Sonntag, 2. September 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
Routenteil: İstanbul, [Türkei / Syrien], Maydan Akpas, حلب Aleppo
Mein gefürchteter Weckton am Funkgerät ertönt um Punkt sechs Uhr und reißt mich aus meinem richtig guten Schlaf. Der Stromgenerator des Hostels ist mal wieder in vollem Gange und dröhnt zusammen mit dem heute morgen recht starken Wind durch die offenen Fenster. Eine warme Dusche kann ich mir wohl auch heute nicht erwarten. Von den vier oder fünf Duschen, die ich hier im Hostel hatte, war nur die erste warm, und eine war zur Hälfte ohne Licht.
Chris aka Till und Mikey
Ich packe meine sieben Sachen, während der Rest des Zimmers schläft, und um sieben gehe ich frisch (in jedem Sinne) geduscht und fertig bepackt an die Straße. Eine Minute später kommen zwei andere Jungs heraus. Sonntagmorgen um sieben? Wohin startet man da schon? »Aleppo« lautet die Antwort der beiden Australier Chris und Mark auf meine Frage, wohin es denn gehe. Zu dritt machen wir uns also auf den unerwarteterweise abenteuerlichen Weg nach Hayerpasa. Eigentlich dachte ich, dass alles klar sei, denn ich war gestern ja schon da gewesen, wobei ich jedoch nicht die richtige Linie genommen hatte, mir aber die richtige dann noch hab zeigen lassen. Als wir zur Haltestelle der gestern genommenen Linie kommen, war erstmal alles zu. Sollten die Linien nicht ab spätestens sieben in der Früh fahren, wie mir gestern gesagt wurde? Bei der Haltestelle der »richtigen« Linie dann das gleiche Bild, zusätzlich ein Schild, dass die erste Abfahrt um 8.20 Uhr sei.
Wir fragen einen Taxifahrer, wieviel er verlangt, um uns zum Bahnhof zu bringen. Angesichts seiner gleich null betragenden Englischkenntnisse und der Tatsache, dass bei einer solchen Fahrt ja der Bosporus und damit auch die normalerweise zahlpflichtige Brücke überquert werden müssten, trägt die Diskussion keinerlei Früchte. Während wir nun so rumstehen, bemerken wir zu spät, dass auf der ersten Linie nun doch eine Fähre startet. Mist. Schließlich gehen wir auf eine Fähre einer ganz anderen Linie, die um acht zwar an eine völlig falsche Stelle fahren soll, jedoch wenigstens überhaupt auf die asiatische Seite. Die Ironie des Schicksals will es wohl, dass wir beim Ablegen widerum eine andere Fähre beobachten, die gleichzeitig auf der fast richtigen Linie ablegt. Wieder Mist. Doch ab jetzt läuft wenigstens alles wie geschmiert. Der Taxifahrer, der uns zum Bahnhof bringt, scheint es dreimal so eilig zu haben wie wir, die Fahrt kostet schlappe 8 YTL und wir erreichen den Zug eine ganze Viertelstunde vor Abfahrt.
Ricci und Janosch
Abfahrt in Haydarpaşa
Nachdem wir uns noch am Kiosk mit Wasser und Proviant für die nächsten 35 Stunden versorgt haben, trennen sich hier unsere Wege erstmal, denn die beiden Australier haben schon vor einem Monat (Schatten?!?) den syrischen Schlafwagen gebucht, während ich mich nun auf die Suche nach meinem Wagen machen muss. Die an Toiletten erinnernde Angabe »00« auf dem Ticket hilft nicht gerade groß weiter. Im Wagen angekommen ist der Wortfetzen »keine Ahnung« das erste, was ich auf dem Gang höre. Ich treffe Richard und Janosch, die beide nach Damaskus wollen. Erst heute Nacht sind die beiden Freiburger von Basel aus mit dem Flugzeug gekommen und wollten natürlich auch einen Platz im syrischen Wagen. Von wegen der Wagen sei nie ausgebucht, auch sie wurden eines Besseren belehrt. An dieser Stelle daher einen schönen Gruß von uns dreien an die vielen Internetberichte, die standhaft diese Meinung vertreten.
Mit einer Minute Verspätung geht die Fahrt um 8.56 Uhr richtig gemütlich los: wir hocken zu dritt im theoretisch engen 8ter-Abteil und breiten uns nach Belieben aus. »Gemütlich« übrigens auch in anderer Hinsicht: Der Taurus-Express macht seinem Namen alle Ehre und hält auf der 1.391 Kilometer langen Strecke nach nur vier Minuten schon am ersten Kaffbahnhof. Das kann heiter werden.
Mutter mit Tochter (und mir)
Bereits nach wenigen Haltestellen wird unsere Dreierrunde auch schon gestört, denn eine Armada an Fahrgästen stürmt unseren Wagen. Wir versuchen das Abteil so »voll« wie möglich aussehen zu lassen, was jedoch letztlich wenig hilft. Eine Frau mit ihrer etwa fünfjährigen Tochter und der Großmutter gesellen sich zu uns ins Abteil. Die Truppe ist jedoch ganz nett und obwohl das einzige Wort, was wir in einer gemeinsamen Sprache sprechen, »Okay« ist, gibt es recht viele gegenseitige Kommunikationsversuche. Vor allem die Kleine entpuppt sich schließlich als Stimmungsmacher und scheint mich nach einiger Zeit mit ihrem persönlichen Clown oder Kindergärtner zu verwechseln. Als uns die drei in Bozüyük gegen 14 Uhr verlassen, empfinden wir es fast als schade, freuen uns aber über das wieder erlangte Platzangebot. Dass dies mit einer Minute nur von sehr kurzer Dauer ist und die Gesellschaft der drei die bei weitem beste war, die wir auf der ganzen Reise gehabt haben werden, soll uns erst später klar werden.
Station mit »Dorfschönheit« ;-)
Zug von hinten
Zug von vorne
Der ultraschnelle Taurus-Express fliegt unterdessen mit Überschallgeschwindigkeit auf direktem Wege durchs Land, hält nur an großen Metropolen und ist komfortabel wie das eigene Wohnzimmer. Auf gut Deutsch heißt das, dass wir mit undefinierbar langsamer Geschwindigkeit über eine kurvenreiche, eingleisige Strecke dahintuckern und an jedem noch so kleinen Kaffbahnhof halten. Wir zählen nur drei haltlos durchfahrene Bahnhöfe, halten aber laut Fahrplan an etwa 95. Seufz!
Elektrifiziert ist die Strecke nur bis Eskisehir, also ein relativ kurzer Teil, von dort aus geht es dann mit einer Diesellok weiter. Ich beneide die Fahrgäste früherer Jahre nicht um ihre dieselgetriebene Fortbewegung, im Gegenteil, eine Runde herzliches Beileid. Wir sind im zweiten Wagen und es ist teils ohrenbetäubend laut. Vor allem, wenn irgendwelche Schall reflektierenden Bauten oder Formationen nahe den Gleisen sind, ist eine Unterhaltung fast unmöglich. Dazu kommt der permanente Gestank verbrannten Diesels, der einem je nach Windrichtung schon mal den Atem nehmen kann. Schaut man kurzzeitig mal in einem falschen Moment aus dem falschen Fenster, fühlt man gleich eine angenehme Dieselschicht auf der Haut. In einem der wenigen Tunnels hört der Spaß dann aber auch endgütlig auf, denn dort ist der Zustand wirklich nicht mehr feierlich.
Bestehen tut der Zug aus zwei Wagen unnummerierter Sitzplatzabteile, zwei Liegewagen, einem Schlafwagen und natürlich dem syrischen Schlafwagen. Hinter der Lok ist noch irgendein besonderer Wagen mit Post, Lichtmaschine, Schaffnerabteilen und sonstigem Zeug, wirklich abgecheckt hab ich den aber nicht.
Dachte ich bis zum frühen Nachmittag noch, dass wir in der Nacht massig Platz haben werden, so muss ich diese Meinung bald revidieren, da es immer voller statt leerer wird. Der Gang wird zum Generalabteil und zur Abstellkammer für alle möglichen Körbe, Kisten und Tüten. Wir sitzen mit selten wechselnder Besetzung, im beinahe immer voll besetzten Abteil, welches mit ganzen 11 Personen auch mal um einiges überbesetzt ist. Die Nacht über sind Veysel, Suzan, Yusuf, Tufan und Fatma unsere Hauptbegleitung, die wir zwar als sehr freundlich, aber ehrlich gesagt auch als ziemlich anstrengend empfinden.
Yusuf, Veysel, ich, Janosch
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Ricci, Suzan, Tufan, Fatmo
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Streicheleinheiten ;-)
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Als uns fast die ganze Kompanie irgendwann spät nachts verlässt, stürmt gleich eine andere Horde ins Abteil, mit der wir uns schon kurz auf dem Gang unterhalten haben. Die Jugendlichen sind ebenfalls freundlich und es ist durchaus lustig mit ihnen, aber anstrengend ist es weiterhin.
Warum uns eigentlich alle auf Türkisch zutexten, wie wenn wir alles verstehen würden, kapier ich einfach nicht. Die labern alle 10 Sätze runter, wundern sich dann, dass man keine Antwort drauf hat, und anschließend lachen wir alle miteinander. Das ist ein paar Mal ganz nett, stundenlang kann es aber ganz schön auf den Geist gehen. Die Italiener sind im Gegensatz zu den Türken übrigens wahre Sprachgenies. Im ganzen Wagon scheint kein Mensch zu sein, der einigermaßen Englisch oder Französisch spricht. Einige wenige bringen noch Sachen wie »my name is« raus, doch das ist echt die Minderheit. Wenn jemand etwas sagen will, suchen alle gemeinsam nach den richtigen Vokabeln und gehen zu diesem Zweck sogar in andere Abteile, um nachzufragen. Unter solchen Voraussetzungen wird die Hände-Füße-Kommunikation natürlich stark gefördert.
Schlafen tu ich vielleicht insgesamt eine Stunde in zehn Häppchen à sechs Minuten. Mehr ist bei der ungemütlichen Enge, dem Lärm und den ständigen Ansprachen von anderen Leuten einfach nicht drin. Janosch und Richard schlafen etwas mehr, aber die hatten auch schon seit über 30 Stunden keinen Schlaf.