
Sonntag, 2. September 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
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Als uns fast die ganze Kompanie irgendwann spät nachts verlässt, stürmt gleich eine andere Horde ins Abteil, mit der wir uns schon kurz auf dem Gang unterhalten haben. Die Jugendlichen sind ebenfalls freundlich und es ist durchaus lustig mit ihnen, aber anstrengend ist es weiterhin.
Warum uns eigentlich alle auf Türkisch zutexten, wie wenn wir alles verstehen würden, kapier ich einfach nicht. Die labern alle 10 Sätze runter, wundern sich dann, dass man keine Antwort drauf hat, und anschließend lachen wir alle miteinander. Das ist ein paar Mal ganz nett, stundenlang kann es aber ganz schön auf den Geist gehen. Die Italiener sind im Gegensatz zu den Türken übrigens wahre Sprachgenies. Im ganzen Wagon scheint kein Mensch zu sein, der einigermaßen Englisch oder Französisch spricht. Einige wenige bringen noch Sachen wie »my name is« raus, doch das ist echt die Minderheit. Wenn jemand etwas sagen will, suchen alle gemeinsam nach den richtigen Vokabeln und gehen zu diesem Zweck sogar in andere Abteile, um nachzufragen. Unter solchen Voraussetzungen wird die Hände-Füße-Kommunikation natürlich stark gefördert.
Schlafen tu ich vielleicht insgesamt eine Stunde in zehn Häppchen à sechs Minuten. Mehr ist bei der ungemütlichen Enge, dem Lärm und den ständigen Ansprachen von anderen Leuten einfach nicht drin. Janosch und Richard schlafen etwas mehr, aber die hatten auch schon seit über 30 Stunden keinen Schlaf.
Höchst unausgeschlafen genießen wir am frühen Morgen ab Adana das etwas freiere Abteil. Eine Besetzung von vier bis fünf Leuten erscheint uns jetzt absoluter Luxus. Die Verspätung, die wir mangels sinnvoller Beschäftigung bei fast jeder Haltestelle minutengenau auf einer Tabelle mitschreiben, beträgt inzwischen 90 bis 99 Minuten. Die 100 erreichen wir entgegen unseren Erwartungen auf der ganzen Fahrt nie.
Die Zeit geht im durch Schlafmangel benebelten Zustand auch recht schnell um. Zu unserer Überraschung spricht uns noch weit vor Gaziantep ein Typ vom Zugpersonal an, ob wir nach Aleppo wollen. Nachdem wir dies bejahen, gibt er uns mit seiner Zeichensprache zu verstehen, dass wir unsere Sachen packen und uns bereit halten sollen. Warum, wissen wir auch nicht so genau, doch es scheint fast so, als würde man unsere Weiterfahrt organisieren.
Eine Viertelstunde später kommt der Typ wieder vorbei und wir folgen ihm durch den ganzen Zug ganz hinter in den syrischen Wagen. Auf dem Weg dorthin sammeln wir gleich noch ca. 10 weitere Backpacker ein, die alle nach Aleppo wollen. Im Wagen angekommen bestaunen wir den Komfort, mit dem die Fahrgäste hier die Nacht verbracht haben und ich treffe auch endlich die Australier wieder, in deren Abteil ich gleich mal die 220V zur Aufladung des GPS benutze.
Im Nachhinein muss ich jedoch sagen, war es weit interessanter, mit dem Pöbel die Nacht zu verbringen und original türkische Zugkultur mitzuerleben, als hier isoliert im fast ausschließlich von Europäern besetzten Schlafwagen rein gar nichts vom restlichen Geschehen mitzubekommen. Leute auf dem Flur? Dieselgeruch? Lokomotivenkrach? Bazarstimmung? Alles Fehlanzeige!
Am nächsten Bahnhof werden wir vom Taurus-Express abgekoppelt und vorne an einen langen Güterzug drangehängt. Das dauert eine halbe Ewigkeit, doch irgendwann bewegen wir uns langsam wieder vorwärts, zweigen aber auf die direkt nach Süden führende Strecke ab, fahren also gar nicht mehr über Gaziantep und weitere Haltestellen davor.
Am nächsten türkischen Bahnhof ist mal wieder Grenzkontrolle an der Tagesordnung. Auch hier ist Aussteigen angesagt und in irgendeinem Häuschen stellen wir uns für den Ausreisestempel an. Währenddessen improvisieren die Türken und der syrische Schaffner ein bisschen und hängen einfach einen türkischen Wagen vor den syrischen, wo die etwa 12 Backpacker Platz finden. Das nenne ich Service. Zwar ist der Wagen urdreckig und augenscheinlich älterer Generation, doch dass sie für uns Hanseln überhaupt spontan einen Wagen anhängen, wo theoretisch fast jeder ein Abteil für sich hat, ist schon ne tolle Leistung.
Die Weiterfahrt bis zur Grenze kostet ganze 6,50 Lira und ist damit, auf den Kilometerpreis bezogen, ungefähr zehnfach so teuer, wie die bisherige Strecke. Trotzdem spottbillig. Wirklich schnell geht es nicht voran, aber schließlich erreichen wir gegen eins die syrische Grenze, vor der wir nochmal ne halbe Stunde warten müssen, bis irgendein Güterzug auf syrischer Seite das Feld (=Gleis) geräumt hat.
Im Wagen ist neben zwei Schweizern und einem einzelreisenden Engländer, dessen Pass übrigens keine einzige freie Seite mehr aufweist, auch eine Gruppe von vier Engländern, die auf dem Landweg per Zug hergekommen sind. Vor einer Woche in London mit dem TGV/Eurostar gestartet, sind sie ohne Unterbrechung bis hierher gefahren. Entsprechend freuen sie sich auf zwei »Luxusnächte« im für meine Verhältnisse nicht gerade allzu billigen Hotel in Aleppo, das sie reserviert haben. Ein bisschen Komfort nach einer Woche Zug muss schon sein. Zurückfliegen werden sie in drei Wochen von Tel Aviv. Interessant ist, dass alle vier Sprachstudenten sind. Alle verstehen einigermaßen Deutsch, zwei können es auch sehr gut sprechen. Der eine davon hat sein fast perfektes Deutsch (!) in nur einem Jahr (!!!) gelernt. Sowas habe ich echt noch nie gesehen, ich bin absolut baff. Auch Französisch und Spanisch ist selbstredend kein Problem. Unsere Diskussionen drehen sich denn auch mehr um Grammatik und Spracheigenheiten denn um unsere Reisen.
Es ist inzwischen urheiß, die Landschaft hat sich allein auf den letzten 50 Kilometern gehörig verändert, und als wenn das nicht genug wäre, sind ab jetzt auch noch lange Hosen angesagt. In der syrischen Grenzstation bekomme ich jedoch erstmal einen Klimaanlagen-Kälteschock. Viel los ist hier nicht, kommt ja nur zweimal die Woche ein Personenzug vorbei. Güterzüge etwas öfter.
Die Leute aus dem Backpackerwagen müssen aussteigen, weil wir mit dem Bus weiterfahren werden. Soweit ich das verstanden habe, hat der Schaffner des syrischen Wagens einen Freund angerufen, der jetzt aus Aleppo kommt und uns abholt. Ich tausche meine letzten türkischen Lira in syrische Pfund, ansonsten warten wir gefühlte zehn Ewigkeiten, bis so ein Typ alle unsere Pässe – ca. 30 bis 35 Stück – durchgearbeitet hat. Jede Seite wird genau kontrolliert und der Typ schaut irgendwie auch recht angestrengt aus.
Als uns die Pässe ausgeteilt werden, bin ich am Ende der einzige, der keinen bekommen hat. Sozusagen aus einer Ecke werden ein paar Pässe geholt und ich werde gefragt, ob einer davon meiner sei, doch da ist nichtmal irgendwas Deutsches drunter. Ein paar Minuten lang suchen fünf Leute an allen möglichen Stellen nach meinem Pass, gehen ein und aus und telefonieren sogar. Soll der bitte schon so weit sein, dass man telefonieren muss? Ich finde es unterdessen eigentlich recht lustig, dass das erste, was mir in Syrien passiert, das Verschlampen meines Passes durch die Behörden ist. Kurz danach kommt jedoch der Oberchief mit hocherfreut grinsendem Gesicht, reicht mir meinen Pass und macht mit dem Streifen des Handrückens über die Stirn die Geste, die »Puh, gerade nochmal geschafft« bedeuten soll. Ich erfahre, dass mein Pass in den Schlafwagen gebracht wurde, weil irgendein Hosch wohl meinte, ich sei einer der normalen Fahrgäste.
Nachdem alle nur auf mich gewartet hatten, kann es nun im ultraengen Minibus losgehen. Zusammengepfercht geht es für läppische 100 Pfund typisch orientalisch halsbrecherisch fahrend Richtung Aleppo, wo wir knapp zwei Stunden später ankommen.
Wir sind da, es ist geschafft. Mit 19 YTL + 6,50 YTL + 100 SYP war das wohl die billigste Verbindung ever! Was Billigeres als lächerliche 15 Euro kann man sich von İstanbul nach Aleppo wohl gar nicht vorstellen.
Zusammen mit einem Engländer suche ich in Aleppo ein Hostel. Als wir drei durchhaben, welche jedoch alle voll sind, beginne ich langsam zu verstehen, warum jeder, den ich bisher fragte, irgendetwas reserviert hat. Beim Zahir ar-rabi, einem etwas gammligen, dafür aber sehr billigen Hostel finden wir dann doch noch Platz. Der Typ hat keine Lust, einen Raum zu teilen, ich werde ihn auch nicht wieder sehen, also nimmt er den letzten verbliebenen Raum und ich quartier ich mich im Dormitory ein, welches aber zu meiner Überraschung mit nur vier Plätzen überschaubar klein ist. Ganz im Stile der zwei Tage in İstanbul ist auch hier kein Strom vorhanden. Das heißt, dass ich nach 34 Stunden gammligen Reisens nicht mal duschen kann, weil es kein Licht gibt.
Unverrichteter Dinge ziehe ich einfach los durch die Stadt und aus meinem geplanten Schnupperspaziergang von einer halben Stunde wird eine dreistündige Tour, bei der ich schon die wichtigsten Stellen kennen lerne. Erster Eindruck von Aleppo: Die Stadt ist sehr orientalisch. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten, die ich gesehen habe, scheint die Zeit hier wirklich um einiges zurückgeblieben zu sein. Tunesien ist im Gegensatz hierzu reinstes Westeuropa. Marokko kann es hingegen in vielerlei Hinsicht – egal ob das nun Verkehr, ständiges Gehupe, die Leute oder der Souk ist – schon hiermit aufnehmen. Im Gegensatz zum Maghreb ist hier fast nichts transkribiert. So gut wie alle Schilder sind allein auf Arabisch und ich fange wieder an, mich im Lesen zu üben. Für etwa 3,50 Euro verleibe ich mir ein Festmahl bei direktem Blick auf die wunderschön beleuchtete Zitadelle ein und verirr mich auf dem Heimweg.
Auf Arabisch frage ich nach dem Weg zum Bab Intakya, von dem ich wieder nach Hause finden würde, doch lustiger Weise texten mich alle drei Leute, die ich frage, komplett auf Arabisch zu. Durch das Achten auf ihre Gesten verstehe ich trotzdem ungefähr, wo es langgeht.
Im Hostel gibt es wieder Strom und ich kann endlich duschen. Meine Zimmerkumpanen sind ein Japaner und eine Japanerin. Erfolgreich wende ich meine einzigen fünf japanischen Wörter an, die mir der verrückte Tretroller-Japaner im April in Sousse beigebracht hat. Das Mädel ist schon zum zweiten Mal in Syrien und kommt auch sonst alleine ganz schön viel rum. Überhaupt sind ziemlich viele Leute alleine unterwegs, wie ich merke.
Auf der Dachterrasse treffe ich zwei Deutsche – Corinna und Simon – wieder, die ich schon aus dem syrischen Wagen kannte, und laber noch viel zu lange, obwohl ich eigentlich längst schlafen wollte. Wir machen aus, dass wir uns morgen früh mit den Australiern treffen und gemeinsam die Stadt unsicher machen.
Schließlich hau ich mich um eins endlich ins Bett und hole wunderschön tief schlafend in neun Stunden meinen fehlenden Schlaf nach.
Saudischer Funk:
+966 569275638
Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.
Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.