Sonntag, 16. September 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
Routenteil: دمشق Damaskus
Das Shami vom Parkplatz aus gesehen
Elf Tage bin ich nun schon im Shami Medical Care Center, wie sich der Laden hier zu nennen pflegt, es wird also mal Zeit für einen kleinen (oder großen?) Bericht vom Krankenhausleben. Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich morgen wohl nach Deutschland zurückfliegen werde und meine Zeit hier demnach zu Ende zu sein scheint.
Als ich am Abend des 6. September in das Zimmer gebracht wurde, hat mir mein Zimmer ja eigentlich gleich gefallen. Durch die große Fensterfront auf der Südseite sah ich von meinem Bett hinaus auf die Lichter der Stadt. Mein erster Eindruck von Damaskus war also ein Panoramablick auf dessen Lichtermeer. Aus meiner Bettperspektive – das Bett ist knapp höher als die Unterkante des Fensters und steht etwa anderthalb Meter davon entfernt – sah es so aus, als sei ich mindestens im fünfzehnten Stock des Krankenhauses untergebracht, denn bis auf ein einziges 20-stöckiges Gebäude in einiger Entfernung sowie ein Gebäude gleich zu meiner Linken war alles, wirklich alles in meinem Blickfeld niedriger als mein Zimmer. Dass das Krankenhaus gerade mal sechs Stockwerke plus drei Untergeschosse vorzuweisen hat und ich mich im vierten aufhalte, bemerkte ich erst am nächsten Morgen, als ich direkt am Fenster sitzend sah, dass das Krankenhaus am Rande der Stadt auf einem Berghang gebaut ist.
Insgesamt hat der Laden hier 70 Zimmer mit einer Gesamtzahl von etwa 100 Betten. Der offizielle Name »Shami-Attar-Bdeir – Medical Care Center« kommt durch die drei Teilhaber, Dr. Mohammad Shami, Dr. Abdul Rahman Attar und Mr. Zouheir Bdeir zustande. Im Jahre 1981 erbaut und somit 26 Jahre alt ist es heute laut eigener Aussage eines der führenden Krankenhäuser in Damaskus, wird aber gemeinläufig sogar als das beste Krankenhaus Syriens bezeichnet.
Damaskus ist für mich sozusagen genau das, was ich von meinem Fenster aus sehen kann. Nicht mehr, nicht weniger. Das Krankenhaus steht am Nordrand der Stadt, mein Blick geht gen Süden, ich kann über die ganze Stadt hinweg bis hin zu den Hügeln auf der anderen Seite sehen. Direkt vor mir befindet sich das scheinbar größte Grünareal der Stadt, welches so groß dann doch nicht ist. Die hiesige Gegend scheint eine der besten von Damaskus zu sein, die Grundstücks- und Mietpreise sind hier quasi unbezahlbar, den Erzählungen zufolge. Die Altstadt befindet sich schräg rechts, irgendwo hinter dem Sheraton, dessen Logo man in der Ferne gerade noch identifizieren kann. Da mein Zimmer ein Eckzimmer ist, habe ich auch auf der Westseite noch ein kleines Fenster, von welchem man auf einen großen Kreisverkehr direkt vor dem Krankenhaus blickt.
Panoramablick von meiner Fensterfront
Ansonsten sieht halt alles sehr nach Großstadt aus. Mit anderhalb Millionen Einwohnern ist Damaskus etwa ein Drittel größer als München. Doch ob es nun die größte Stadt Syriens ist, darüber scheinen sich die Syrer wie auch die Reiseführer uneinig zu sein. Im RKH wird Aleppo als größte Stadt bezeichnet, in anderen Führern steht es wieder andersrum. Mit Agglomeration kommt Damaskus auf etwa zweieinhalb Millionen, Aleppo wohl aber nur etwas weniger. Es scheint also auf die Betrachtungsweise und – wohl noch viel mehr! – auf die persönliche Herkunft und Präferenz anzukommen, auf welche Seite man sich in diesem Streit um das Primus-Dasein nun schlägt.
Zurück zu meinem Zimmer. Ich empfinde es als gemütlich eingerichtet und es weist genügend Platz auf. Von Bettkommode mit Schubladen über kleinen Tisch, drei Sessel, einen Stuhl bis hin zum Fernseher ist alles da. Das Bad ist eines der besten auf dem Stockwerk, die in blau gehaltenen Teile wie Waschbecken, Klo und Bidet scheinen recht neu eingebaut zu sein. Mein Bett lässt sich komfortabel per Knopfdruck auf verschiedene Weise verstellen, was ich vor allem nach der Erfahrung im anderen KH, wo dauernd jemand eine manuelle Kurbel unter dem Bett dafür betätigen musste, täglich würdige.
Mein Zimmer
Mein mehr oder weniger normaler Tagesablauf in dieser Anstalt beginnt damit, dass ich erstmal mehrfach gezwungenermaßen geweckt werde. Da ich meist sehr spät ins Bett gehe – warum, dazu kommen wir später noch – würde ich durchaus gerne bis 12 oder 13 Uhr durchschlafen. Die Betonung liegt auf durch(!)schlafen. Stattdessen geht es um kurz nach sechs am Morgen erstmal damit los, dass eine Krankenschwester der Nachtschicht zu mir kommt und mir ne Infusion ansteckt. Bis heute habe ich nicht genau gecheckt, was das sein soll, aber es scheinen irgendwelche Antibiotika gegen Infektionen zu sein. Kurz bevor die Nachtschicht sich gegen sieben Uhr verzieht, kommt nochmal jemand und nimmt mir das Ding wieder ab. Ich krieg davon meist so gut wie gar nichts mit, bin total verpennt und kann froh sein, wenn ich die Augen so weit aufkriege, dass ich das Mädel in der Dunkelheit erkennen und beim Namen ansprechen kann.
Es folgt jemand von der Morgenschicht, der mir Frühstück reinbringt. Das geht Allah sei Dank meist so leise von statten, dass ich es gar nicht bemerke. An den ersten ein oder zwei Tagen haben sie mir zu dieser Gelegenheit schon die Vorhänge aufgezogen, aber das hab ich ihnen schnell abgewöhnt.
Der wichtigste Moment folgt dann so gegen halb acht oder acht – wer weiß das schon so genau, hab nie wirklich auf die Uhr geschaut. Dr. Bashaar, leitender Oberarzt der Klinik (oder wie auch immer die deutsche Übersetzung dafür lautet) kommt zur allmorgendlichen Visite mit Entourage ins Zimmer. Inzwischen scheinen die Stimmen von ihm und seinen Begleitern bei mir schon eine Art Weckfunktion zu haben, denn meist wache ich nun schon auf, wenn sie sich noch vor meiner Tür über das zu Sagende und zu Tuende besprechen, doch wenn dem nicht so ist, werde ich direkt im Zimmer von einem extra lauten »Good Morning Danial!« geweckt. Dann heißt es, innerhalb von 3 Sekunden auf der Höhe zu sein. »How are you today?« ist der obligatorische Folgesatz und ich muss mich immer zusammenreißen, dass ich überhaupt etwas antworte. Wie soll ich schon wissen, wie es mir heute geht? Ist doch noch viel zu früh am Morgen! Außerdem geht es mir eh jeden Tag gleich und ich tue das selbe, also was soll sich schon verändern? Meine Standardantwort, an die ich mich nur ganz wenige Male nicht gehalten habe, lautet »Better than before« – und das reicht dann auch.
Jetzt macht sich Dr. Bashaar dran, den Verband zu wechseln und die Wunden zu kontrollieren. In der Zeit, als die Drainage drinnen war, hat er sie täglich ein bisschen rausgezogen und gekürzt. Außerdem wird ständig rumgedrückt, um möglichst viel Blut rausfließen zu lassen. Ich bin während der ganzen Aktionen so müde, dass ich gleichzeitig fast penne und nur bei extremem Schmerz mal eine Regung zeige. Sobald die Typen draußen sind, wird weitergepennt. In den letzten Tagen geht das auch um einiges besser, da die streng schauende Krankenschwester der Morgenschicht sich offenbar mit meinem Wunsch nach Schlaf angefreundet hat und mir die Vorhänge nach der Visite selbstständig ohne Aufforderung wieder zuzieht. Danke!
Doch die paradiesische Ruhe währt auch jetzt nicht lange. Nur wenig Zeit vergeht, bis zwei Typinnen kommen und sich täglich mit »Change the beddings?« ankündigen. Oh Gott, das heißt, ich muss aus dem Bett?!? Meine Standardantwort »La, chradan...« (»Nein, morgen«) lassen die beiden nicht mal jeden zweiten Tag durchgehen, stattdessen schmunzeln sie meistens und fangen an, an den Bettlaken zu ziehen, das heißt, ich muss mich doch für zwei Minuten auf einen Sessel schwingen und warten.
An manchen Tagen gibt es irgendwann später am Morgen noch eine Visite Nummer II. Da kommt dann der Prof. Dr. M. Shami, also der Namensgeber des Krankenhauses höchstpersönlich inklusive Dr. Bashaar vorbei, um sich nach meinem Status zu erkundigen und einige Worte zu sprechen. Als ich ihn das erste Mal sah, wie er zitterte und eigentlich eher gebrechlich wirkte, dachte ich, der ist nur noch für representative Zwecke hier am Start. Stattdessen erfuhr ich, dass er täglich Operationen durchführt und in Syrien als einer der besten Chirugen (für Lungenzeugs, wenn mich nicht alles täuscht) gehandelt wird.
Je nachdem, ob ich nun überhaupt noch schlaffähig bin oder nicht, kriege ich was von den Leuten mit, die mir das Zimmer und das Bad putzen. Außerdem wird der Mülleimer etwa fünf mal am Tag ausgeleert, also auch jeden Morgen zur Schlafenszeit. Wenigstens stören diese Leute aber nicht sonderlich. Schon eher störend ist da die Spritze in den Bauch, die ich jeden Morgen etwa zu dieser Zeit von Marylow bekomme. Offenbar irgendwas gegen Thrombose. Glaub ich zumindest. Ihren Hinweis, ich solle doch jetzt endlich mal frühstücken, nehme ich nicht selten zu Herzen, denn wer soll bitte jetzt nach den ganzen Veranstaltungen noch einigermaßen gescheit schlafen können?
»Happy Light«-Butter
Das Frühstück besteht aus einem Minibaguette, so 'nem dünnen Syrerbrotfladen, Butter, Marmelade, Oliven, Joghurt mit Öl (ich dachte es sei Honig, aber es schmeckt verdammt ätzend nach Öl!), La-vache-qui-rit, einem Ei, Milch und Tee. Davon esse ich meist nur das Baguette mitsamt Butter und Marmelade. Da die Butter nie ausreicht, habe ich mich inzwischen anderweitig um zusätzliche Quellen bemüht: ich kriege welche beim nächtlichen Frühstück um drei Uhr oder نورا Noura aka »Happy Light« bringt sie mir unterschrieben in der Nacht aufs Zimmer. Manchmal habe ich auf diese Weise auch zwei Baguettes oder so, aber eigentlich reicht mir auch eins. Ansonsten rühre ich von den anderen Dingen nur das Ei manchmal an, auf den Rest habe ich keinen Bock.
Unmittelbar auf mein spätes Frühstück folgt das Mittagessen. Manchmal steht auch schon – oder noch – beides da, wenn ich es doch schaffe, etwas länger zu pennen. Genau wie das Abendessen besteht das Mittagessen aus typischer Krankenhauskost, wie man sie auch aus Deutschland gewöhnt ist. Ich würde sogar sagen, sie ist hier besser, aber der Vergleich hinkt etwas, da ich in Deutschland nur Erfahrung mit einer staatlichen Zahn- und Kiefernklinik habe und da wird einem natürlich alles dreimal vorgekaut. Hier gibt es jedenfalls meist so Zeug wie Kartoffelpüree, Reis und Gemüse. Fleisch ist jedes zweite oder dritte Mal dabei, taugt mir aber manchmal net so wirklich, geschweige denn das Gemüse. (Jaja, Martin, ich weiß, ich bin allergisch auf Gemüse. *g*) Am meisten nervt mich aber, dass sich ausgerechnet die Speisen, die mir weniger genehm sind, am meisten wiederholen. Auch sonst gibts alles in allem etwa alle drei Tage das selbe, die erstgenannten drei Standardsachen wie Reis etc. noch öfter. Nachspeise gibts leider nicht wirklich immer, aber die ist dann meist ganz gut. Ich hätte eigentlich gerne noch viel mehr so Süßzeug wie den Pudding. Generell ist zu sagen, dass mir der Krankenhausfraß, so anständig er auch sein mag, inzwischen komplett zum Hals raus hängt. Wie gerne würde ich draußen in der Stadt essen.
Rasha und Noura
Am Nachmittag wird mein Zimmer meist ziemlich aufgeheizt. Durch die Südwest-Lage ist es ab etwa drei Uhr unerträglich, wenn man nicht schon lange vorher die Vorhänge zugezogen hat oder jetzt die Klimaanlage an macht. Ich bin kein Freund von Klimaanlagen, das wissen wir ja bereits, aber am Nachmittag lass ich sie dann doch fast jeden Tag zumindest mal ne Stunde laufen. Ansonsten reicht meist auch die kühle Luft, die die ganze Zeit durch meine Tür vom Flur hereinkommt, um eine angenehme Raumtemperatur zu garantieren.
Sobald ich nämlich »aufgestanden« bin, d.h. meinen bis in den Mittag hineinreichenden morgendlichen Schlaf innerlich für beendet erkläre, lasse ich meine Zimmertür sperrangelweit offen und fixiere sie auch entsprechend, damit sie nicht von selbst wieder zufällt. Und so bleibt das dann die nächsten 16 Stunden, egal ob ich nun im Zimmer bin oder nicht, bis ich mich wieder schlafen lege. Da die Tür quasi um die Ecke ist und mein Zimmer 402 am Ende eines kleinen Korridors ist, kann man auch nicht einfach durch zufälliges Vorbeigehen einen Blick rein werfen, sondern muss schon explizit eintreten.
Gute-Laune-Doktor
Das tun jedoch speziell in den letzten Tagen nicht gerade wenige. Mein Zimmer hat sich zu einer Art öffentlichem Wohnzimmer entwickelt, zum einen, weil ich dauernd offen lasse, und zum anderen, weil ich einen Großteil der Zeit eh mit dem Rollstuhl im Haus unterwegs bin und somit eh nicht da bin. Das nimmt solche Formen an, dass andere Patienten reinkommen, um ungestört mit dem Handy zu telefonieren, dass sich Ärzte auf meinen Sesseln niederlassen, um ihre tägliche Soap im Fernsehen zu verfolgen, dass halt einfach jeder rein und rausgeht, wie es ihm gerade passt. Dachte ich anfangs noch, dass es vor allem im Zimmer selbst langweilig werden würde, bin ich nun überrascht, dass es sich trotz seiner nicht sehr zentralen Lage auf dem Flur zu einem Mittelpunkt des 4. Stockes entwickelt hat.
أمل حجازى - نفسي تفهمني
Die Sache mit den fernsehenden Ärzten finden die Krankenschwestern so lustig, dass sich daraus ein richtiger Tratsch entwickelt hat. Ich selber schaue recht wenig fern. Nur in den ersten Tagen, als ich noch mehr an das Bett gebunden war, habe ich länger geschaut. Doch meist wurde mir nach ner Zeit sowieso schwindelig. Empfangen tut man hier etwa 15 Kanäle, angefangen von Syria I und Syria II über Al-Jaded, Al-Arabiya und Al-Jazeera bis hin zum Musikkanal Rotana Music oder dem Sender mbc, wo die wichtigsten Soaps zu laufen scheinen. Diese Soaps, die die Ärzte oder auch mein Freund Samer jeden Tag anschauen, sind übrigens dermaßen krasse B-Produktionen, dass es mir schon weh tut, wenn ich nur zwei Minuten zuschaue. Es gibt aber auch – hört hört! – zwei ausländische Sender: Deutsche Welle TV und CNN. Gerade für die eine oder andere Nachrichtensendung sind die zwei letztgenannten naturgemäß ganz gut zu gebrauchen. Ansonsten ist vorwiegend Rotana am Start, wo quasi arabische Musikvideos am laufenden Band ausgestrahlt werden, laufen, oft auch im Hintergrund beim Essen oder beim Halbschlaf am Nachmittag. نفسي تفهمني Nefsy Tefhamny von أمل حجازى Amal Hijazi ist zum Beispiel ein Ohrwurm, den ich nicht mehr loskriege. Und die panarabischen Charts kenne ich derzeit vermutlich in-und auswendig.
Jeder kennt mein Zimmer. Jeder kennt mich. Und ich kenne jeden. So könnte man mein Verhältnis zu Personal und Patienten des Krankenhauses beschreiben. Als einziger Ausländer – nebst Miro, von dem später mehr – in dem ganzen Schuppen hat man natürlich schon einen gewissen Bekanntheitsgrad. Dazu kommt, dass ich zum Beispiel auf meinem Flur inzwischen schon der Alteingesessenste, also länger als alle anderen da bin. Der Großteil der Patienten hier bleibt nur zwei bis vier Tage, oft für eine geplante OP oder ähnliche Sachen, gar nicht mal so sehr für Unfälle und deren Folgen. Das heißt also, alle die jetzt da sind, habe ich kommen sehen, habe ich begrüßt, habe ich mitunter irgendwelche Sachen gezeigt, wo man Wasser holt, oder was auch immer.
Besucher aus Zimmer 403
Die Folge davon ist, dass das ganze Krankenhaus, aber ganz speziell der 4. Flur, mein Freund ist. Ständig werden mir irgendwelche Sachen angeboten. Besucher bringen Essen von draußen mit und laden mich zu ihnen ins Zimmer der Verwandten oder Freunde zum Essen ein. Viele kommen in mein Zimmer, um zu fragen, wie es mir geht. Manche Besucher kommen gar von anderen Fluren extra herauf, um mit mir zu sprechen. Jeder will auf seine Weise irgendwie helfen. Wie man das hier so schön sagt, wir sind alle eine große Familie.
Das schließt natürlich auch das Personal ein. Von der Radiologie im Keller kommt der eine oder andere nach Dienstschluss zu mir, um kurz hallo zu sagen. Ärzte wie Krankenschwestern, jeder weiß, wer gemeint ist, wenn von »Danial« oder dem »almani« gesprochen wird. Und ich muss sagen, dass ich wirklich erschreckend oft Diskussionen mitverfolge, teilweise auch einfach nur von meinem Zimmer aus mithöre, in denen es um mich geht. Das geht so weit, dass Anrufer von außen allein aufgrund dessen, dass sie Englisch sprechen, mit mir verbunden werden. Ist eh für niemand anders. Und da ich vor allem abends nie auf dem Zimmer bin, weiß man inzwischen auch, wo man mich besser erreicht: Am Telefon der Krankenschwestern im vierten Stock, von dem ich inzwischen den Großteil meiner Gespräche aus führe, indem mir einfach der Hörer über den Tresen gereicht wird. Wenn ich nicht im vierten bin, dann versucht mans halt im ersten, und so weiter. Wenn sie in diesem Krankenhaus Piepser benutzen würden, hätten sie mir inzwischen bestimmt einen an den Rollstuhl gesteckt.
Mein Zuhause, 4th floor
Am späten Abend sowie in der Nacht bin ich sowieso nie auf meinem Zimmer, sondern verbringe meine Zeit mit der Nachtschicht. Die Krankenschwestern sind fast ausnahmslos zwischen 20 und 22 Jahre alt und manche sehen so aus, als hätten sie erstmal die Wahl zur Miss Syrien gewinnen müssen, um im Krankenhaus anfangen zu dürfen. Zum dumm Rumhocken auf dem Zimmer gibt es also eher wenig Grund. Ohne Frage hat die Nachtschicht außerdem die nettesten und lustigsten Leute aufzuweisen. Dieser Eindruck basiert zwar schon auf den realen Verhältnissen, aber man darf nicht vergessen, dass die Nachtschicht auch diejenige ist, die am wenigsten zu tun hat. Dass die Schicht pro Flur aus vier bis fünf Schwestern besteht, von denen höchstens mal zwei für ein paar Minuten gleichzeitig irgendwas arbeiten, wäre in Deutschland undenkbar. Von den 25 Schwestern allein auf den Patientenfluren wären da wohl drei Viertel längst wegrationalisiert worden.
Bei einem Monatsgehalt von 8710 Pfund ist das aber eher nebensächlich. Das sind derzeit etwa 130 (einhundertdreißig!) Euro im Monat! Das ist selbst in Syrien ein absoluter Hungerlohn. Seitdem ich das erfahren habe, habe ich auch volles Verständnis dafür, wenn die Nachtschicht und oft auch die Nachmittagsschicht (Rodayna, Suzan, Salma und Nadine lassen grüßen) total arbeitslos und ziemlich »mumill« – gelangweilt – rumhockt. Viele der Schwestern geben denn auch an, quasi zum Zeitvertreib hier zu sein. Bevor sie dumm zu Hause rumhocken, sind sie hier wenigstens (mit sich selbst) beschäftigt, tun was einigermaßen Gescheites, warten also auf diese Weise mehr oder weniger, bis sie heiraten. Zu meiner Überraschung sind nur die wenigsten bereits unter der Haube, also verlobt oder gar verheiratet. Der Großteil ist vogelfrei, zumindest so vogelfrei, wie man es als muslimisches Mädel in Syrien halt sein kann. Als Christin habe ich nur Lara im ersten identifiziert, die ist vermutlich noch etwas freier als die anderen.
Rasha beim Blutdruck Messen
Mit diesen Leuten verbringe ich also meine Nächte auf den verschiedenen Fluren, meistens aber auf meinem eigenen, dem vierten. Dort sind دسا Rasha, die Nachtschicht-Chefin, sowie بشرى Boshra, نور Nour, داليا Dalia und ريم Reem am Start. Manchmal ist auch Noura aka »Happy Light« (wegen ihrem ständigen Grinsen) aus dem dritten Flur für eine Nacht da. Sowieso kommen bei uns alle vorbei, da im vierten die Nachtapotheke ist und somit jede Schwester, die auf ihrem Flur irgendein Medikament braucht, erstmal zu uns kommen und es sich holen muss. Dadurch herrscht bei uns ständiges Kommen und Gehen, was die Zeit umso schneller vorübergehen lässt.
Hinterm Tresen
Im Normalfall sitze ich in meinem Rollstuhl auf der anderen Seite des Tresens und wir versuchen irgendwie zu kommunizieren. Dalia kann sogar einigermaßen Englisch und muss bei der Kommunikation mit den anderen oft aus der Patsche helfen. Mit denen läuft das nämlich so, dass ich einfach jeden Satz in drei verschiedenen Versionen auf Englisch sagen und dabei alle Künste der Zeichensprache anwenden muss. Selbst für einen Italiener bin ich wahrscheinlich in der letzten Woche zum absoluten Zeichensprachenexperten mutiert. Und die verschiedenen Versionen auf Englisch sind dafür gut, dass wenigstens irgendwelche Wörter verstanden werden und der Zuhörende sich den Sinn zusammenreimen kann. Von der Verwendung auch nur ein bisschen komplizierterer Grammatik muss darüber hinaus absolut abgesehen werden, d.h. die Verwendung jeglicher Vergangenheits- oder Zukunfts-Form ist zum Beispiel fatal. Geredet wir nur Präsens, egal um wann es geht. Die Liste an Regeln für die Kommunikation könnte man unendlich fortsetzen. Ein weiteres Beispiel wäre, dass nur die Standardpronomina verwendet werden dürfen. Am Ende kommt so etwas raus: Yesterday (rechte Hand macht eine Bewegung, die zweifach mit der Handfläche über die rechte Schulter nach hinten zeigt), I (Zeigefinger auf die eigene Brust), not (Zeigefinger links-rechts bewegend), see (Zeige- und Mittelfinger zeigen erst auf die eigenen Augen und dann in die Ferne), she (Zeigefinger entweder auf die Person, falls gerade da, oder schräg rechts Nach oben, falls Person nicht da). Korrekt wäre es »Yesterday I didn’t see her«, aber sowas versteht hier echt niemand. Mein ständiger Begleiter ist somit auch das Langenscheidt Taschenwörterbuch Arabisch, denn wenn es irgendwie geht, versuche ich natürlich alle englischen Wörter durch arabische zu ersetzen. Den obigen Satz könnte ich zum Beispiel inzwischen sinngemäß auch vollkommen auf Arabisch ausdrücken.
Bei unseren Diskussionen geht es um alles Mögliche, zum Spaß haben reicht aber allein schon die Anwesenheit von Rasha oder Noura, denn die sind beide echt fröhliche Gemüter. Tiefgründiger ist es hingegen, wenn wir versuchen, uns gegenseitig kulturelle Sachen zu erklären. So war ich zum Beispiel sehr überrascht, dass manche ihren Freund, sofern sie einen haben, nur etwa einmal im Monat sehen. Manche davon sogar nur heimlich, weil zum Beispiel der Vater gegen eine Heirat und somit auch jetzt gegen jeglichen Kontakt ist. Dass viele aus religiösen Gründen nicht fotografiert werden wollen, ist zwar schade, aber für mich nichts groß Neues. Neu sind hingegen Begründungen wie, dass der eigene Freund oder die Familie es nicht akzeptieren könnte, dass ein anderer Junge ein Foto von ihr hat. Oder dass man nicht aus dem selben Glas trinken kann, weil auch dies für den Freund oder die Familie nicht zumutbar ist. Rasha hat außerdem allein aufgrund der Tatsache, dass sie mit mir redet, richtige Probleme mit ihrem Freund Ala bekommen. Schon krass. Umso ungläubiger waren viele, wenn man ihnen von den Gewohnheiten in Europa erzählt, zum Beispiel dass sich da Jungen und Mädchen ohne weitere Gedanken am Tag treffen oder auch im selben Zimmer pennen können. Dass Freund und Freundin zusammen wohnen und auch noch ein Bett teilen können, ließ die gesamte Truppe sprachlos mit offenem Mund sitzen.
Lara, Waed, Faten, Fatima aus dem ersten Stock
Und so vergeht die Zeit mit Waed, Faten, Fatima und den ganzen schon genannten bis halb vier immer recht schnell, wo es seit dem 13. September, dem Beginn des Ramadans, schon die nächste Aktion gibt: Frühstück. Es gibt Zimmer, da wird Ramadan praktiziert, und Zimmer, wo nicht. Erstere bekommen jetzt schon ihr Frühstück geliefert. Aber nicht nur die Patienten frühstücken, auch wir tun es. Im ungefähr 1,5 Quadratmeter messenden »Nurses Locker« sitzen wir um einen kleinen Speisewagen und genießen ein königliches Frühstück, bei dem ich keine Angst haben muss, dass Brot, Butter oder Marmelade zur Neige gehen. Das ist für mich so ungefähr das abschließende Highlight, bevor ich meist so um vier Uhr rum zu Bett gehe. Ramadan sei Dank.
Ansonsten hat der Ramadan keine großen Veränderungen in die Abläufe des Krankenhauses gebracht. Abgesehen davon, dass es eben Ramadan-Zimmer und Nicht-Ramadan-Zimmer gibt, merkt man fast überhaupt nichts. Normales Abendessen gibts etwa um 17 Uhr, Ramadan-Essen nur wenige Minuten nachdem die Sonne hinter dem Berg verschwunden ist, etwa gegen 18.30 Uhr. Ach ja, seit Donnerstag isst Rodayna keine Nüsse mehr beim langweiligen Hinter-dem-Tresen-Hocken. Welch Sensation, gell? Aggressiv, wie ja ständig behauptet wird, ist hier auch keiner. Ist aber natürlich im Krankenhaus mit Klimaanlage und eher mittelmäßig viel Arbeit auch keine Kunst. Beim Busfahrer, der draußen in seinem 50 Grad heißen Bus den ganzen Tag rumfahren muss, kann ich schon nachvollziehen, wenn er ohne Trinken aggressiv wird. Bemerkenswert ist jedoch, wie stark seit drei Tagen der Verkehr zurückkgeht, sobald die Sonne untergegangen ist. Im Gegensatz zu vorher schauen die Straßen da echt wie leergefegt aus. Die wohl auffälligsten Boten des Ramadans sind aber die Muezzins, die schon vor vier Uhr morgens die ganze Stadt und somit auch mich ziemlich penetrant beschallen, während ich versuche einzuschlafen.
Samer mit Carmen auf meinem Rollstuhl
Mein wichtigster Freund auf Patientenseite ist Samer. Sein Bruder ist zwei Tage nach mir in mein Nachbarzimmer 403 eingezogen und wird dort wohl auch noch mehr als einen Monat bleiben müssen. In diesem Zimmer wohnen seitdem auch seine Frau und deren Tochter Carmen. Samer hingegen kommt jeden Tag vorbei, bleibt vor allem von ca. acht bis zwölf Uhr abends, hat aber naturgemäß nicht so wirklich Bock, die ganze Zeit im Zimmer seines Bruders zu hocken. Dadurch, dass er einigermaßen gutes Englisch kann, können wir uns ziemlich gut unterhalten und ich erfahre haarsträubende Sachen, die ich mir in Syrien sonst nichtmal vorgestellt hätte. Angefangen von seinem überaus polygamen Privatleben mit seinen entsprechenden Tricks bis hin zu den Randerscheinungen des Damaszener Nachtlebens, ich höre Erstaunliches. Er und damit auch seine ganze Familie sind Christen, das macht die Sache (für ihn) natürlich etwas einfacher, trotzdem bin ich über viele Dinge überrascht. Ach ja, und sein Job: Alkohol verkaufen. Teils legal, teils nicht, auf jeden Fall mit vielen interessanten Tricks. Er selbst bezeichnet es als kleine Mafia – und das glaube ich ihm echt aufs Wort. In meinem Rucksack befindet sich dementsprechend gerade so’n Alko-Fläschchen mit bestem Whiskey sowie eine komplette Flasche Wein. Getrunken wird hier im Zimmer, von diversen Leuten. Prost auf den Ramadan.
Waed, Majed und Carmen
Auch sonst habe ich aber mit der Familie hier am meisten zu tun. Von außen bringen sie mir meine »bestellten« Kekse mit oder laden mich auf KFC-Essen in ihr Zimmer ein. Gestern waren zum Beispiel die zwei Cousinen مجد Majed und وعد Waed da, Alter 15 und 24, mit denen sich Nachmittag und Abend erwartungsgemäß ganz lustig verbringen ließ, obwohl die sprachliche Barriere sogar noch größer war als mit den Krankenschwestern. Sie wollten heute wiederkommen, aber Samer hatte irgendwie keinen Bock, sie von weiter weg abzuholen. Permanent anwesend ist jedoch, wie oben schon geschrieben, die kleine fünfjährige Carmen. Meine große (!) Schwester. Und ich bin ihr kleiner (!) Bruder. Zumindest hat sie diese Bezeichnungen eingeführt und seitdem rufen wir uns auch auf diese Weise. Wie jede (kleine) Schwester kann das Mädel total süß oder auch nervig sein. Meistens ist sie Allah sei Dank ersteres und wir spielen irgendwelche komischen ausgedachten Spiele. Oder sie fährt mit mir aufm Rollstuhl durchs Gebäude. Dass sie erst recht mein Zimmer vereinnahmt hat, merkt man allein daran, dass es permanent voll mit ihren Spielsachen ist, die so ziemlich überall rumliegen. Und dass sie mich manchmal viel zu früh am Morgen wachrüttelt, obwohl ich die Tür über Nacht ja eigentlich zu habe, zeigt, dass sie das Zimmer ihres Bruders wirklich als das ihre betrachtet. Eigentlich normal. Wenn ich weg sein werde, wird sie hier wohl die alteingesessenste Herrin werden.
Miro auf seinem Bett
Ein weiter interessanter Kerl auf meinem Flur ist der Slowake Miroslav auf 409. Es gibt also doch einen weiteren Ausländer, doch Miro verlässt sein Zimmer sowieso höchstens zum Duschen und Wasserholen, daher kriegt man als »normaler« Bewohner eher wenig von ihm mit. Er ist vor vier Tagen hier angekommen, weil sein Fieber die Tage zuvor ständig zwischen 40 und 37 Grad gesprungen ist. Jetzt geht’s ihm gut und er wird wohl auch morgen von den UN abgeholt. Miro ist UN-Soldat, was anfangs alle glaubten, dass ich es auch sei. Die erste Woche musste ich mir mehrmals täglich Fragen wie »You Soldier?« oder »Anta UN?« anhören. Anfangs wusste ich gar nicht, was die alle wollen, aber offenbar sind die Hälfte aller verletzten Ausländer in Syrien UN-Soldaten, die auf den Golanhöhen, also auf besetztem Gebiet zwischen »der A- und der B-Seite«, stationiert sind.
Majed, Waed und ich
Mit Miro zu kommunizieren ist fast schwerer als mit allen anderen in dem ganzen Laden. Aktiv kann er soviel Englisch wie manche Krankenschwester, doch im Gegensatz zu denen kann er passiv eigentlich noch weniger als aktiv, da er seine eigenen Ausspracheregeln hat und daher andere nicht versteht. Das englische »school« (also »skuul« gesprochen) hat er erst verstanden, als ich Deutsch »Schule« gesagt habe, weil er es im Englischen »schul« ausspricht. Ich könnte da jetzt eine endlose Liste an Beispielen bringen. Außer den 10 Wörtern englisch kann Miro noch ein paar Wörter Arabisch (hat auch manchmal geholfen, man nimmt, was man kriegt) sowie auch ein paar Wörter Deutsch, die er in der Schule gelernt hat. Seine beste Fremdsprache ist Russisch, aber darin kann ich nun mal leider nur mit fünf Wörtern dienen, da kommen wir also nicht allzu weit. Mit Samer geht das schon etwas besser, der kann zumindest ne gewisse Basis an Russisch.
Ich besuche Miro mehrmals täglich im Zimmer und wir brauchen für einen Gedankengang etwa jeweils fünf Minuten. Wohlgemerkt die selbe Menge an Inhalt, für die mir in Deutsch 10 Sekunden reichen würden. Ich sage jeden meiner Sätze sowohl auf Englisch und Deutsch, und wenn es geht, schiebe ich noch ein paar arabische Wörter hinterher. Trotz dieser großen Hindernisse ist es sehr lustig mit ihm. Sein Gesicht, als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal anklopfte und reinkam, werde ich so schnell nicht vergessen. Totale Verwunderung.
Corinna und Simon
Wenn ich gerade weder durchs Haus schwirre noch mit jemandem rede und auch nicht TV schaue, vertreibe ich mir die Zeit mit Lesen. Drei Bücher haben mir Simon und Corinna mitgebracht: »Das Haus in Calabrien«, »Turning Thirty« (jeweils vom Hotel Riad in Hama) und »Like the flowing river« (von ihrer Gastgeberin in Damaskus, Danke!). Vom 8. bis 14. September waren Simon und Corinna in Damaskus und haben mich wirklich jeden Abend hier besucht. Es war schon sehr angenehm, jeden Tag mal ein bisschen Deutsch sprechen zu können und jemanden da zu haben, der auch beim Sturz und im anderen KH dabei war. Zum Labern hatten wir jedenfalls genug.
Ansonsten läuft mein Kontakt zur Heimat über Telefon. War es am Anfang noch ganz nett, einmal am Tag nen Anruf zu bekommen, so ist das jetzt etwas ausgeartet und nervt. Vor allem die Gespräche mit Familie sind zu häufig und zu lang. Ich mein, mir gehts hier eigentlich super, ich bin weder psychisch am Ende noch will ich hier unbedingt weg. Außerdem ticken die Uhren in Deutschland vollkommen anders. Hier ist alles total lässig und Zeit ist eher Nebensache, in Deutschland hingegen wird die ganze Zeit rumgestresst, wie nun mein Zustand sei, wann ich transportfähig bin und lauter so Zeug. Das hat auch der ADAC irgendwie nicht verstanden. Mag ja sein, dass der Otto-Normal-Urlauber im Krankenhaus in Rimini oder an der Costa Brava so schnell wie möglich in die Heimat zurück will, weil er ja ach so einsam ist und sich mit niemandem anfreunden will. Aber wie schon gesagt, mir geht’s gut und ich hab zumindest kein sonderliches Bedürfnis, extra schnell nach Hause zu kommen. Die ADAC-Leute wundern sich am Telefon entsprechend, dass ich so gut drauf bin.
So wie der Orschenkel schaut die komplette rechte Seite aus
Hier hingegen heißt es ständig »Kif halak?«. Das kann ich nicht mehr hören. Es hängt mir dermaßen zum Hals raus! Und bei der englischen Entsprechung »How are you?« krieg ich schon Aggressionen. So ungefähr jeder in diesem Krankenhaus benutzt eine dieser beiden Fragen als Standardbegrüßungsformel. Auf das Erstere kann man wenigstens recht einfach mit »Al Hamdulillah« antworten, aber was bitteschön macht man mit dem »How are you«? Da das vorwiegend von den Ärzten verwendet wird, da die ja die einzigen sind, die überhaupt etwas Englisch sprechen, dachte ich anfangs, ich müsse darauf richtig antworten. Erst als ich merkte, dass die Antwort im Grunde kein Aas interessiert, war mir klar, dass das hier genauso schrecklich zu sein scheint wie in Amerika oder bei den Francophonen mit ihrem bescheuerten »Ça va?«. Da lob ich mir doch Deutschland, wo ein »Wie geht’s?« wenigstens noch in der Hälfte der Fälle einigermaßen ernst gemeint ist. Jedoch auch dort leider mit immer stärkerer Tendenz zur unüberlegten Standardfloskel. Abgesehen davon weiß ich hier eh meist nicht genau, wie es mir nun wirklich geht. Gefühlter Stand ist im Grunde immer wie »ams«, also »yesterday«.
Proxymol
Mein gesundheitlicher Zustand ist zwar in den letzten elf Tagen kontinuierlich besser geworden, aber so genau kann ich das eigentlich gar nicht beschreiben. Man merkt eh keine großen Unterschiede, wenn man nur im Rollstuhl oder im Bett hockt. Anfangs war ich außerdem vollgepumpt mit harten Schmerzmitteln (»Taken Proxymol?«, Rasha *g*), und als diese auf Paracetamol reduziert wurden, hat auf einmal alles höllisch weh getan. Selbiges Spiel gabs dann nochmal, als ich vollkommen auf die Teile verzichtet hab und endgültig in der Realität angekommen bin. Im ersten Moment dachte ich, jetzt sei alles schlimmer geworden. Aber erst da merkt man eigentlich, wo man sich überall weh getan hat, denn vor allem kleinere Prellungen und Verletzungen habe ich vorher gar nicht gespürt, tun jetzt aber weh.
Zum Klo bin ich immer mit so einem Krückengestell gekommen, die letzten zwei Tage schaff ich die zwei Meter aber auch halb gebückt humpelnd ohne weitere Hilfe. Normales Stehen, also nicht laufen, geht inzwischen auch ganz gut. Ansonsten läuft der Rest mit Rollstuhl. Im Bett liege ich naturgemäß immer nur auf der linken Seite oder auf dem Rücken, was anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war, ich inzwischen aber als vollkommen normal empfinde. Wenn ich aufwache, habe ich auch gar nicht mehr das Bedürfnis, mich auf die rechte Seite zu legen.
Aufkleber auf der Radiologiemappe
Geführt werde ich ganz offiziell übrigens unter dem Namen »Daniel Roberto Scumidt-Loebe«. Auf dem Anmeldeformular, was ich schon am ersten Abend ausgefüllt habe, wurde wohl das »h« als »u« gelesen. Kein Problem, ich bin sogar überrascht, dass der Rest richtig ist. Doch noch lustiger finde ich, dass mir der Vorname meines Vaters als zweiter Vorname aufgedrückt wird. Hier ist es ja, soweit ich verstanden habe, üblich, dass der Nachname immer der Vorname des Vaters ist. Ein Name schiebt sich also in der nächsten Generation eins nach hinten und fällt anschließend ganz raus. Dass die aber auch bei mir »Roberto« hinsetzen, obwohl dahinter ja der normale Nachname folgt, ist irgendwie ne komische Mischung.
Am 9. September wurde ich unter Vollnarkose, die ersten meines Lebens, operiert. Es wurde eine Drainage gelegt, also ein Schlauch irgendwo an der rechten Seite in den Körper rein, damit das angestaute Blut ablaufen kann. Drei Tage bin ich also angezapft mit Schlauch und Behälter rumgefahren, dann wurde der Behälter weggelassen und jeden Morgen der Schlauch etwas rausgezogen und gekürzt, bis er heute morgen ganz raus kam. In den OP-Sälen da unten geht’s zu wie am Stachus. Man wird von den unterschiedlichsten Leuten ziemlich lieblos rumgeschoben, stößt ziemlich hart an irgendwelchen Ecken an, wird mal schnell in irgend’nem anderen OP-Saal zusammen mit anderen Patienten zwischengeparkt, dann wieder rausgeholt und weiter gehts im Chaos, das an den Damaszener Verkehr draußen auf der Straße erinnert. Die hygienischen Bedinungen sind außerdem schlechter, als ich erwartet hatte. Direkt neben meinem OP-Saal ist ne fette Rumpelkammer mit allem Möglichen drin, an den Wänden des Saals sieht man (Blut-?)Spritzer, gekachelt ist nichtmal bis an die Decke, geschweige denn die Decke selbst. Wenigstens bekam ich dann recht schnell die Spritze und es dauerte keine 15 Sekunden, bis ich während meiner Vorstellung bei den Leuten auf Arabisch weggepennt bin.
Zwischen dem 6. und dem 14. September wurde all mein Geld aus der Geldbörse geklaut, etwa 60 Euro insgesamt, aber natürlich nur ein Teil dessen, was ich insgesamt dabei habe. Ich schätze, es war am zweiten Tag im alten Krankenhaus bzw. auf dem Transport hierher, denn hier kann ich es mir einfach nicht vorstellen. Die meisten haben es hier nicht nötig, außerdem lag hier meine ganze Technik offen daneben rum und die wurde nicht angerührt, obwohl die 60 Euro ein Witz dagegen sind. So oder so, danke, dass der Rest nicht angerührt wurde. Nichtmal meine Fake-VISA und meine Fake-EC wurden mitgenommen.
Abschließend bleibt zu sagen, dass ich aus meinem ungewollten Urlaubsabbruch und meiner erzwungenen Residenz im Shami das Beste gemacht habe. Man hätte auch verbissen dahocken und sich ärgern können, aber ich hab eigentlich ziemlich viel Spaß gehabt, habe viele Leute kennen gelernt und war letztendlich so sehr mit der Bevölkerung in Kontakt, wie ich es draußen als Backpacker nie hätte sein können. Wahrscheinlich habe ich auch mehr Arabisch dazugelernt, als ich bis zu meinem Abflug in Cairo am 9. Oktober gelernt hätte.
Natürlich muss ich mir trotzdem der Tatsache bewusst sein, dass mein Bild von Syrien in gewisser Hinsicht jetzt ziemlich verzerrt ist. Dieses Krankenhaus ist nicht Syrien. Dieses Krankenhaus ist der Teil Syriens, der es sich leisten kann, hierher zu kommen. Intelligente, nicht allzu schlecht gestellte Leute, die mit ihren paar Wörtern Englisch mehr können als das Volk auf der Straße. Im Shami gibts halt keinen Pöbel.
Es war trotz allen Pechs ne echt schöne Zeit!
Maasalama Shami und alle seine Leute, von der Coffee-Shop-Reema bis zum anonymen Patientenfreund.
Im Bett beim Aufschreiben meiner Adresse für Simon