Donnerstag, 30. August 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
Routenteil: Bucureşti, [Rumänien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul
»Schreib mal was!« lautet die Aufforderung, die ich gerade von Christoph zu hören bekomme, als ich meine Tastatur zum Schreiben raushole. Er, seine Freundin Sarah und ich sitzen im Abteil des türkischen Liegewagens und fahren durch die bulgarische Dunkelheit gen İstanbul. Viel anders sah mein Tag heute auch nicht aus:
Mit zwei Wagen geht’s los
Mit wieder komplett neu bepacktem Rucksack und von Servers Mama frisch gewaschenen Klamotten sowie Wegproviant von seiner Oma komme ich um viertel vor eins am Gleis zwei des Bukarester Nordbahnhofs an. Dort wartet ein monsterlanger Zug mit lausigen zwei Wagen und einer Diesellok auf seine Passagiere. Ein türkischer Liegewagen, ein rumänischer Schlafwagen, das ist alles. Server und ich verabschieden uns und sehen uns wohl erst im nicht mehr so erfreulichen Kontext namens Uni wieder.
Reservierung & Fahrkarte
Meine Fahrkarte, die mir sein Vater Adrian vor ein paar Tagen gekauft hat, während wir noch unterwegs waren, ist komplett auf Deutsch beschriftet. Die Bukarester haben wohl Shopping-Tour in Deutschland gemacht und auch gleich noch einen Papiervorrat für die kommenden Jahrhunderte wie auch die Konfiguration übernommen. Sind auf der Fahrkarte die meisten Angaben noch zweisprachig Rumänisch und Deutsch, so schaut die Reservierung – mit Ausnahme des CFR-Logos – original aus wie in Deutschland erworben, gedruckt auf Papier der Deutschen Bahn: 2. Klasse, Liegewagen, oben.
Sarah und Christoph
Die Fahrt lässt sich lustig an, denn in meinem Abteil sind Christoph und Sarah aus Heidelberg (aktuell jedoch in Köln wohnende, mutmaßliche Kölsch-Trinker *g*) sowie zwei ältere Niederländerinnen. Letztere ziehen jedoch später ins Nachbarabteil um, so dass wir zu dritt richtig viel Platz haben und uns den Abend mit Labern, Fenstergucken und Kartenspielen vertreiben.
Der Zug verhält sich unterdessen eigentlich genau wie erwartet: Schön und gut, dass er laut GPS exakte 100 km/h Spitze fahren kann, doch wirklich ausnutzen tut er das so gut wie nie. Der Normalfall sieht eher so aus, dass er mit 40 bis 60 km/h vor sich hintuckert und alle Nasen lang anhält. Besonders an den Bahnhöfen, wo uns weitere Wagen drangehängt werden (jeweils der erste in Rumänien und Bulgarien), zieht schon mal ne gute halbe Stunden ins Land. Warum die Wagen außerdem hinter der Lok und nicht hinten am Zug angehängt werden, bleibt uns zudem ein Rätsel. Die Strecke ist auch nicht gerade in einem allzu berauschenden Zustand. Mit jedem Meter gen Süden scheinen die Vibrationen und Geräusche zuzunehmen.
Donaubrücke
An den zwei (bisherigen) Grenzstationen ist die zeitliche Lage nicht viel besser. Gut, dass es nur drei Wagen zu kontrollieren gibt, ich möchte gar nicht wissen, wie das sonst aussähe. Ebenfalls rätselhaft ist jedoch, warum ausgerechnet ich und eine Niederländerin bei der Ausreise aus Rumänien als einzige im Wagen die Pässe ein zweites Mal vorzeigen müssen. Ich bin jetzt mal gespannt, wie es beim Länderdreieck von Bulgarien, Griechenland und Türkei aussieht, denn nach dem, was mir der Server so erzählt hat, müssen wir dort vielleicht alle mitten in der Nacht aussteigen und uns zur Passkontrolle anstellen.
Die ganze Strecke ist übrigens erwartungsgemäß eingleisig, ab und zu ist also mal Warten auf einen Gegenzug angesagt. Bei dem nicht erwähnenswerten Verkehrsaufkommen, das man aus dem Zug heraus so erlebt, ist das aber bestens hinnehmbar. Mit all diesen planmäßigen Verzögerungen ist es jedoch auch kein Wunder, dass für die Verbindung 19 Stunden veranschlagt werden, wo der EN 286 von Rom nach München für die etwa gleiche Strecke (?) nur knappe elf benötigt.
Sehr ulkig ist, dass in ganz Rumänien – wie anscheinend auch in Bulgarien – an allen noch so kleinen Bahnhöfen, wo der Zug durchfährt, so wichtige Bahn-Typen mit roter Kappe und Signalkelle am Gleisrand rumstehen, um dem vorbeifahrenden Zug die Ehre zu erweisen. Eine bessere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme kann man sich wohl gar nicht vorstellen.
In diesem Sinne zum letzten Mal »drum bun« und »noapte buna«!
Freitag, 31. August 2007aus: Rumänien und Syrien 2007
Routenteil: Bucureşti, [Rumänien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul
Um halb drei geht es erneut mit Grenzformalitäten los. Erst kommt die Bulgarische Polizei durch und beäugt mich wieder etwas komisch ob der längeren Haare auf dem Passbild. Zehn Minuten später kommen nochmal irgendwelche Hoschs durch, die sogar »Zollkontrolle« auf Deutsch rausbringen, aber beim Anblick der deutschen Reisepässe gleich weitergehen.
Aufenthalt in Kapıkule
Türkische Stempel
Kurz bevor der Zug gegen halb vier in Kapıkule hält, überbringt uns der (übrigens sehr sympathische) Schaffner die frohe Botschaft, dass wir gleich alle zur türkischen Passkontrolle aussteigen müssen. Doch erstmal ist Warten im Wagen angesagt, bis ein ausreisender Zug sowie andere Wagen – inzwischen ist die Anzahl auf sechs angestiegen – unseres Zuges abgefertigt werden. Das Warten vor dem Polizei-Kabuff dauert auch nicht minder lange, so dass es inzwischen kurz vor fünf ist, als wir wieder in unser Abteil kommen – natürlich ohne dass das Ende absehbar ist. So lang, wie die Formalitäten bei manchen dauern, ist das aber auch kein Wunder. Bei den Deutschen läuft, wenn sie denn dann mal an der Reihe sind, das Scannen und Stempeln des Reisepasses hingegen in etwa 10 Sekunden ab.
Um viertel nach fünf läuft nochmal ein »Passeeportee controlee«-Typ durch den ganzen Zug, um zu prüfen, ob auch jeder einen Stempel hat, und irgendwann nach halb sechs, nach satten drei Stunden Grenz-Krempl, geht’s dann endlich weiter.
Mit zwei Stunden Verspätung erreichen wir um kurz vor elf schließlich İstanbul. Die anderen beiden haben Notizen zu verschiedenen Hostels mit sich und so finden wir recht schnell eine nette Bleibe. Die sanitären Anlagen sind in einem Zustand, wie ich ihn wohl auf dieser Reise nicht mehr erleben werde. Und auch sonst kann sich das Ding mit freiem Internet und Sechserzimmer für 20 Lira pro Person sehen lassen. Später erfahre ich zudem, dass ich als DJH-Mitglied nur 18 Lira zahlen muss.
Brücke übers Goldene Horn
Den kompletten Nachmittag ziehen wir durch İstanbul. Christoph war vor fünf Jahren schon mal hier, ich hingegen sammele erste Eindrücke. Explizit besichtigen tun wir heute nichts, doch wir laufen dermaßen viel, dass wir schließlich total fertig sind und die Füße schmerzen. Als Highlight empfinde ich unsere abendliche Pseudo-Rundfahrt auf dem Schiff: Für lächerliche 1,30 Lira pro Person – also dem normalen ÖPNV-Tarif – besteigen wir eines der Linienboote und fahren einfach (unerlaubter Weise) mehrere Stationen im Kreis ab. Das schöne Abendlicht mit Sonnenuntergang macht die Aktion ziemlich perfekt.
Auf dem Rückweg gehe ich am Bahnhof vorbei, um Zeiten und Tarife für den Taurus-Express in Erfahrung zu bringen, doch zu meiner Überraschung werden mir andere Informationen gegeben als erwartet. Der Kurswagen nach Aleppo startet offenbar sonntags anstatt donnerstags und außerdem soll es nach Aleppo ganze 100 Lira kosten. Zurück im Hostel prüfe ich das im Internet nach und sehe, dass der Wochentag nun wirklich auf Sonntag geändert wurde, die 100 Tacken können wohl aber nur für eine Person pro Abteil gelten, denn sonst sollte es 69 YTL kosten.
Galata-Turm
Dass der Kurswagen nun sonntags fährt, führt dazu, dass ich überhaupt über eine direkte Verbindung nach Aleppo nachdenke, denn bis Donnerstag hätte ich sicher nicht warten wollen. Beim Einholen der Auskünfte sprach ich also auch von Adana und Gaziantep, bekam für letzteres Ziel auch den richtigen Preis von 37 YTL genannt. Doch haben mir die beiden Typinnen auch dauernd was von »full« aber »couchette free« erzählt, was in Verbindung mit den sehr starken kommunikativen Defiziten auf sprachlicher Ebene dazu führte, dass ich komplett verwirrt bin.
Nach der Recherche im Internet entschließe ich mich also zu versuchen, ein 69 Lira teures Ticket nach Aleppo zu besorgen. Die jetzigen Schalterbeamten sind jedoch die wahre Inkompetenz in Person, haben von Tuten und Blasen keine Ahnung und erzählen mir obendrein, dass ich Tickets nachs Syrien ausschließlich am Haydarpaşa, also dem Abfahrtsbahnhof auf dem asiatischen Teil İstanbuls, erwerben könne. Kann ich zwar nur schwer glauben, dass das hier so dermaßen rückständig ist, aber was soll ich schon tun? Nun werde ich es morgen erst hier und dann ggf. am Haydarpaşa versuchen. Hoffentlich ist noch Platz und der Preis stimmt.
Nach meiner ganzen Bahnhof-Aktion mit dem ungefähren Verständnis von Bahnhof laufen wir zu dritt nochmal zwei Stunden an der Promenade entlang, machen unsere Füße endgültig kaputt, trinken einen Tee und kehren zum Hostel zurück.
Dort kämpft man nun, nachdem schon seit einigen Stunden die Hälfte des Gebäudes keinen Strom hatte, mit einem kompletten Stromausfall, bei dessen Eintreten ich mich gerade unter der Dusche befand.
Wie auch immer, der Ausfall hält an, das Licht ist aus. Jetzt wird gepennt.
Hagia Sophia
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Blaue Moschee
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