ausgestatter RTW erwartet. Ich bemühe mich möglichst schnell drin zu verschwinden und kein großes Theater zu machen. Mit diesen sehr netten Leuten geht es zur Gepäckausgabe und mein Rucksack taucht auch schnell und unversehrt auf. Draußen werde ich dann den Maltesern übergeben, die mich im T5 sitzend nach Planegg und bis in die Wohnung bringen. Das Ganze dauert etwas länger, da vom Flughafenzubringer bis zur A92 ein fetter Stau alles lahmlegt und unser Fahrer zudem null Ahnung zu haben scheint, wie er auf dem schnellsten Weg nach Planegg kommt. Dauernd will er Richtung München fahren. Ich kann gerade noch abwenden, dass er am Kreuz Neufahrn auf die A9 fährt, aber am Kreuz West passe ich kurz nicht auf und schon finden wir uns auf der A8 wieder. Jetzt geht es zwar erst mal durch Pasing, aber ankommen tun wir natürlich irgendwann trotzdem.
Um Punkt 23 Uhr bin ich in meinem Zimmer und mein Urlaub ist beendet.
Die Arztbesuche nicht.